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Sehbehinderter Vater, blinde Mutter, vier Kinder – geht das?

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Jakob Putz ist sehbehindert, Jasmin Treffer blind, gemeinsam haben sie vier sehende Kinder. Die beiden reden über ihren Alltag mit persönlicher Assistenz, was das Annenviertel für sie zum schönsten Viertel der Stadt macht und wie sie das tägliche Leben mit ihren Kindern bewältigen.

Diese Familie ist besonders. Besonders humorvoll, besonders bodenständig und besonders in ihrer Familienkonstellation. Denn: Durch seine spastische Lähmung hat der 38-jährige Vater nur eine voll funktionsfähige Hand und ist im Alltag durch seine Sehbehinderung zusätzlich eingeschränkt. Die 33-jährige Mutter Jasmin ist vollblind, alle Kinder jedoch kerngesund.

Beide Eltern haben an der Karl-Franzens-Universität studiert, Jakob Sprachen, Jasmin Psychologie. Nun wohnen sie mit den vier Kindern seit 2006 in ihrer Wohnung im Bezirk Lend. Der Älteste ist acht Jahre, die Jüngste fünf Wochen alt. Um ihre Geschichten aus dem Alltag mit der Welt zu teilen, haben der Oststeirer und die Oberösterreicherin vor drei Jahren beschlossen, den Blog familieallinclusive zu gründen. Der Auslöser: über Familienkonstellationen wie sie es sind, gibt es im Internet nicht viel zu finden. Schnell entwickelten sich aus einzelnen Geschichten aber regelmäßige Beitragsserien, wie etwa Schule, Gutachten oder “Ins Hirn gehört”.

Organisation, das A & O

Seitdem die beiden Kinder haben, sind kleine, organisatorische Herausforderungen schon fast zur Nebensache geworden. Denn seit die Kinder etwas älter sind, musste die Kreativität der Eltern zwangsweise ein neues Level erreichen. Ihr ältester Sohn Philipp kam im September 2018 in die Schule. Um beim Schulanfang nicht mit leeren Händen dazustehen, haben Jakob und Jasmin bereits ein Jahr im Voraus Philipps Schulbücher digitalisieren lassen, damit sie mit Philipp mitarbeiten können. Kreativität haben sie auch bewiesen, als sich Jakob in seiner Karenzzeit des zweiten Sohnes „mobile Wickelstationen“ überlegt hat. Das sind KollegInnen oder Angestellte, die er bittet, seinen Sohn bei Bedarf zu wickeln. Man muss sich nur zu helfen wissen, oder eben sich helfen lassen. 

Leben mit persönlicher Assistenz

Die junge Familie bekommt im Alltag Unterstützung von persönlichen AssistentInnen, die sie zum Spielplatz oder etwa in den Urlaub begleiten und den Einkauf erledigen. Rund um die Uhr betreut werden sie nicht, deswegen melden sich die Eltern bei der Assistenz nur an Tagen, an denen sie wirklich gebraucht wird. Dass sie verschiedene AssistentInnen haben, liegt daran, dass die Familie den Alltag nicht zur Routine werden lassen möchte. So will sie der Assistenz und sich selbst etwas Gutes tun. Manchmal sind die AssistentInnen bis zu 38 Monaten bei der Familie angestellt. Diese müssen auch einen Arbeitsvertrag unterschreiben, in dem unter anderem die über 60 Regeln aufgelistet sind, die es einzuhalten gilt. Oberste Priorität ist dabei, sich nicht in die Erziehung der Kinder einzumischen. Woran Jakob und Jasmin die Qualifikation der persönlichen Assistenz messen? Am Hausverstand. 

Jakobs Lieblingsplatz in Graz ist der Bauernmarkt am Lendplatz – Foto: Natascha Breitegger

Das Annenviertel als Vorbild

Wenn es um Mobilität geht, braucht die Familie die persönliche Assistenz nur, wenn jemand das tim-Mietauto für sie fahren muss. Das benutzen sie aber ausschließlich, wenn Bus, Bim oder Taxi keine Option sind. Das Annenviertel spielt ihnen dabei in die Karten. Denn, so ist sich der Steirer Jakob sicher, die „rechte Seite“ hat mit den zwei Bahnhöfen viel mehr Infrastruktur zu bieten als die Innenstadt. Das Flair, die kleinstrukturierte Umgebung, die vielfältigen Communities und der positive Umgang miteinander machen das Annenviertel zu einem sehr lebenswerten Wohnort für die Familie. Der Lendplatz, Jakobs Lieblingsplatz, und der Bauernmarkt dort, hat es den beiden Eltern besonders angetan. „Das ist wie ein Dorfplatz. Einmal habe ich meine Geldtasche zuhause vergessen und konnte den Salat nicht bezahlen. Der Verkäufer meinte sofort, ich könne ihm einfach das nächste Mal das Geld mitbringen. Er würde mich schon wiedererkennen, ich würde sowieso mit meinen vier Kindern hier auffallen“, erzählt er mit einem Grinsen.

Falsche Erwartungen

So reibungslos wie am Bauernmarkt läuft es allerdings nicht immer ab. Die Eltern haben nicht nur mit Behörden und Gutachtern zu kämpfen, sondern meistens mit Passanten. Dass Jasmin wegen ihrer Blindheit in die Mitleids-, Hilflosen-, oder Bewunderungs-Schublade gesteckt wird, ist für sie nichts Neues. Wenn sie Hilfe dankend ablehnt, sind die Leute aber meist vor den Kopf gestoßen. Erklären kann sie sich diesen Drang zu helfen mit dem Aufwertungsprinzip. „Wenn Menschen merken, dass jemand schwächer ist als sie, dann haben sie das Gefühl, sie müssen etwas Gutes tun, auch wenn derjenige keine Hilfe braucht oder will.“, so Jasmin. Für Jakob liegt die Erklärung auch in der Vergangenheit, denn das heutige Bild von Menschen mit Behinderung hat sich schon vor 30 Jahren abgezeichnet, als beispielsweise das Pflegegeld noch Hilflosenzuschuss hieß. Auch er macht immer wieder negative Erfahrungen, vor allem auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz. Deshalb antwortet er auf die Frage, ob ihm geholfen werden dürfe, mit einem Augenzwinkern: „Das probiert das System bereits seit 38 Jahren, erfolglos!“

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