Diana Müller und Domenica Fučik setzen sich gemeinsam für die Gesundheit von jungen Frauen und Mädchen ein.

Die Mädchensprechstunde als Safe Space

Lesezeit: 4 Minuten

Egal ob Fragen über den weiblichen Zyklus oder Probleme mit der eigenen sexuellen Gesundheit: Die Mädchensprechstunde im Gesundheitszentrum Reininghaus bietet jungen Frauen und Mädchen seit fast einem Jahr einen Ort des Vertrauens. 

Autorinnen: Johanna Volk, Elisa Lerch

Seit mehreren Nächten kann Melanie, die in Wirklichkeit anders heißt, nicht mehr schlafen. Letzte Woche erfuhr sie, dass sie schwanger ist. Sie hat Angst und empfindet Scham. Sie weiß weder, was eine Schwangerschaft jetzt für sie bedeutet, noch welche Maßnahmen sie ergreifen sollte. Zuhause kann sie nicht über ihre derzeitige Lage reden. Das Thema ist für ihre Eltern ein Tabu. Melanie fühlt sich alleine. Sie weiß nicht wohin. 

Das ist nur einer von vielen Fällen, in denen Hilfsangebote für junge Frauen und Mädchen unverzichtbar sind. Melanie wandte sich an so ein Hilfsangebot: das Gesundheitszentrum Reininghaus, das seit fast einem Jahr immer montags eine Sprechstunde anbietet. Das Angebot ist kostenlos und anonym und wird von Diana Müller und Domenica Fučik betreut. Die beiden sind als Sozialarbeiterin und Hebamme im Gesundheitszentrum tätig und es ist ihnen besonders wichtig, junge Frauen auf ihrem Weg ins Erwachsenwerden zu begleiten und Unsicherheiten aus dem Weg zu schaffen. 

Ein Jahr Mädchensprechstunde

Vor über einem Jahr entstand im Gesundheitszentrum Reininghaus die Idee, Frauengesundheit zu fördern: Die Mädchensprechstunde wurde geboren. Im März 2025 wurde ein eigenes Team für die Gesundheitsförderung gegründet, erzählt Diana im Gespräch. Sie ist seit Anfang an Teil des Projektes. „Andere Organisationen oder Angebote für junge Frauen liegen oft im Zentrum von Graz. Uns war es wichtig, dass wir auch im Stadtteil Reininghaus eine Möglichkeit für Mädchen bieten. Es ist uns ein Anliegen, dass die Mädchen und die jungen Frauen wissen, dass es jemanden gibt, der für sie da ist.”

 Domenica Fučik ist als Hebamme im Oktober zur Mädchensprechstunde dazugestoßen. „Mir ist es wichtig, dass Mädchen nicht nur mit ihren psychischen Problemen geholfen wird, sondern, dass auch Fragen, die den weiblichen Zyklus und den Körper betreffen, geklärt werden. Wie zum Beispiel die Hormonumstellung oder welche Verhütungsmethoden es gibt.”

Das Gesundheitszentrum Reininghaus bietet jungen Frauen in einem noch wachsenden Stadtteil Halt.Das Gesundheitszentrum Reininghaus bietet jungen Frauen in einem noch wachsenden Stadtteil Halt. – Foto: Gesundheitszentrum Reininghaus

Wie gut geht es Frauen wirklich?

Rund 15 Prozent der österreichischen Frauen sind in ihrem Leben von psychischen Krankheiten betroffen, bei Mädchen unter 20 Jahren sogar 29,7 Prozent, heißt es im Frauengesundheitsbericht 2022. 632.000 Frauen sind in Österreich von Armut betroffen. 26,61  Prozent mussten außerhalb von einer Partnerschaft schon einmal Gewalt über sich ergehen lassen.

