Vor dem Annenhof-Kino befindet isch ein Plakat mit dem symbolischen „D" der Diagonale

Was von der Diagonale 2026 bleibt

Lesezeit: 4 Minuten

Meine erste Diagonale: Was ich beim 29. Filmfestival in Graz über österreichische Produktionen, Innovationen und die Branche gelernt habe. Denn die Diagonale ist weit mehr als ein Kinoabend mit Cola und Popcorn.

Vorhang auf für die Diagonale

„Am Sonntag die Oscars und heute schon die Diagonale”, so eröffnete der Moderator David Scheid satirisch den Abend. Seine Rede warf meine Erwartungen an das Festival direkt über den Haufen. Der Comedian machte sich nicht nur über Politik und die Oscars lustig, sondern auch über die Diagonale selbst. Trotz des formalen Settings wurden selbst die schamlosesten Witze von der vollen Helmut-List-Halle mit herzhaftem Lachen belohnt.

Dagegen kann die Diagonale auch ernst sein. Schon in der Eröffnungsrede wird den Zuhörer:innen klar, in welcher Lage sich die Branche befindet. Die Streichung der Zuverdienstmöglichkeit bei Arbeitslosigkeit, Einsparungen bei kulturellen Förderungen und die von der FPÖ geplante Abschaffung der ORF-Landesabgaben treffen die Filmproduktion hart. In diesem Zusammenhang meinte Claudia Slanar, die gemeinsam mit Co-Intendant Dominik Kamalzadeh die Eröffnungsrede bestritt: „Wer an den Förderungen spart, spart an der Vielfalt. Diese ist beim Film kein dekorativer Zusatz, sondern ihr Lebenselixier.” 

Mit dem Schauspielpreis, der an Hilde Dalik verliehen wurde, begannen schon die Festlichkeiten. Locker und zugleich satirisch erzählte sie von ihren Erfahrungen als Frau und Mutter in der Branche sowie von sexuellen Belästigungen am Set, die nur wenige Jahre zurückliegen. Mich hat ihre Offenheit überrascht, mit der sie so persönliche Themen ansprach.

Wie bunt die Filmbranche sein kann, zeigt schon der Eröffnungsfilm „Rose”, der in Schwarz-Weiß gezeigt wurde. Schwarz-Weiß sei einfach schön, antwortete Regisseur Markus Schleinzer dem Moderator auf dessen Frage, ob Pigmente auch teurer geworden seien. Obwohl ich kein Fan von Schwar-Weiß bin, fand ich, zu diesem Film hat es gepasst, geht es doch um die Zeit des Dreißigjährigen Krieges, die keinesfalls farbenfroh war. 

Auf dem Bild ist eine große Leinwand mit der Schrift „Diagonale" drauf und davor steht die Filmcrew des Eröffnungsfims „Rose".
Die Filmcrew des Eröffnungsfilms „Rose“ Foto: Erja Mair

Wie also tickt die Diagonale? Um das herauszufinden, habe ich mir in den folgenden Tagen insgesamt neun Filme angeschaut, war beim Film-Walk durch den Land und habe mir Künstler- und Branchengespräche angehört. Eines vorweg: Die Vielfalt im Programm und die Entspanntheit der Atmosphäre hat mich durch das gesamte Festival begleitet.

In den folgenden Tagen wird diese Vielfalt noch sichtbarer. Zum Beispiel wurde der Film „Portrait of Nowness” von Juri Rechinsky und Mario Hainzl ausschließlich mit Bodycams gedreht, „All my sisters”, die Doku über weibliche Selbstbestimmung im Iran von Massoud Bakhshi entstand über eine Spanne von 18 Jahren. Und die Performancekünstlerin Billy Roisz sagte zu ihren Kurzfilmen: „Sound is one of the main protagonists.” 

Natürlich muss nicht alles gefallen. Manche Filme mag man einfach weniger, auch wenn ihre Idee noch so innovativ und durchdacht ist. Filme sind Kunstwerke, die bestaunt, verstanden und hinterfragt werden sollen. Auch toll am Programm: Fürs Hinterfragen und Debattieren standen Regisseur:innen und Crew nach jeder Vorstellung bereit.

 

Zwischen Realität und Fiktion

Vor den Filmen lief einer von drei Diagonale-Trailern. Der Regisseur Michael Gülzow ist mit seiner Ausstellung „Das Tor zur Unwirklichkeit” noch bis zum 29. März im Kunsthaus vertreten. Schon 2025 war Gülzow auf der Diagonale mit seinem Spielfilm „Der tote Winkel der Wahrnehmung”. Die diesjährigen Trailer lassen verschiedene Jahrhunderte aufeinandertreffen. Die Sequenzen erinnern an einen französischen Avantgarde-Krimi, der in Zukunft und Vergangenheit spielt und eine Illusion von Wahrheit erstellt. Im Künstlergespräch zu seiner Ausstellung erklärt er zum Titel, „Unwirklichkeit” sei nicht so negativ wie „Lüge”, denn die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion würden immer weiter verschwimmen. Auf den drei großen Bildschirmen werden fiktive Sci-Fi, News-Sequenzen und alternative Medien zeitgleich oder nacheinander abgespielt. Die Trailer hatten für mich einen 60er-Jahre-Kamerastil, was gut zu den kleineren Retro-Fernsehern der Ausstellung passte.

