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„Schule ist immer ein Spiegelbild des Bezirks”

in SOZIALES von

Von Gewaltvorfällen bis Reformbedarf: Eine Lehrerin und ein Lehrer aus dem Annenviertel erzählen von ihren Erfahrungen im Schulalltag, entkräften Vorurteile und geben Ideen für die Zukunft der Schule.

Die Berichte der letzten Wochen über Gewaltausbrüche gegenüber LehrerInnen würden vermuten lassen, dass die Gewaltbereitschaft an Österreichs Schulen rasant gestiegen ist. Johannes Schaflechner unterrichtet seit mittlerweile zwölf Jahren Deutsch, Biologie und Sportkunde am BG/BRG Oeversee im Bezirk Gries. Er bemerkt keinen Anstieg, im Gegenteil: „Mir fällt auf, dass die Kinder und Jugendlichen gewaltfreier unterwegs sind als ich in meiner eigenen Schulzeit. Anders ist heute aber sicher die enorme mediale Aufmerksamkeit”, so Schaflechner.

Mit diesem positiven Eindruck ist Schaflechner nicht allein. In der kürzlich veröffentlichten Talis-Studie (Teaching and Learning International Survey) geben 97% der befragten Lehrpersonen in Österreich an, generell ein gutes Verhältnis zu ihren SchülerInnen zu haben. An der Studie – durchgeführt von der Organisation for Economic Cooperation and Development (OECD) – haben österreichweit mehr als 4200 LehrerInnen und 277 DirektorInnen von AHS-Unterstufen und Neuen Mittelschulen teilgenommen.

Was an Schulen fehlt

Kommt es aber zu Auseinandersetzungen, fehlt Lehrkräften oft eine ausreichende psychologische Unterstützung. Anna Bock unterrichtet Deutsch, Deutsch als Zweitsprache und Informatik an der NMS St. Andrä und ist derzeit in Karenz. Sie würde sich mehr externe Hilfe wünschen: „Schule ist der Lebensraum der Kinder, wo sie sich den Großteil des Tages aufhalten. Wo sie Freundschaften haben und lernen, wie man mit Konflikten umgeht. Da sehe ich zu wenig Hilfestellung.” Um Konflikte und Probleme wirklich auf- und abzufangen, brauche es daher mehr SozialarbeiterInnen und PsychologInnen, die konstant in der Schule und auch Teil des Schullebens sind. Diese Meinung teilt auch Schaflechner, insbesondere bei der präventiven Arbeit mit verhaltensauffälligen SchülerInnen. Seiner Ansicht nach ist die Gefahr vor allem bei Burschen, dass diese aus dem Schulsystem fallen und abgleiten. Diese später zurückzuholen, sei schwierig.

Johannes Schaflechner unterrichtet seit zwölf Jahren - Foto: Isabella Deckan
Johannes Schaflechner ist seit zwölf Jahren Lehrer – Foto: Isabella Deckan

Laut Talis-Studie fühlt sich überhaupt nur jede fünfte Lehrkraft nach dem Studienabschluss sehr gut oder gut auf den Umgang mit SchülerInnen vorbereitet. In keinem anderen der 48 teilnehmenden Ländern fühlen sich junge Lehrpersonen so ins kalte Wasser geschmissen wie in Österreich. Schaflechner zufolge hängt viel davon ab, wie gefestigt LehrerInnen in ihrer eigenen Persönlichkeit sind. „Ich bin viel in der Welt herumgereist, hatte keine Scheu vor anderen Kulturen und habe mich wirklich eingelassen auf die Menschen”, so der Lehrer. Diese Erfahrungen haben ihm im Umgang mit jungen Leuten auf jeden Fall geholfen.

