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Graz: Veränderung liegt in der Luft

in POLITIK & WIRTSCHAFT von

„City of Dust“ oder auch „Feinstaubhauptstadt“ genannt – Graz hat einen schlechten Ruf, was seine Luftqualität angeht. In den letzten Jahren haben sich die Luftgüte-Werte zwar verbessert, das hat allerdings wenig mit den gesetzten Maßnahmen zu tun.

Verkehrslärm, stickige Luft und Feinstaub, der sich auf den Außenflächen ablagert – das sind Störfaktoren, mit denen die BewohnerInnen des Annenviertels täglich zu kämpfen haben. Doch die Luftgüte-Messungen in Graz zeigen, dass die Feinstaubbelastung nicht nur in den Bezirken Gries, Lend und Eggenberg zu hoch ist. Die Stadt Graz nimmt mit den Messstationen Don Bosco, Tiergartenweg und Petersgasse seit vielen Jahren die obersten Plätze im österreichischen Luftverschmutzungs-Ranking ein.

Überschreitungstage gehen zurück

An der Messstelle Don Bosco, dem Feinstaub-Sorgenkind Österreichs, wurde im Jahr 2017 an 54 Tagen eine Grenzüberschreitung der erlaubten 50µm/cbm Feinstaub (PM10) gemessen. 2018 waren es 39 Überschreitungen. Im Jahr 2019 wurde das Limit wiederum 15-mal überschritten. Diesen drastischen Rückgang an Übertretungstagen führt Dominik Piringer vom Referat für Luftreinhaltung der Stadt Graz vorwiegend auf günstige Wetterverhältnisse zurück: „Von einem Jahr auf das andere kann man nur durch die Maßnahmen, welche in Graz gesetzt worden sind, keine derartige Reduktion erreichen. Staub reagiert empfindlich auf Wind und Wetter, also ist der Rückgang der Überschreitungstage hauptsächlich der Wetterlage zu verdanken.“

Vielfältige Problempunkte

Dass die Luftqualität in Graz derart schlecht ist, hat mehrere Gründe. Zum einen verursachen der Verkehr, das Heizen und die Industrie die gesteigerte Luftverunreinigung. Zum anderen befindet sich Graz geografisch in einer Kessellage. Das bedeutet besonders in den kalten Monaten eine schlechte Durchlüftung. Dominik Piringer erklärt diesen Umstand so: „Wenn die oberen Luftschichten wärmer sind, als die bodennahen, findet kein vertikaler Luftaustausch statt. Der Staub, der in Graz produziert wird, kann so nicht abtransportiert werden. Das führt zum Aufsummieren der Verschmutzung.“

Mobile Messstation am Griesplatz

Das Annenviertel ist mit den Verkehrs-Hot-Spots Hauptbahnhof, Bahnhof Don Bosco und Griesplatz besonders von der schlechten Luftqualität betroffen. Das Land Steiermark hat im vergangenen Februar eine mobile Messstation am Griesplatz aufgestellt. Die dort gesammelten Werte sind vergleichbar mit jenen, die an der Messstelle Don Bosco gemessen werden. Durch die Corona-Krise ist es allerdings schwer, diese Messungen in den richtigen Maßstab zu setzen, weil die Luftgüte-Werte sich erheblich verändert haben. Das Ziel der Messungen am Griesplatz ist es, Hot-Spots der Immissionsbelastungen durch den Verkehr in Graz festzustellen.

Die mobile Messstation am Griesplatz gibt es seit Anfang Februar. -Foto: Lena Wieser

Mobilitätskonzept Graz 2020

Seit langer Zeit beschäftigt sich die Stadtverwaltung damit, die Luftqualität in Graz zu verbessern. Der aktuelle Maßnahmenkatalog stammt aus dem Jahr 2013 und kann hier im Detail nachgelesen werden. Obwohl die verbesserten Werte der letzten Jahre nicht ausschließlich darauf zurückzuführen sind, betont Piringer, dass die Maßnahmen zur Feinstaubreduktion in Graz durchaus greifen.

