Alfred Horner lehnt entspannt am Zaun.
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„Violett ist mehr als eine Modefarbe“

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Der FK Austria ASV Puch existiert seit mittlerweile 100 Jahren. Viele Spieler und Funktionäre sind gekommen und viele gegangen. Einzig Alfred Horner ist seit 57 Jahren ein „Violetter”. Ein Gespräch über seine fußballerischen Anfänge, streng bewachte Eisenbahner-Spiele in der damaligen Tschechoslowakei und wie der Verein die Pandemie finanziell überstanden hat.

Dienstagnachmittag, die Sonne scheint Alfred Horner ins Gesicht. Er ist dort, wo er immer ist – am „Austria-Platz” im Lend. Der heute 73-jährige Obmann sitzt entspannt auf einer Holzbank gegenüber der Kantine. Horner hat viel zu erzählen, am liebsten spricht er aber über „seine” Austria. Diese startet am Samstag nach über sechs Monaten coronabedingter Pause gegen den Grazer Sportclub Straßenbahn (GSC) in den Stadtpokal.

Annenpost: Nach einer langen spielfreien Zeit geht es am Samstag wieder so richtig los. Im Zuge des Stadtpokals trifft man Zuhause auf den Grazer Sportclub. Wie groß ist die Freude, dass es endlich wieder losgeht?

Alfred Horner: Wir freuen uns alle wahnsinnig! Ich denke sogar, ein paar von unseren Kickern haben diese Woche nur von diesem Spiel geträumt. Seit Juni haben wir bereits auch das Mannschaftstraining wieder aufgenommen, die Jungs präsentieren sich in guter Verfassung. Alles in allem wird es beim Stadtpokal für uns aber nicht darum gehen, diesen zu gewinnen, sondern einfach den Fußball und alles, was dazu gehört, wieder zu genießen.

Im April feierte die Austria ihren 100. Geburtstag. 57 dieser 100 Jahre Vereinsgeschichte durften Sie mitprägen, als Spieler, Trainer und Funktionär. Nehmen Sie die Annenpost mit in die Vergangenheit!

Ich bin 1948 auf die Welt gekommen und mit acht Jahren habe ich schon über den Holzzaun beim alten Stadion geschaut. Dann hat mich der Platzwart einmal angesprochen: „Burli, wüst kick’n?“ Ich bin schnell nach Hause und hab meine Turnbekleidung geholt. Ruderleiberl, schwarze Hose und Turnschuhe, dann war ich am Platz. Ab diesem Zeitpunkt war die Austria mein Leben, bis auf ein paar Jahre, die ich bei Frohnleiten verbracht habe.

Wie ging es dann weiter?

Ich war sehr ehrgeizig. Mit 15 durfte ich schon in der Kampfmannschaft mittrainieren. Anfangs war ich aber sehr enttäuscht: In der Jugend war ich immer der Schnellste, da ist mir keiner nachgekommen. Bei den Sprint-Wettbewerben in der Kampfmannschaft gehörte ich aber nicht mehr zu den Besten. Vielleicht waren meine Füße zu kurz oder noch nicht so ausgebildet. Irgendwann ist dann aber die Zeit gekommen, wo ich dann auch den Schnellsten aus der Kampfmannschaft geschnappt habe.

Sie sprechen so, als ob diese Sprintwettbewerbe gestern gewesen wären. An was erinnern Sie sich noch?

Einmal waren wir mit der Kampfmannschaft in Norddeutschland, auf Vier-Tages-Tournee. Wir haben in Bremen gespielt, gegen ihren Eisenbahner-Verein. Es waren 20.000 Zuschauer im Stadion, ein echtes Erlebnis.

Waren Spiele gegen andere Eisenbahner-Vereine damals üblich?

Ja! Ich kann mich auch noch an ein Spiel in Budweis erinnern. 1968, während des Prager Frühlings. Als sich die Lage etwas beruhigt hatte, sind wir in die damalige Tschechoslowakei eingereist, natürlich streng bewacht. Da waren Soldaten mit Kalaschnikows und ein Wachhund. Der hat mich die ganze Zeit angesehen. Außer unseren Kickschuhen wurde uns am Bahnhof alles abgenommen. Wir warteten auf den Zug nach Budweis. Dann sind wir abgeholt worden. Während der Fahrt haben wir einige abgeschossene Panzer stehen gesehen. Ich bin mir vorgekommen wie im Westernfilm „Spiel mir das Lied vom Tod“. Auf den Schienen haben wir auch Frauen im Blaumann gesehen. Sie haben die Weichen gestellt. Ich weiß noch: Die eine Frau ist hingegangen, hat zugepackt und „blub” is gangen. Und wir haben es nicht einmal zu zweit geschafft.

Wie ging das Spiel in Budweis aus?