Time-out für SchülerInnen

Nach den Gewaltvorfällen der letzten Wochen wurden von Seiten des Bildungsministeriums Time-out-Klassen für verhaltensauffällige SchülerInnen vorgeschlagen. Das Oeversee-Gymnasium hatte in der Vergangenheit für solche Fälle einen Meditationsraum, wo die betroffenen SchülerInnen von Lehrpersonen betreut wurden. „Wenn ein Konflikt heiß ist, kann man ihn nicht lösen. Man muss ihn abkühlen lassen. Da sehe ich Time-out-Klassen schon als Möglichkeit, dass sich die Situation einmal beruhigt”, sagt Schaflechner. Jedoch soll dies kein Abschiebeort sein, sondern eine Möglichkeit, um den Konflikt gemeinsam und konstruktiv aufzuarbeiten.

Multikulturalität im Klassenzimmer

Der Talis-Studie zufolge unterrichten 42% der befragten LehrerInnen in Klassen, wo mehr als zehn Prozent der SchülerInnen eine andere Muttersprache als Deutsch haben. An der NMS St. Andrä ist es umgekehrt: Der Anteil von Kindern mit Deutsch als Muttersprache liegt hier Bock zufolge unter zehn Prozent. Die Schule hat darauf reagiert und Deutschförderklassen, die ab nächstem Schuljahr verpflichtend sind, bereits freiwillig eingeführt. Bock stand diesem Konzept zunächst sehr skeptisch gegenüber. „Ich habe mir gedacht, es kann nicht gut gehen, wenn in einer Klasse bis zu 20 Kinder sitzen und keiner Deutsch kann.”

In den Deutschförderklassen erhalten die SchülerInnen 20 Stunden pro Woche Deutschunterricht anstelle des Regelunterrichts. „Für die Kinder ist es super. Sie können endlich einmal alles verstehen, was man ihnen sagt. Sprache und Unterricht sind auf einem Niveau, dem sie folgen können”, so die Lehrerin. Sie findet die hohe Stundenanzahl gut, eine kleinere Klassengröße wäre aber noch besser, weil das Unterrichten für die Lehrperson so ziemlich fordernd sei.

Das Oeverseegymnasium befindet sich mitten im Bezirk Gries - Foto: Isabella Deckan
Das Oeverseegymnasium gibt es bereits seit 1902 – Foto: Isabella Deckan

In Hinblick auf die Multikulturalität am Oeversee-Gymnasium äußert sich Schaflechner folgendermaßen: „Schule ist immer ein Spiegelbild des Bezirks, in dem sie ist. So prallen an unserer Schule einfach auch Kulturen aneinander.” Grundsätzlich ist er aber vom Umgang miteinander im Schulhaus beeindruckt. „Mir fällt auf, dass Kindern eigentlich relativ egal ist, von wo man herkommt und welche Sprache man spricht. Kinder können damit heutzutage viel besser umgehen als viele Erwachsene”, sagt Schaflechner. Jedoch nehme er wahr, dass muslimische Schülerinnen oft Angst haben. Sie würden merken, dass sie polarisieren – weniger in der Schule, sondern mehr außerhalb. „Eine muslimische Schülerin hat mir einmal gesagt, es sei so wunderschön hier an der Schule, weil es eine Oase sei und sie so genommen werde, wie sie sei”, so der Lehrer.

Die Zukunft der Schule

Wenn es darum geht, wie die Schule in Zukunft aussehen soll, sind beide Lehrkräfte für die Abschaffung der 50-Minuten-Einheiten und stattdessen zumindest für Doppelstunden. Ebenso sprechen sie sich für mehr Wahlmöglichkeiten bei den Schulfächern aus. „Nicht alle müssen in der Oberstufe Biologie haben”, so Schaflechner. Für Bock wäre außerdem denkbar, dass Kinder bereits in der letzten Klasse der Unterstufe selbst entscheiden, welche Fächer sie vertiefend besuchen. Schaflechner plädiert zudem für ein Unterrichtsfach im Bereich der Theaterpädagogik: „Eines der wichtigsten Dinge, die wir jungen Menschen mitgeben können, ist, dass sie lernen vor anderen Menschen zu stehen und zu reden.”

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