Graffiti mit Text "Graffiti is not a Crime
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Die Stadt entziffern

in VIERTEL(ER)LEBEN von

1902? 1986? 8372? Vieles, was an die Hausmauern von Gries und Lend gesprayt wurde, können nur Eingeweihte entziffern. Der Sozialhistoriker Joachim Hainzl dokumentiert seit acht Jahren Grazer Graffiti und kann lange nicht alle erklären.

Eines sei vorweggenommen: Graffiti sind für Hausbesitzer und Verwaltung ein großes Ärgernis. Es ist sehr kostspielig, sie zu entfernen. Noch kostspieliger kann es sein, beim Sprayen erwischt zu werden. Doch das hält einige nicht davon ab, die Dose zu zücken. 

Und wo die Graffiti einmal da sind, kann der Sozialhistoriker Joachim Hainzl, Leiter des Vereins Xenos, sie studieren. Er dokumentiert schon seit vielen Jahren die sich stets wandelnden Graffiti von Graz. Seine Erkenntnisse werden ein Kapitel eines Buches füllen, das im Rahmen des Projektes “Uncurated – unbefugte Intervention im Grazer Stadtraum” unter der Leitung von Alexandra Riewe entstanden ist. Das Buch wird im Herbst erscheinen.

Hainzl beschäftigt sich mit den Wandmalereien nicht als Kunstform, sondern als soziokulturellem Phänomen. “Ich interessiere mich dafür, wie unbekannte Personen mit dem Stadtraum interagieren.” Spraying beinhalte immer auch eine Auseinandersetzung mit der Umgebung, ihrer Kultur und Geschichte.

Grazer Derby

Doch was lässt sich an den Wänden des Annenviertels ablesen? Um das herauszufinden, geht es hinaus auf die Straße. Hainzl hat einige Plätze empfohlen, andere fallen einem beim Herumstreifen von selbst ins Auge.

Schritzug "1905" mit Sticker "Tod und Hass dem SK Sturm" überklebt
Aktion und Reaktion in der Niesenbergergasse. – FOTO: Valentin Bayer

Der bestimmende Konflikt der Grazer Szene wird schnell erkennbar: GAK gegen Sturm. “Da gehts in den letzten Monaten immer wilder zu”, hatte Hainzl zuvor schon gemeint. In den letzten Jahren war es ruhig geworden um den Athletiksport-Klub. Nach den Aufstiegen der letzten Jahre kämpfen Fangruppen der Vereine nun wieder um die Vorherrschaft auf den Wänden. Beide wollen der Gegenseite den eigenen Anspruch auf die Stadt demonstrieren. 

Das Gründungsjahr des GAK, 1902, wird mit 1909 übersprüht, dem Gründungsjahr von Sturm. Sturm-Losungen werden von GAK-Anhängern kurzerhand durchgestrichen. Bei Fußballfans sind Sticker besonders beliebt. Da sie schnell aufgeklebt werden können, besteht wenig Risiko, erwischt zu werden. Außerdem muss die eigene Farbe das Vorgängermotiv nicht überdecken, sondern es kann einfach überklebt werden. 

Graffiti "Dinamo Zagreb 1986"
Fans von Dinamo Zagreb sprayen vor allem beim Bahnhof. – FOTO: Valentin Bayer

Von fremden Ländern und Menschen

Nicht nur Fans heimischer Vereine toben sich an den Grazer Wänden aus. SprayerInnen, die vermutlich eine nach Kroatien reichende Biografie haben, erklären zum Beispiel ihre Unterstützung für Dinamo Zagreb.1986 ist nicht das Gründungsjahr des Vereins, sondern jenes seiner Ultras, der Bad Blue Boys. 

