Der Besitzer des Marshallhofs, Johannes Koch
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„Der Marschallhof hat mich unvermittelbar gemacht“

in VIERTEL(ER)LEBEN von

Seit 29 Jahren betreibt Johannes Koch zusammen mit seiner Frau Manuela den Marschallhof, eines der letzten Nachbarschafts-Wirtshäuser im Lend.

1992 hat sich Johannes Koch mit der Pacht des Marschallhofes seinen Traum erfüllt, einen eigenen kleinen Betrieb zu führen. Das Inserat zur Pacht für das Lokal – seit 1955 gab es an der Ecke Marschall- und Afritschgasse ein Wirtshaus – hat der gelernte Koch damals in einer Zeitung gesehen. Doch der Anfang war alles andere als leicht. Der Lend war damals noch als „Rotlichtviertel“ verschrien, Laufkundschaft war rar. „Da ist am Anfang keine Frau allein reingegangen“, erinnert sich der Wirt. Erst nach harten eineinhalb Jahren wendete sich das Blatt, für einen  Jungunternehmer dennoch eine lange und schwere Zeit. „Weil man ja die Zahlungen hat, war’s oft bitter, aber es hat sich ausgezahlt!“ Seit 1999 unterstützt ihn auch  seine Frau, Manuela. Sie kümmert sich um die Bestellungen und greift Koch als Kellnerin unter die Arme.

Heute kann der Wirt über diese Zeiten nur noch schmunzeln, sein Gasthaus ist beliebt bei Alt und Jung, über die Jahre hat sich Koch mit seiner Familie eine treue Stammkundschaft aufgebaut. Sein Erfolgsrezept: gutbürgerliche Küche in nachbarschaftlicher Atmosphäre, inklusive einer der letzten Jukeboxen des Viertels.

Beliebter Gastgarten in Gefahr

Im Sommer kann Koch mit einer besonderen Attraktion punkten: einem überdachten Gastgarten mit Blick auf den Schloßberg. Doch ob er den Garten auch heuer wieder betreiben können wird, steht in den Sternen. Das Stadtbauamt verlange, dass Koch das Dach des Gastgartens abbaut, da es nicht den Vorgaben entspreche. Die Bewilligung für den Bau des Daches hat sich Koch vor 14 Jahren leider nur mündlich geben lassen, der Beamte, der es genehmigte, sei bereits in Pension. „Ich habe damals gar nicht daran gedacht, dass es einmal Schwierigkeiten geben könnte, und deshalb auch nicht daran, mir das schriftlich geben zu lassen“, erzählt er mit Bedauern.

Bei Johannes Koch und seiner Frau stößt die Forderung der Behörde auf Unverständnis. „Die Regierung möchte wegen Corona das Leben draußen mehr beleben. Ohne Gastgarten ist dies jedoch sinnlos. Die Stadt Graz sollte ihre Entscheidung noch einmal überdenken. Der Schirme-Wildwuchs schaut sicher nicht so klass aus wie eine einheitliche Dachfläche“, so Koch.

Der Gastgarten des Marshallhofs steht auf der Straße.
An heißen Sommertagen wäre der Gastgarten ohne Dach kaum nutzbar – Foto: Melanie Schönwetter

Regionale Küche und vegetarische Lösungen

Neben dem beliebten Cordon Bleu und Wiener Schnitzel mit Pommes kommen im Marschallhof auch „exotischere“ Gerichte, wie italienische oder asiatische Nudelkreationen auf den Tisch. Das verwendete Gemüse kommt vom Bauernmarkt, das Fleisch aus dem Großhandel. Auf Regionalität legt der Wirt besonderen Wert: „Die Qualität von österreichischem Fleisch ist einfach besser.“ In seiner rund 7m² großen Küche geht Koch gerne auch auf individuelle Wünsche ein, für Vegetarier gibt’s dann zum Beispiel im Backhendlsalat einen gebackenen Emmentaler. „Weil wir so klein sind, können wir einfach besser variieren“, meint Koch.

Speisen gibt’s durchs Fenster

Not macht bekanntermaßen erfinderisch, so wurde in der Pandemie die Durchreiche zum Gastgarten kurzerhand zur Abholstation umfunktioniert. Denn während im ersten Lockdown noch fleißig ausgeliefert wurde, gibt es jetzt nur noch Bestellung mit Abholung. Die Wochenmenüs postet Koch auf Facebook. Bei großen Mengen gibt es jedoch eine Ausnahme, dann liefert Manuela Koch zustellungskostenfrei mit dem Auto aus.

Highlight CD-Jukebox

Die Jukebox im Marschallhof hat 1993 zu Johannes Koch gefunden, der Kauf entstand aus einer Laune heraus. „Ich hab mir eingebildet, die muss ich haben“, erinnert er sich schmunzelnd. Ein Kauf, der sich ausgezahlt hat, die Retro CD-Box der Marke NSM kommt bei seinen Gästen gut an. Von AC/DC bis Helene Fischer – die Auswahl ist groß. Einen Großteil der Musik bilden Rock-Oldies, etwa von Elvis Presley oder Johnny Cash. Den Leuten taugt’s.

Neben dem Eingang steht die Jukebox des Marshallhofs.
Ein Blickfang: die Retro Jukebox des Marschallhofs – Foto: Melanie Schönwetter

Bereicherndes Straßenfest

Seit einigen Jahren nimmt der Zusammenhalt in der Nachbarschaft noch einmal zu, der Marschallhof spielt da mit einem monatlichen Stammtisch eine wichtige Rolle. Dass sich die Leute in der Gasse untereinander besser kennen, hat mit dem Straßenfest der Afritschgasse zu tun, das im Juni 2018 stattfand. Auch Koch und seine Familie waren damals dabei.  „Plötzlich haben sich alle getroffen. Zwischendurch zum Spazierengehen, oder die Mütter mit ihren Kleinkindern. Das hat es vorher alles nicht gegeben“, erzählt Manuela Koch. Durch das Fest stieg auch die Bekanntheit des Lokals, viele Anrainer bestellen seitdem regelmäßig Menüs und unterstützen den Wirt dadurch in Zeiten der Pandemie.

Wirt bis zur Pension

Die Arbeit macht Johannes Koch und seiner Frau Manuela sichtlich Spaß. Solange es die Gesundheit erlaubt, möchten sie ihr Lokal weiterführen. Etwas anderes könne er sich auch nicht vorstellen. „Der Marschallhof hat mich unvermittelbar gemacht“, sagt er lachend.

 

Titelbild: Johannes Koch hinter seiner zur Abholstation umfunktionierten Durchreiche – Foto: Melanie Schönwetter

Findet, dass ein Salat ohne Kernöl kein richtiger Salat ist. Liebt Fantasy und schwarzen Humor.

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