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Der „Train of Hope“ hält im Annenviertel

in VIERTEL(ER)LEBEN von
Seit drei Wochen helfen  Mustafa Durmuş und eine Vielzahl Freiwilliger ankommenden Flüchtlingen am Grazer Hauptbahnhof. Eine Geschichte von Menschlichkeit, Hoffnung und Überforderung.

Mustafa Durmuş arbeitet, wenn er nicht gerade hilft, als Integrationsbotschafter und Bewährungshelfer

Wie jeden Sonntag betritt Mustafa auch am 13. September den Bahnhof auf dem Weg ins Fitnessstudio. Freunde erzählen ihm von 80 Flüchtlingen, die letzte Nacht im Bahnhof übernachten mussten. An Training ist für ihn jetzt nicht mehr zu denken. Die Gruppe um Mustafa handelt schnell, als sie die Nachricht ereilt, dass bereits 300 weitere Flüchtlinge unterwegs sind. Sie kaufen Nahrungsmittel und Hygieneartikel, um die Ankommenden zu versorgen. “Für Facebookaufrufe war keine Zeit und niemand wollte etwas am Laptop machen,” schildert Mustafa die ersten Stunden. Dennoch steigt die Zahl an freiwilligen HelferInnen rasch. “Jeder wollte gleich mitanpacken”, betont der 27-jährige Wirtschaftsjurist, der auch Vorstand der Jungen Generation Steiermark ist.

„Die Leute haben nicht gewusst, wo sie sind“
Mustafa ist auch einer der ersten Helfer in den Bussen, die am Ostbahnhof eintreffen. Ihm offenbart sich ein Bild, das er so schnell nicht vergessen wird: Menschen, die seit Tagen nichts gegessen haben, ein Neugeborenes in dreckige Tücher gewickelt. Daneben die unterernährte Mutter, die ihr Kind nicht mehr stillen kann. Der Geruch wirft die Frage auf, wann der Bus das letzte Mal angehalten hat. „Die Leute haben nicht gewusst, wo sie sind“, erinnert sich Mustafa im Gespräch.

Um diese Menschen besser versorgen zu können, organisieren sich unter der Bewegung Train of Hope Graz verschiedene Organisationen und Freiwillige. So stehen nun auch DolmetscherInnen bereit, um die Fragen der Flüchtenden zu klären. Freiwillige teilen Hilfspakete aus und begleiten diejenigen zu Zügen, die weiter nach Deutschland oder Skandinavien wollen. “Österreich kennen nur wenige”, begründet Mustafa, warum viele weiter wollen. Die übrigen Flüchtlinge werden in Erstaufnahmezentren gebracht.

„Keine Barrieren, wenn es um Menschlichkeit geht“
Auf den Grazer Zug der Hoffnung springt unter anderem die Muslimische Jugend Österreich (MJÖ) auf. “Es gibt keine Barrieren, wenn es um Menschlichkeit geht”, bringt es Carola Ponjević, Vorstandsmitglied der MJÖ, auf den Punkt. Auch Mustafa bestätigt, dass Menschen unterschiedlichster Herkunft, Religion und Alters zusammenarbeiten.

Die Spendenausgabe
„Einige der helfenden Händen wurden fälschlicherweise mit Flüchtlingen verwechselt“, schmunzelt Mustafa. Foto: © TrainOfHopeGraz

Durch Plattformen wie Facebook und Twitter entsteht ein weit ausgebautes Netzwerk, über das sich HelferInnen organisieren. AnnenviertlerInnen zeigen sich hilfsbereit und stellen sogar private Räumlichkeiten als Spendenlager zur Verfügung.

Körperliche und psychische Grenzerfahrungen
Die Strapazen stehen Mustafa ins Gesicht geschrieben. Er nippt an seinem Tee und schnäuzt sich die Nase. “Ich bin seit drei Tagen k.o.”, erklärt er. “Fast alle der HelferInnen wurden früher oder später etwas krank.” Auch die psychische Belastung ist groß. Die tragischen Erlebnisse vieler Flüchtlinge, besonders die der unbegleiteten Minderjährigen, lassen niemanden kalt.

Personentunnel Graz: Fahrplan gibt es keinen, am Anfang herrscht Ungewissheit. Foto: © TrainOfHopeGraz

Mittlerweile hat sich der Großteil aber erholt. In weiterer Folge organisiert Train of Hope für alle Freiwilligen und Interessierten am Dienstag, dem 6. Oktober in der Augustinumhalle in Graz eine Informationsveranstaltung. Dort werden AnwältInnen und MenschenrechtsexpertInnen Auskunft über die rechtlichen Rahmenbedingungen für Helfende geben.

Trotz aller Anstrengung braucht es weiterhin tatkräftige Unterstützung – ein Ende der Flüchtlingsproblematik ist noch lange nicht in Sicht. Für Mustafa bleibt rückblickend neben all den positiven Erfahrungen auch ein wenig Frust: “Es ist schade, dass in einem Staat wie Österreich in der heutigen Zeit nichts ohne freiwillige Helfer geht.“

[box]INFO: Am 6. Oktober veranstaltet Train of Hope in der Augustinumhalle um 18:30 die Informationsveranstaltung „Darf man das?!“ über die Rechte von Helfern und Freiwilligen.[/box]
Text: Kathrin Hiller, Anna Holzhacker, Clemens Istel, Melanie Jaindl, Anja Liedl

Ein fesselndes Buch, ein guter Song, Kakao als Lebenselixier. Gerne grübelnd, dauernd denkend. Immer auf Achse, mit tausend Fragen im Kopf.

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