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„Da kollabieren Menschen“ – Grazer Synagoge wird saniert

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Einst von den Nationalsozialisten zerstört, wurde die Grazer Synagoge im Jahre 2000 wieder aufgebaut. Heute, nicht einmal 20 Jahre später, muss sie für 1,8 Millionen Euro saniert werden. Grund dafür ist die Glaskuppel, unter der im Sommer Temperaturen von über 50 Grad entstehen können.

Rote Backsteinmauern umgeben die Grazer Synagoge, geometrische Formen bestimmen ihr Erscheinungsbild. Durch die gläserne Kuppel fällt die Nachmittagssonne ins Innere – ebendiese wird dem jüdischen Gebetshaus nun aber zum Verhängnis, starke Hitze macht den Besuchern zu schaffen. Aus diesem Grund wird die Heimat der Jüdischen Gemeinde nun für 1,8 Millionen Euro saniert, keine 20 Jahre nach ihrer Errichtung.

Am 9. November 2000 wurde die Neue Synagoge am David-Herzog-Platz im Bezirk Gries eröffnet. Genau 62 Jahre also, nachdem die Nationalsozialisten die alte Synagoge im Zuge der Reichspogromnacht niedergebrannt und zerstört hatten. “Der Neubau soll an den Vorgängerbau erinnern”, sagte der damalige Präsident der Jüdischen Gemeinde Graz, Gérard Sonnenschein, nach der Eröffnung.

„Da kollabieren Menschen“

Große Teile der Synagoge bestehen aus gläsernen Elementen, insbesondere die Kuppel mit dem Davidstern. Dadurch erhitzt sich das Innere besonders rasch – ein Umstand, der für die Gemeinde vor allem im Sommer unerträglich wird. „An manchen Tagen haben wir im Inneren Temperaturen von 50 Grad plus – da kollabieren Menschen“, erzählt Elie Rosen, aktueller Präsident der Jüdischen Gemeinde Graz. Besonders gravierend sei die Lage während Hitzeperioden, in denen die Sonne mehrere Tage lang herunterbrennt. „Freitagnachmittag und Samstag ist die Synagoge oft unbenutzbar“, bedauert Rosen. Für das Sabbat-Gebet weicht die Gemeinde daher regelmäßig in eine Wintersynagoge aus – keine langfristig tragbare Lösung.  Auch während der Wintermonate seien Mängel zu beklagen, dann reversiert sich nämlich der Effekt der Glaskuppel. Anstelle der Hitze breitet sich die Kälte im Inneren der Synagoge aus. „Die träge Fußbodenheizung ist da keine große Hilfe“, so Rosen.  

Die Glaskuppel der Grazer Synagoge – Foto: https://www.juedischegemeinde-graz.at/synagoge/neue-synagoge

Mithilfe der Stadt

Schuldigen für die baulichen Mängel sucht Rosen keinen, weiß aber sehr wohl, dass die Synagoge „von Beginn an klimatechnisch nicht optimal“ gewesen sei. Bei seiner Bestellung als Präsident der Jüdischen Gemeinde im Jahr 2016 sei es ihm aber ein Anliegen gewesen, so schnell wie möglich die nötigen Schritte einzuleiten. Rosen selbst sieht die Sanierung vielmehr als Adaption. Ihr ging eine lange Verhandlung über die Finanzierung voraus. Das Resultat: Für die Baumaßnahmen erhält die Glaubensgemeinschaft von Stadt und Land 1,8 Millionen Euro. „Wir sind eine Gemeinde von 200 Leuten – einen Bau dieser Größe können wir nicht alleine erhalten“, so Rosen, der die Mithilfe der Stadt zu schätzen weiß. „Die Stadt Graz greift uns dabei unter die Arme – dafür bin ich sehr dankbar.“ Der Großteil der Kosten wird aus dem Investitionsfonds der Stadt bezogen, das Land Steiermark steuert rund 600.000€ bei.

Drei Phasen

Gebete, Kultur- und Bildungsprogramme bestimmen den Alltag in der Synagoge. Um diesen nicht einzuschränken, findet der Umbau in drei Phasen statt. Der erste Schritt ist die Klimatisierung des Innenraums. Klimageräte schaffen sogenannte Kaltluftseen, die für erträgliche Temperaturen in Bodennähe sorgen sollen. Diese Phase beginnt im Juli und soll im September 2019 abgeschlossen werden. Gerade rechtzeitig zum jüdischen Neujahrsfest Rosch-ha Schana, welches die Gemeinde erstmals bei angemessenen Verhältnissen zelebrieren möchte.

Die zweite Phase stellt die Beschattung der Synagoge dar: Die Segmente der Kuppel erhalten Sonnensegel, welche elektronisch steuerbar sein werden. „Das Konzept ist in Deutschland schon in Verwendung, wir übernehmen es einfach“, so Rosen. Im letzten Schritt optimiere man nur noch Details, mit der Fertigstellung rechnet Rosen im April nächsten Jahres. Er ist zuversichtlich, dass die baulichen Maßnahmen ein positives Ergebnis liefern werden – vor allem für seine Gemeinde, die ihr Gebetshaus dann endlich das ganze Jahr über nutzen kann. Die Synagoge sei nämlich in erster Linie genau das: „Ein Gebetshaus, kein architektonisches Betrachtungsobjekt.“

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