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„Tagger Sauhaufen“: Die Grazer Club-Szene versammelt sich

in KULTUR von

8020 wird heute ab 19 Uhr zum Mittelpunkt der Grazer Club-Szene. 40 DJs der Grazer Szene treffen am Tagger Sauhaufen im Taggerwerk zusammen, um die Vielfalt der elektronischen Musik zu zelebrieren.

2013 schloss der beliebte Underground-Club Niesenberger in 8020 seine Pforten und hinterließ ein “Loch” in der Grazer Club-Szene. Das Loch lässt sich seit wenigen Tagen auch besichtigen, nachdem die Bagger gerade die Reste des Clubs abgerissen haben, um Platz für einen Wohnbau zu machen. Die Papierfabrik hat sich unlängst ebenfalls verabschiedet. Symbolisch für die Grazer Subkultur soll das aber nicht sein. Projekte, wie der Tagger Sauhaufen am 14. Juni zeigen, dass für Club-Kultur in Graz immer noch Platz ist.

Das Taggerwerk ist anders

40 lokale DJs aus verschiedenen Crews und Kollektiven werden heute ab 19 Uhr (bis 22 Uhr ist der Eintritt frei) die Menge im Taggerwerk bespielen. Der “Sauhaufen” wird dabei zum großen Treffen der Generationen werden. Die Veranstalter haben Kollektive der ersten Stunde, wie disko404 oder Hausboot, aber auch jüngere Crews, wie zum Beispiel die Hip-Hopper noedge zusammengetrommelt. Ziel ist es, die Vielseitigkeit der Szene zu präsentieren. Egal ob Techno, Disco, Dubstep oder Downtempo – am „Sauhaufen“ kann man die ganze Bandbreite der elektronischen Musik erleben. Zusätzlich wird keiner der DJs, wie gewohnt als One-Man-Show auftreten, beim Event wird ausschließlich b2b gespielt. In der EDM-Szene steht b2b für „back-to-back“ und heißt, dass sich zwei DJs eine Bühne teilen und gemeinsam Musik auflegen. Passend dazu der Name des Events: Tagger Sauhaufen. Hinter dem Event, das mit einer Sunset-Show im Garten beginnt, steht unter anderem der Mitbegründer des Club Niesenberger, Matthias Maurer.

Das Taggerwerk, beliebte Location für Liebhaber der elektronischen Musik. – Foto: Tina Stadler

Auch das Kollektiv Tanz der Moleküle mit Jorge Tavarez wird am Start sein. Tavarez legte bereits in Wien auf, bevor es ihn 2016 nach Graz verschlagen hat. Über die vorgefundene Szene in Graz sei er nicht immer glücklich: „Bei vielen Clubs ist es oft so, dass immer die gleichen Leute die Bookings bekommen. Das sind halt die größeren Namen, die die Leute bringen oder die sind eben miteinander befreundet.“ Im Taggerwerk sei das ganz anders: „Im Endeffekt geht’s vielen Clubs einfach nur um die Kohle. Das Taggerwerk ist da anders. Die Leute geben sich Mühe, dass sie Veränderungen in die Grazer Szene bringen.”

Szene in der Kritik

Für Markus von Tanz der Moleküle liegt das Problem der Grazer Club-Szene aber nicht nur bei den Clubs und Veranstaltern. Seit 25 Jahren ist er bereits in der Musikbranche tätig und es fehle noch immer an Wertschätzung für die elektronische Musik und ihrer Kultur. In der Bevölkerung, aber vor allem bei den Behörden. Auch sei schade, dass die Szene immer ins Nachtleben gedrängt wird. Jorge Tavarez teilt diese Meinung: „Wieso machen wir nicht mehr Tagesveranstaltungen? Wir haben so schöne Platzerl in Graz. Aber wenn man als Verein bei der Stadt anklopft, stößt man da immer auf Widerstand. Außer du bringst einen Gabalier, der 20.000 Leute anlockt, dann ist das natürlich kein Problem.“ Matthias Maurer habe in all den Jahren, auch damals zu Niesenberger-Zeiten, hauptsächlich gute Erfahrungen mit den Behörden gemacht: “Es war zwar immer eine Herausforderung, die ganzen Anforderungen zu erfüllen, aber ich habe nie das Gefühl gehabt, dass mir Steine in den Weg gelegt wurden.”

Die Szene arbeitet zusammen

Um das Bewusstsein für EDM in der Öffentlichkeit zu ändern, hat Markus mit Open Minded Graz, dem Verein zur Förderung elektronischer Musik im Urbanen Lebensraum, vor etwas mehr als zwei Jahren eine Parade auf die Beine gestellt. 30 Musik-Kollektive schlossen sich zusammen, um sich gegen Einschränkungen der Club-Szene und für mehr Platz für die elektronische Subkultur im öffentlichen Raum einzusetzen. „Bei den Sachen, die wir veranstaltet haben, gab es nie Polizei- oder Rettungseinsätze. Die Stadt war sogar überrascht, wie sauber wir alles zurückgelassen haben“, betont Markus.
Beim Zusammenhalt in der Szene unter den DJs sehen Markus und Jorge aber Verbesserungsbedarf: „Wenn ein Kollektiv ein Event veranstaltet und dann andere Kollektive Gegenveranstaltungen dazu machen, da denk ich mir schon mal: Wieso stecken die ihre Energie nicht einfach in ein gemeinsames Projekt?“

Bei all der Kritik sind sie sich aber trotzdem einig, dass die Szene auch viele positive Seiten hat. „Wir sind froh, dass wir hier in Graz sind und die Grazer Community haben. Die Szene hier hat viel Potenzial und es gibt schon immer wieder Projekte, die super funktionieren.”

Positives aus der Szene

Auch Uschi Ultra alias Katharina Oberegger vom DJane-Duo Melodien für Millionen wird heute beim Tagger Sauhaufen dabei sein. Sie malt ein etwas harmonischeres Bild der Grazer Szene. Die Schließung des Club Niesenberger wäre zwar traurig gewesen und es hätte danach eine kleine Ebbe gegeben, aber seitdem sei viel Neues entstanden. Das Parkhouse oder das Forum Stadtpark seien noch immer gute Locations für lokale DJs. Auch der Zusammenhalt in der Szene sei gegeben. Auf den Tagger Sauhaufen freue sie sich schon sehr, auch wenn es nicht die erste b2b-Erfahrung für sie ist: „Man spielt zwar zusammen, aber matched sich gleichzeitig auch immer ein wenig, was echt lustig ist. Wer die beste Nummer hat zum Beispiel.“

DJ Uschi Ultra bei „LUX like a Nice Party“ des IILW Kollektiv im Taggerwerk. – Foto: Larrisa Zauser

Ein Blick in die Zukunft

So verschieden die Protagonisten der Szene und ihre Sichtweise darauf auch sein mögen, in einem Punkt sind sich alle einig: Bei der Medienberichterstattung über die Grazer Club-Szene gibt es viel Luft nach oben. “Lokale Medien beschäftigten sich lieber mit groß aufgezogenen Veranstaltungen wie dem Designmonat oder dem kommenden Springfestival. Kleinere Events und Projekte der Szene wie der Tagger Sauhaufen würden da oft übersehen”, sagt Tavarez. Einige Grazer DJs wünschen sich deshalb eine eigene Szenezeitschrift, mit der man die Berichterstattung in die eigene Hand nehmen könnte. Doch mehr als eine Idee ist daraus noch nicht geworden.

Hasst weniges, liebt vieles und glaubt, wenn es eine höhere Macht geben würde, hätte sie mit Sicherheit Joni Mitchells Stimme.

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