Zusätzlich zum Maßnahmenkatalog wurde das Projekt Mobilitätskonzept Graz 2020 ins Leben gerufen. Verkehrspolitisch setzt man dabei auf die sogenannte sanfte Mobilität. Unter diesen Begriff fällt das Radfahren, das zu Fuß Gehen und die Nutzung des öffentlichen Verkehrs. Der motorisierte Individualverkehr der Berufspendler soll verringert werden. Verkehrsstadträtin Elke Kahr sagt im Interview: „Wir müssen die Verkehrspolitik über unsere Stadtgrenzen hinaus denken. Wenn wir das Problem mit den Ein- und Auspendlern in den Griff bekommen würden, hätten wir nicht nur eine bessere Luftqualität, sondern auch mehr freie Parkraumfläche für die Bewohner.“

2018 veröffentlichte das Umweltbundesamt zusammen mit der TU Graz eine Feinstaubstudie, in der die Modelle City-Maut, Autofreier Tag und Umwelt-Zone für den Bereich Graz Stadt untersucht wurden. Darauf folgte die klare Empfehlung für die Einführung einer City Maut, diese lehnte die Politik jedoch ab. Anschließend startete die Stadt eine BürgerInnenbefragung zur Umweltzone, gegen die damals 67% stimmten.

Große Hoffnung für die sanfte Mobilität

Elke Kahr ist es ein großes Anliegen, die sanfte Mobilität zu stärken. Laut der Mobilitätserhebung 2018 wurden 19% aller Wege der GrazerInnen mit dem Fahrrad bestritten. Auch die Anteile der zu Fuß Gehenden und jener, die die öffentlichen Verkehrsmittel nutzten, lagen zwischen 19 und 20%. „Wir in Graz machen diese Mobilitätserhebung am sorgfältigsten, weil wir das System der Befragung nicht ändern. Die Befragung machen wir in einem Rhythmus von drei Jahren. Beim Radverkehr rechnen wir bei der nächsten Erhebung wieder mit einem Zuwachs“, erzählt Kahr.

Stadträtin Elke Kahr ist die Stärkung der sanften Mobilität ein großes Anliegen. -Foto: Lena Wieser

Dauerhafte Lösungen und Kritik

Kahr hat sich den Ausbau des Radverkehrs als Priorität gesetzt. Am 3. Juni, dem Europäischen Tag des Fahrrades, kündigte sie an, einen Radweg für den Opern- und Joanneumring zu forcieren. Dieser soll – sofern eine Lösung am Radetzkyspitz gefunden werden kann – bis zum Griesplatz fortgesetzt werden. Die Fertigstellung dieser Pläne ist allerdings erst für 2024 vorgesehen. Kritik für diesen Zeithorizont erhielt Kahr zuletzt von der Umweltstadträtin Judith Schwentner. Die Grazer Grünen-Chefin fordert schnelle Lösungen wie temporäre Begegnungszonen  und die rasche Umsetzung von Innenstadtradwegen. Von temporären Konzepten wie Pop-Up-Radwegen hält die Verkehrsstadträtin allerdings wenig – sie will den Fokus auf dauerhafte Lösungen legen. Auch im Annenviertel setzt Kahr auf diese: „Wir lassen gerade begutachten, was es bedeuten würde, wenn wir den Grieskai von der Bertha-von-Suttner-Brücke bis zur Augartenbrücke stadteinwärts für die Autos sperren und diese Autospur für Radfahrer freimachen.“

Alles neu am Lendplatz

Auf die Begegnungszone am Lendplatz, die im Februar eine Mehrheit im Gemeinderat fand, ist Kahr ebenfalls stolz: „Die Verkehrssituation rund um den Lendplatz war nie optimal. Die Radfahrer, die aus Richtung Norden kommen, haben Probleme, weil sie sich in Richtung Mariahilferstraße mit Gegenverkehr und parkenden Autos auseinandersetzen müssen. Viele fahren dort am Gehsteig, bis sie wieder auf der Mariahilferstraße sind. Das nervt vor allem die Lokalbesitzer dort“, sagt die Verkehrsstadträtin.

Rund um den Lendplatz wird der Verkehr beruhigt, indem der Individualverkehr nur noch im Uhrzeigersinn fahren kann. Die Stockergasse wird bis zur Mariahiferstraße zu einer Fußgängerzone mit konsumfreien Sitzgelegenheiten und Begrünungen werden. Vom Lendplatz bis zur Ökonomiegasse wird es eine Begegnungszone geben. „Das wird wirklich schön“, freut sich Kahr.

Ein strahlendes Gemüt aus der Sonnenstadt Lienz mit starkem Hang zum Sarkasmus und einer Schwäche für True Crime.

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