Ernüchternde Zahlen. Zwar gibt es schon vielfältige, teils kostenfreie Angebote, die Frauen und jungen Mädchen in Graz bei Gewalt oder anderen Fragen helfen, wie zum Beispiel Mafalda oder der Verein Frauenservice. Genug sei das dennoch nicht, sagen Domenica und Diana. Auch die Abschaffung der Mehrwertsteuer auf Menstruationsprodukte und Verhütungsmittel sei zu wenig. „Es muss aufgeklärt werden, auch im alltäglichen Schulunterricht. Nicht nur bei den Mädchen, es betrifft auch die Burschen. Man kann nicht früh genug anfangen, aufzuklären. Das kann auch schon im Kleinkindalter spielerisch beginnen.” Auch um Missbrauch an Mädchen besser feststellen zu können, erzählt Domenica. „Es kann auch einfach nur darum gehen, Geschlechtsteile zu benennen, damit Kinder später besser ausdrücken können, welcher Körperteil von jemandem berührt worden ist, der es so nicht berühren sollte.”

Bis heute nahmen neun Mädchen und junge Frauen die Sprechstunde in Anspruch, dazu kamen viele weitere zu externen Terminen an anderen Tagen der Woche vorbei. „Die Mädchensprechstunde soll einen Safe Space bieten. Man kann mit allen Themen her kommen. Wir machen leider immer wieder die Erfahrung, dass es junge Frauen gibt, die sich einfach nicht trauen, sich jemandem näher anzuvertrauen.“ Aufgrund dessen kann man eine vertraute Person, die einem Mut gibt, in die Sprechstunde mitnehmen.

In dem Behandlungszimmer von Domenica werden alle Fragen zum Thema Frauengesundheit beantwortet.In dem Behandlungszimmer von Domenica werden alle Fragen zum Thema Frauengesundheit beantwortet. – Foto: Gesundheitszentrum Reininghaus

Welche Veränderungen stehen bevor?

In Zukunft „wollen wir so viele Mädchen wie möglich begleiten, zu einer zentralen Anlaufstelle mit unserem Angebot wachsen und Präsenz zeigen”. Dieses Ziel soll mit Workshops, die Diana und Domenica ab Herbst anbieten wollen, und Projekten an Grazer Schulen erreicht werden. So will man proaktiv und direkt auf Mädchen zugehen und ihnen zeigen, dass kein Thema tabu und kein Anliegen zu persönlich ist. „Die Workshops sollen Themen wie Menstruationen oder den ersten Termin beim Frauenarzt aufgreifen. Auch mit vielen Sozialarbeiter:innen, die junge Mädchen in Schulen betreuen, haben wir schon gesprochen. So wäre es auch möglich, dass die Schüler:innen mit ihren Betreuungen zu uns kommen.” Außerdem will das Gesundheitszentrum künftig auch online mehr Präsenz zeigen. „Die neuen Generationen werden immer digitaler, daher ist es für uns wichtig, via Zoom, E-Mail oder ganz einfach auch telefonisch erreichbar zu sein”, sagt Diana. Um so noch mehr Mädchen und Frauen wie Melanie unterstützen zu können.

Melanie konnte die Mädchensprechstunde bereits aktiv helfen. „Das betroffene Mädchen war extrem dankbar, dass wir ihr in dieser Situation helfen konnten. Sie hatte keine Anlaufstellen, keine Unterstützungen. Das Thema war für sie schambehaftet”, erzählen Diana und Domenica. „Wir konnten sie dabei unterstützen, ihre Hemmschwellen zu senken, und haben ihr alle wichtigen Informationen bereitgestellt, die sie für die Zukunft benötigt.”

 

Titelbild: Diana Müller und Domenica Fučik setzen sich gemeinsam für die Gesundheit von jungen Frauen und Mädchen ein. – Foto: Elisa Lerch

Infobox:

Die Mädchensprechstunde findet jeden Montag von 15:00-16:00 für junge Frauen und Mädchen von 14-21 Jahren im Gesundheitszentrum Reininghaus statt. Das Angebot ist anonym, vertraulich und kostenlos. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Für akute Fragen und Anliegen besteht auch die Möglichkeit, sich telefonisch bei den Verantwortlichen zu melden.


Telefonnummer: 0664 992 799 84
Adresse: Green Tower, Am Steinfeld 8 (2. Stock), 8020 Graz
Weitere Informationen: https://www.gz-reininghaus.at/post/m%C3%A4dchen-sprechstunde

 

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

1 × 3 =

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Vorherige Geschichte

Ramadan verbindet: Vorfreude auf eine besondere Zeit

Letzter Post in SOZIALES