Verloren, 4:0. Sie haben uns am Vorabend schon richtig angefeuert, sodass wir ein paar Bierli zu viel getrunken haben. Aber das war halt früher so.

Kommen wir in die jüngere Vergangenheit. Wie haben Sie die letzten Monate erlebt?

Es war eine traurige Sache. Normalerweise herrscht immer viel Bewegung auf unserem Sportplatz und auf einmal war nichts mehr los. Die Spieler sind zu mir gekommen und haben gefragt, wann es wieder losgeht. Ich konnte aber nur weitergeben, dass ich auch nicht mehr weiß als sie. Dieses Gefühl, dass einem die Hände gebunden sind, war schrecklich. Und auf der anderen Seite hörst du noch, wie es wieder einen Bekannten mit Corona erwischt hat.

Wie hat der Verein die Pandemie finanziell überstanden?

Natürlich sind wir weiter auf jeden Euro angewiesen, aber das waren wir vor Corona auch. Wir werden weiter von dem leben, was wir einnehmen. Sponsoren haben wir keine. Nur ein paar Unterstützer und drei Werbetafeln à 300 Euro. Unsere Spieler wissen: Geld gibt es nur, wenn auch gespielt wird. Und viel bekommen sie ja sonst auch nicht. In normalen Zeiten gibt es eine kleine Aufwandsentschädigung plus Punkteprämie. Wegen dem großen Geld kickt niemand bei der Austria.

Das war aber nicht immer so. Früher gab es bei der Austria auch in der Gebietsliga viel Geld zu verdienen.

Es ist nicht immer alles richtig gelaufen, das stimmt. Früher haben wir uns nie die Zeit genommen, eine richtige Mannschaft aufzubauen. Spieler sind gekommen und gegangen. Wir hatten zwischenzeitlich eine reine Legionärsmannschaft. Die hat uns ausgesaugt: Fahrtgeld, Fixum und Punkteprämie. Sobald wir das nicht mehr gezahlt haben, waren alle weg. Aber wenn alle Passagiere das Schiff verlassen, muss der Kapitän (meint sich) halt neue finden.

Mittlerweile haben Sie ja wieder Passagiere am Schiff. Das Amt des Obmanns ist dennoch zeitintensiv. Wie oft in der Woche sind Sie am Platz?

Ich bin jeden Tag hier. Oft gemeinsam mit meiner Gattin, die mich sehr unterstützt. Zu tun ist auf der Sportanlage immer etwas. Es kommen alle Anfragen zu mir. Das belastet natürlich, aber inzwischen gibt es auch andere Funktionäre, die sich viel kümmern. Früher war ich komplett allein – Trainer, Jugendleiter und Obmann zusammen. Gepfiffen habe ich die Spiele auch selbst. Dann war ich halt nicht auf der Bank, sondern mit dem Pfeiferl am Spielfeld.

Haben Sie das Gefühl, im Leben dadurch etwas verpasst zu haben?

Nein! Mein Herz schlägt für den Fußball und die Austria. Dieses Gefühl möchte ich so weitergeben. Vor ein paar Jahren tauchte einmal ein Spieler am Trainingsplatz auf, den ich vor langer Zeit trainiert habe. Er ist von Wien gekommen und wollte seinem Sohn den „Austria-Platz” zeigen. „Da schau her, das ist damals mein Trainer gewesen. Der hat mich bei diesem Hügel auf und ab rennen lassen“, sagte er.

Mein Herz schlägt für den Fußball und die Austria.

Wird es die Austria auch in 50 Jahren noch geben?

Solange ich bei der Austria tätig bin, wird es sie geben. Und auch danach wird es ohne mich weitergehen. Der Verein hat mit der Stadt Graz für das Areal in der Überfuhrgasse noch einen Pachtvertrag bis 2056, für die Heimstätte ist gesorgt. Zudem gibt es genug andere Mitglieder und Funktionäre aus der Austria-Familie, die zusammenhalten. Violett ist schließlich mehr als eine Modefarbe.

Titelbild: Markus Lösel

INFOBOX
Der heutige FK Austria ASV Puch wurde am 15.4.1921 als SC Heizhaus gegründet. Durch den großen Andrang von Bediensteten verschiedener Bereiche der Bahn wurde der Name in „SC Südbahn“ geändert. Nach weiteren Umbenennungen (zwischen 1938 und 1945 „Reichsbahn Graz” und ab 1949 „ESV Austria Graz”) heißt der Verein seit der Fusion mit dem ASV Puch (ehemalige Werksmannschaft der Puch-Werke) im Jahre 2004 FK Austria ASV Puch. Seit 1932 trägt der Verein seine Heimspiele in der Überfuhrgasse nahe der Kalvarienbrücke aus.
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