Hat Pornografie an der Kunstuniversität Graz Platz?

Lesezeit: 3 Minuten

Pornografie als Kunst? Ein Newsletter-Hinweis auf die „PornNights“ entfachte an der Kunstuniversität Graz eine Debatte über Lehre und Tabus. Eine Aussprache im Jänner sollte den künftigen Umgang der Universität klären.

Autorinnen: Julia Fuchs, Franziska Küer

Ein Veranstaltungshinweis genügte, um an der Kunstuniversität Graz (KUG) eine Grundsatzdebatte auszulösen. Anfang November wies das Zentrum für Genderforschung und Diversität (ZfGD) in einem Newsletter auf die „PornNights“ hin. Das Festival der RosaLilaPantherInnen thematisiert Pornografie, Sexualität und Aufklärung. Was als bloße Information gedacht war, wurde von einzelnen Lehrenden als Grenzüberschreitung wahrgenommen.

Kerstin Feltz, Professorin für Violoncello an der Kunstuniversität, reagierte damals mit einem Rundschreiben an ihre Kolleg:innen, in dem sie den Veranstaltungstipp scharf kritisierte. Pornografie habe weder etwas mit Kunst zu tun, noch gehöre ihre „Bewerbung” an eine Ausbildungsstätte, argumentierte sie darin. Die Ankündigung empfinde sie als Entwertung ihrer Arbeit. Die Universitätsleitung reagierte zunächst intern und plante eine Diskussionsveranstaltung im Jänner, um den Konflikt zu lösen.

Doch der Konflikt blieb nicht innerhalb der Universität. Im Dezember griff die „Kleine Zeitung” die Auseinandersetzung auf und sprach von „tiefen Gräben” zwischen Dozent:innen und dem Zentrum für Genderforschung und Diversität. Doch ließen sich die vermeintlich tiefen Gräben mit der Diskussionsveranstaltung tatsächlich überwinden – und worum ging es den unterschiedlichen Positionen tatsächlich?

Zwei Verständnisse von Sexualität

Man muss zwischen Erotik und Pornografie unterscheiden”, erklärt Feltz im Gespräch mit der Annenpost ihre Position, Sexualität ist sehr wohl Kultur, aber keine Kunst.” Feltz zufolge wurde ihre Haltung auch in ihrem bereits angesprochenen Rundschreiben an Kolleg:innen deutlich. Die Pornografie verleitet die Student:innen zur Ablenkung”, sagt sie. Auch andere Stimmen aus Kollegium und Verwaltung würden laut Feltz diese Ansicht teilen und vor einer zunehmenden Sexualisierung der Gesellschaft warnen.

Joe Niedermayer, Geschäftsführer der RosaLilaPantherInnen, sieht den Sinn der „PornNights” hingegen genau in diesem Punkt. Der Titel ist bewusst provokant gewählt”, erklärt er auf Nachfrage. Im Kern gehe es jedoch nicht um Sexualisierung oder Fetischisierung, sondern um die Förderung eines gesunden und offenen Umgangs mit Sexualität – auch, um problematische Entwicklungen wie frauenfeindliche Pornografie zu thematisieren. Neben Formaten wie Bondage-Kursen oder Porno-Karaokestanden während der zwei Festivalwochen im Herbst auch Vorträge über Syphilis oder eine Sex and Crime”-Tour durch Graz auf dem Programm, um eben solche Aufklärungsarbeiten zu leisten.

Kritische Stimme: Cello-Professorin Kerstin Feltz lehnt Pornografie als Teil der künstlerischen Ausbildung strikt ab. – Foto: Julia Fuchs

Ein Kommunikationsproblem

Doch welchen Zweck hatte die Bekanntmachung des Events an der Kunstuniversität selbst? Rektor Georg Schulz betont im Gespräch mit der Annenpost: Es gibt Veranstaltungen, die für den einen relevant sind, und für den anderen nicht.“ Auch für die künstlerische Praxis sei das Thema zentral, so Schulz: „Die Darstellung von sexuellen Handlungen kommt in Schauspiel und Musiktheater ständig vor. Auch für unsere Studierenden ist das ein Thema: Wie stelle ich das dar? Wie gehe ich damit um, wenn eine Regisseurin oder ein Regisseur von mir etwas verlangt, was ich so nicht machen möchte?“ Daher sei die Information über solche Veranstaltungen essentiell – wer sich dafür nicht interessiere, müsse schließlich nicht darauf eingehen.

Die eigentliche Problematik lag jedoch offenbar woanders. ZfGD-Leiterin Christa Brüstle räumt in einer schriftlichen Stellungnahme an die Annenpost Versäumnisse ein. Der von den RosaLilaPantherInnen übernommene Satz „Pornografie als Kunst und Kultur“ hätte deutlicher kontextualisiert werden müssen. „Dadurch entstand der Eindruck, die Kunstuniversität positioniere sich selbst in dieser Form.” Allerdings verweist das ZfGD darauf, dass es vor der medialen Zuspitzung kein direktes Gespräch mit den kritischen Kolleg:innen gab – „obwohl ein solcher Austausch möglich und auch wünschenswert gewesen wäre. Eine frühzeitige Klärung hätte den Konflikt vermutlich entschärfen können”, heißt es weiter in der E-Mail, die an die Annenpost gegangen ist. Zusätzlich, so das ZfGD, wird am Ende des Newsletters um Rückmeldungen bei Beschwerden gebeten. Dies wurde jedoch ebenso nicht genutzt.

Das vorläufige Ende einer Debatte 

Die geschlossene Diskussionsveranstaltung am 21. Jänner an der KUG, welche den Konflikt lösen sollte, wurde auf Nachfrage der Annenpost von allen Beteiligten als respektvoll und konstruktiv beschrieben. Das ZfGD kündigte an, künftig klar auszuweisen, wenn in ihrem Newsletter Texte von externen Veranstalter:innen übernommen werden. An bestehenden Kooperationen – wie mit den RosaLilaPantherinnen – wolle man jedoch festhalten. Diese seien sinnvoll, notwendig und geschätzt. Zudem sollen die Verteilerlisten künftig besser sortiert werden – aktuell erhalten automatisch alle Studierende den Newsletter. Dies liegt allerdings nicht im Zuständigkeitsbereich des ZfGD. Die Beteiligten wollen künftige Debatten nach Möglichkeit zunächst intern führen, bevor sie nach außen kommuniziert werden.

Inhaltlich bleibt die Meinungsverschiedenheit jedoch bestehen. Feltz hält an ihrer zentralen Forderung fest: Pornografie hat an Ausbildungsstätten in der Form nichts zu suchen. Ob der Konflikt nun undeutliche Kennzeichnung, unterschiedliche Kunstverständnisse oder das Aufeinandertreffen traditioneller und moderner Wertehaltungen, also einen Generationenkonflikt, widerspiegelt – eines zeigt die Debatte deutlich: Pornografie ist nicht nur an der Kunstuniversität ein vieldiskutiertes Thema.  

 

Titelbild: Schauplatz der Debatte: An der Kunstuniversität Graz entbrannte nach einem Newsletter-Hinweis eine Grundsatzdebatte über das Verhältnis von Pornografie und Kunst. – Foto: Julia Fuchs

Infobox:

Das Zentrum für Genderforschung und Diversität ist eine Organisationseinheit der Kunstuniversität Graz, die die Aufgaben der Gleichstellung, Frauenförderung und Geschlechterforschung koordiniert. Diese Aufgaben sind nach § 19 Abs. 2 Z 7 des Universitätsgesetzes für alle österreichischen Universitäten gesetzlich vorgeschrieben.

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