Der Künstler Michael Gülzow vor seiner Ausstellung
Künstler Michael Gülzow während dem Gespräch zu seiner Ausstellung Foto: Erja Mair

Filme gibt es bei der Diagonale aber nicht nur in geschlossenen Räumen. Der Street Cinema Walk verwandelte den Lend in eine einzige Leinwand und bespielt dabei Hauswände und Innenhöfe. Seit 2013 radeln die Mitarbeitenden von „Street Cinema Graz” Projektor und Soundanlage durch den Lend. Dieses Jahr war sogar das Wetter schön, was den Walk umso besser machte. Dieses originelle Filmerlebnis hat mir zugleich neue Orte im Viertel näher gebracht. Einen der Filme kannte ich bereits aus einem Kurzfilmprogramm: „Flim Flam” von Siegfried A. Fruhauf, der mich im Kino fast über die Reihen und Sitze erbrechen ließ, so hypnotisierend und irritierend waren die Aufnahmen. Hier im Freien war das kein Problem. Learning: Das „Innovative Kino“ spielt eben keine Hollywood-Blockbuster, sondern experimentiert mit dem Publikum.

 

Film, pleite, verzweifelt

Eben weil es keine Hollywood-Blockbuster sind, tauchten die ernste Lage und die Angst vor Arbeitslosigkeit im Programm immer wieder auf. Auf der Leinwand zeigte dies Sebastian Brauneis mit dem Film „AMS – Arbeit muss sein”. Vom Film konnte man im Vorfeld bereits viel lesen, dementsprechend schnell waren auch die Tickets ausverkauft. Glücklicherweise ergatterte ich eines der letzten, in der zweiten Reihe am äußersten Rand, der restliche Saal war ausgebucht. Ich war noch nie zuvor auf einer Weltpremiere, der Publikumsandrang war fast oscarreif. Nach der Vorstellung berichteten die Schauspieler:innen von ihrem ständigen Hin und Her mit dem AMS: „Fast jeder Schauspieler war schon beim AMS“, witzelte Hauptdarstellerin Margarethe Tiesel, die 2023 den Großen Diagonale-Schauspielpreis erhalten hatte.

„Der Film AMS wäre der Vorfilm zu diesem Gespräch”, kommentierte am Sonntag die Moderatorin des „Cinema Next Breakfast Club” im Volksgarten Pavillon. Zum Motto „Brotlos(e) Leiden(schaft)” hatten alle möglichen Berufszweige, die an Filmen beteiligt sind, Erfahrungen gemacht und geteilt. „Um einen Film zu machen, musste ich mich selbst ausbeuten”, beschrieb Direktorin Josephine Ahnelt ihre Situation. Mir dämmert, wie nahe viele Filmschaffende an der Armutsgrenze balancieren. Schon jetzt erzählten Anwesende des Gesprächs von zwei, drei oder vier Standbeine, um über die Runden zu kommen.

 

And the Oscar goes to

Am Ende wurde noch einmal ausgiebig mit Preisen gefeiert. Der Publikumspreis der Kleinen Zeitung ging an „The Stories”, eine Liebesgeschichte zwischen zwei Brieffreunden aus Österreich und Ägypten von Abu Bakr Shawky. Da ich den Film zufällig kurz vor der Preisvergabe gesehen habe, kann ich sagen, er hat zurecht gewonnen. Die Geschichte behandelt die Zeiten des Krieges in Ägypten im Kontext einer Familie. Sie zeigt die Zweifel am eigenen Schaffen und hat mich inspiriert, das Schöne im Leben nicht zu vergessen, auch wenn man vom Pech verfolgt scheint.

Bei der Preisverleihung am Montag im Annenhof-Kino erhielten 19 Preisträger:innen die „goldene Nuss”, den von der Künstlerin Anna Paul gestalteten Diagonale-Preis. Wie es wohl so oft ist, verpasste ich genau die preisgekrönten Filme: Den großen Diagonale-Preis für den besten Spielfilm erhielt „B wie Bartleby” von Angela Summereder und der beste Dokumentarfilm war „Baba, what’s your plan?”, ein Film von Tolga Karaaslan. Da 19 Preisübergaben stattfanden, waren die Awards ein ermüdendes Reigen aus Ankündigung, Applaus, Rede, Applaus, Preis, Applaus…

Titelbild: Das Diagonale-Plakat vor dem Annenhof-Kino Foto: Paul Grunder

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