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„Dieses Gefühl bekommst du sonst nirgends“

in SOZIALES von

Das Kriseninterventionszentrum Tartaruga bietet eine Anlaufstelle für Jugendliche in schwierigen Situationen. Der Betreuer Robert Weiß und die ehemalige Bewohnerin Mara* erzählen, was die Tartaruga so besonders macht.

Die kalte Nachtluft lässt den Atem in dampfenden Wolken aufsteigen. Die schwere Sicherheitstür des Gebäudes geht auf,  warme Luft strömt heraus. Vom oberen Stock ist Gelächter zu hören. Der Geruch von Suppe und Salat erinnert an Abende in der Kindheit zu Hause.

Diesen Eindruck macht die Einrichtung Tartaruga wohl auf die meisten, die in der Ungergasse 23 ankommen: Heimelig. Die Tartaruga ist eine Initiative der Jugend am Werk Steiermark GmbH und betreut seit 1994 Jugendliche und deren Familien in Krisensituationen. Jugendliche von 13 bis 18 können sich hier nicht nur beraten lassen, sondern auch bis zu drei Monate unterkommen. In dieser Zeit steht ihnen das 12-köpfige Team der Tartaruga zusammen mit dem Jugendamt zur Seite.

Die Aufnahme ist rund um die Uhr möglich. Die Kosten für den Aufenthalt in der Tartaruga übernimmt das jeweils zuständige Jugendamt des Jugendlichen. Es gibt Platz für bis zu acht Jugendliche, die dort essen, waschen und den Kopf frei kriegen können.

Mädchen sind häufiger betroffen

Die Angebote der Tartaruga nehmen laut Robert Weiß, der dort seit zwei Jahren als Betreuer arbeitet, hauptsächlich Mädchen in Anspruch. „Es gibt einfach mehr Arten, wie Mädchen unter die Räder kommen können. Probleme mit Gewalt gibt es bei beiden Geschlechtern, mit sexuellen Übergriffen sind vorwiegend Mädchen konfrontiert“, erzählt er.

Das Zusammenleben in der Tartaruga beschreibt Weiß als grundsätzlich gut. In der großen Gemeinschaftsküche wird oft zusammen gekocht und auch im Hobbykeller können sich die Jugendlichen beim Airhockey, Dart und Billard austoben. “Die heilige Dreifaltigkeit der Hobbykeller”, lacht Weiß.

Robert Weiß an seinem Schreibtisch im Büro der Tartaruga. Foto: – Lena Wieser

Ich brauche Hilfe, was nun?

„Es beginnt immer mit einem Gespräch. Wir hören den Jugendlichen zu und schauen uns ihre Geschichten an. Dann werden die Obsorgeberechtigten angerufen, weil sie das Recht haben, den Aufenthaltsort des Kindes zu bestimmen“, erzählt Weiß. Fallabhängig wird zusätzlich das Jugendamt verständigt; oft sind die betroffenen Familien schon bekannt. Darauf folgen Gespräche mit Eltern und Kind.

Da der Aufenthalt in der Tartaruga freiwillig ist, müssen die Bewohner eine Hausordnung unterschreiben. „Wir haben nicht die strengsten Regeln. Es geht um das grundsätzliche Mitmachen. Dass ein Jugendlicher in dieser Lage nicht alles schaffen wird, ist klar“, betont Weiß. Wenn sich jemand wiederholt nicht an die Regeln hält, entscheidet das Betreuerteam individuell, wie sie damit umgehen. Als letzte Konsequenz muss derjenige die Tartaruga verlassen.

Eine ehemalige Bewohnerin erzählt

Die 23-jährige Mara* war seit 2011 zweimal Bewohnerin der Tartaruga. Sie lächelt, während sie von ihrer Zeit dort erzählt. Sie sei über das Jugendamt wegen Gewalt und Unterdrückung in ihrer Familie in die Tartaruga gekommen. “Natürlich war es nicht einfach. Du bist in einer fremden Umgebung mit fremden Leuten und es ist gar nicht, wie man sowas aus dem Fernsehen kennt”, erzählt sie. Mara hat aus der Zeit in der Tartaruga nur Positives mitgenommen. “Es ist das Team in der Tartaruga. Die sind alle so herzlich. Das Gefühl, das du dort bekommst, bekommst du nirgends.” Als Erinnerung an diese prägende Zeit hat sie sich ihr Tarataruga-Einzugsdatum tätowieren lassen.

Maras Tattoo steht für die guten Erinnerungen an die Tartaruga. – Foto: Mara*

Heute steht Mara auf eigenen Beinen, hat eine Ausbildung zur Steuerassistentin abgeschlossen, arbeitet Vollzeit und macht die Abendmatura. Ihr nächstes Ziel ist die Eröffnung einer eigenen Kanzlei. Trotz der langen Zeit, die seit ihrem Aufenthalt in der Tartaruga vergangen ist, besucht Mara die Einrichtung noch manchmal, um mit ihren ehemaligen Betreuern Kaffee zu trinken. “Ich freue mich immer wieder, wenn ich sie besuche. Und sie freuen sich ja auch, mich so erfolgreich zu sehen. Dort ist es immer noch so familiär. Sie sind für mich Familie geworden.”

Die Möglichkeit, etwas zu bewegen

Nach dem Aufenthalt wohnen die Jugendlichen oft im betreuten Wohnen, das teilweise auch von der Tartaruga durchgeführt wird. Ähnliche oder angrenzende Angebote wie der Ausbau von Kinderschutzzentren sowie genügend Angebot an Betreuung und Familienberatung will auch die ÖVP-Grüne Koalition laut ihrem Regierungsprogramm fördern. Robert Weiß hofft, dass die Einrichtung dann mehr Mittel zur Nachbetreuung der Abgänger bekommt. Auch Mara hofft, dass die Tartaruga weiterhin ein sicherer Hafen für Jugendliche in Not sein wird.

Das Schönste an der Arbeit bei Tartaruga ist für Weiß die Möglichkeit, etwas zu bewegen und den Jugendlichen auch nach ihrem Aufenthalt noch zur Seite stehen zu können: „Wir können hier viel anstarten. Wir sind handlungsfähig.“

*Name wurde von der Redaktion geändert

Infobox
tartaruga Kriseninterventionsstelle für Jugendliche

Ungergasse 23

8020 Graz

Tel:050/7900 3200

Fax:050/7900 9 3200

tartaruga@jaw.or.at

https://jaw.or.at

Ein strahlendes Gemüt aus der Sonnenstadt Lienz mit starkem Hang zum Sarkasmus und einer Schwäche für True Crime.

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