Der hohe MigrantInnenanteil im Viertel prägt auch die Graffiti. Rund um den Griesplatz gibt es viele Werke, die sich mit Geschichte und Kultur von Ex-Jugoslawien beschäftigen. Unscheinbar in der unteren Ecke eines professionellen Pieces von Robin Abramovic in der Reichengasse steht “8372” geschrieben. Ganz in der Nähe fordert ein Stencil – ein Graffito, das mit einer Schablone angefertigt wurde – auf: “Never forget Srebrenica”.

Graffiti das einen jungen Menschen zeigt
Das Mural von Robin Abramovic erinnert an Srebrenica. – FOTO

Im Juli 1995 wurden 8372 Bosniaken beim Massaker von Srebrenica getötet. Serbische Milizen verfolgten im Bosnienkrieg das Ziel, ethnisch getrennte Staaten auf dem Gebiet von Bosnien und Herzegowina zu etablieren, und begingen dabei Kriegsverbrechen und ethnische Säuberungen.

Immer wieder zu sehen ist das Serbische Kreuz, das Bestandteil des serbischen Wappens ist. Die vier “C” im Wappen sind offiziell “Feuerstähle”, eine heraldische Figur. Die meisten Serben sehen in ihnen aber vier kyrillische “S”, die für den inoffizielle serbischen Wahlspruch stehen: “Samo sloga Srbina spasava” – “Nur Eintracht rettet den Serben.” 

Telefonmasten mit aufgemaltem serbischen Kreuz
Samo sloga Srbina spasava – Nur Eintracht rettet den Serben. – FOTO: Valentin Bayer

In Variationen werden die Ecken des Kreuzes mit Jahreszahlen besetzt, zum Beispiel mit 1389. In diesem Jahr wurde die Schlacht am Amselfeld zwischen serbischen Fürsten und dem osmanischen Reich geschlagen. Der damalige serbische Feldherr, der Fürst Lazar, ist heute ein wichtiger Heiliger der orthodoxen Nationalkirche. 

Graffiti gegen das System

Darüber hinaus finden sich im Annenviertel viele relativ “klassische” Graffitimotive. Besonders aktiv sind Antifa, Anarchisten und Autonome mit Logos und Parolen.

Graffiti an der Wand "Gegen die Stadt der Reichen"
Protestparolen zieren vor allem im Gries viele Wände. – FOTO: Valentin Bayer

Hainzl versteht Spraying an sich als Kapitalismuskritik. “Es ist Ersatz für Plakate, die man sich nicht leisten kann. Das untergräbt das Prinzip, dass du öffentlichen Raum nur dann nutzen darfst, wenn du eine Bewilligung hast oder dafür bezahlst.” Besonders linke politische Gruppierungen benutzen Graffiti, um ihre Botschaft zu verbreiten. In den letzten Jahren bediente sich aber beispielsweise auch die Identitäre Bewegung dieser Taktik. 

Viele Werke sind ohne Erklärung der Urheber nicht dekodierbar, vor allem die zahllosen ”Tags”, bei denen Sprayer Pseudonyme anbringen, um entweder ihr Revier zu markieren oder einfach der Welt zu zeigen, dass sie einen Ort besucht haben. “Ich bin trotz allem ein Außenstehender”, erzählt Hainzl. “Das Spannendste an diesem Projekt ist für mich, die Stadt zu lesen und zu merken, dass es dafür kein Wörterbuch gibt. Vieles von dem, was ich gesehen habe, kann ich mir bis heute nicht erklären.”

Natürlich sind nicht alle Graffiti bierernst. Der aufmerksame Spaziergänger kann im Viertel viele schlaue, witzige Werke entdecken. Zum Abschluss unser Favorit:

Relief von einem springenden Pferd mit Reiter, beim Hintern des Pferdes ist eine Gaswolke eingezeichnet
Auch so kann Interaktion mit der Umgebung aussehen. – FOTO: Valentin Bayer

ABBA ist mein größtes Problem. Sims sind meine besten Freunde. Geboren in Oberösterreich, aufgewachsen in Hogwarts.

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