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Die nächste Stufe – Leistbar Wohnen

in POLITIK & WIRTSCHAFT/SOZIALES von

Seit einem Jahr unterstützt die Caritas mit dem Projekt “Leistbar Wohnen” Menschen, die sich die steigenden Mietpreise in Graz nicht mehr leisten können. Bis zu zehn neue Anfragen gibt es täglich.

In ganz Österreich wird Wohnen zunehmend teurer. Die Steiermark und insbesondere Graz sind davon nicht ausgenommen. Die Landeshauptstadt liegt bei den Wohnungspreisen zwar aktuell hinter Städten wie etwa Wien, Innsbruck und Salzburg, für das Jahr 2019 wird jedoch ein deutlicher Preisschub erwartet. Eigentum ist besonders betroffen. Die Mietpreise steigen hingegen nur moderat – dennoch sind sie bereits jetzt für viele nicht mehr leistbar. Diese Menschen versucht die Caritas seit rund einem Jahr mit dem Projekt “Leistbar Wohnen” aufzufangen, wie Klemens Prem, Teamkoordinator des Projekts, erzählt. Was Wohnunterstützung angeht, so arbeitet die Caritas in einem Stufenmodell. Die unterste Stufe stellen Notschlafstellen dar, danach folgen Wohngemeinschaften sowie betreute Übergangswohnungen. “Dann kommt schon der freie Wohnungsmarkt – dazwischen hat etwas gefehlt.“

Lücken schließen

Diese Lücke soll “Leistbar Wohnen” schließen. Das Projekt spricht vor allem Menschen ohne Betreuungsbedarf an, die am Wohnungsmarkt nicht fündig werden. Das können KlientInnen aus anderen Projekten der Caritas sein, aber auch Personen ohne Bezug zur Organisation werden unterstützt. Dazu zählen vor allem Menschen, die sich eine Wohnung am freien Markt schlichtweg nicht leisten können. Die Idee des Stufenmodells sei es, dass nicht jeder, der wohnungslos wird, in eine Notschlafstelle muss, wie Prem erklärt. Die Betroffenen sollen auf jener Stufe abgefangen werden, auf die sie gehören – und mit ein wenig Unterstützung auf die nächste aufsteigen.  „Das Ziel ist, dass die Leute irgendwann selbstständig wohnfähig werden – das ist uns sehr wichtig.“

Klemens Prem ist Teamkoordinator des Projekts „Leistbar Wohnen“ – Foto: David Wiestner

Was heißt “leistbar”?

Im Februar vergangenen Jahres wurden die ersten Wohnungen im Zuge des Projektes in zwei Einrichtungen in Graz bezogen. Eine der beiden liegt in der Keplerstraße 82, zuvor Standort der Winternotschlafstelle der Caritas, die andere in der Grabenstraße. Knapp 260 Euro kostet hier die kleinste Wohnung von 20 Quadratmetern monatlich, inklusive Strom, Heizung, Internet und Warmwasser. Der Preis orientiert sich an der Mindestsicherung, wie Prem beschreibt. Der Anspruch ist, dass sich eine Person in diesem Rahmen eine Wohnung leisten kann (Anmerkung: aktuell 885,47 Euro pro Monat). Davon ist ein Viertel für die Deckung der Wohnkosten gedacht (aktuell 221,37 Euro). “Wir haben versucht, Wohnungen zu schaffen, die damit leistbar sind. Das ist uns beinahe gelungen“, sagt der 36-Jährige.

Im sogenannten „Haus Maria“ in der Keplerstraße stehen großteils Kleinstwohnungen zur Verfügung, weshalb hauptsächlich Einzelpersonen das Angebot nutzen. 38 Wohnungen sind es hier insgesamt. Am Standort Geidorf sind hingegen größere Wohnungen verfügbar, daher wohnen dort vor allem Familien: „Derzeit haben wir dort 21 Wohnungen – und 21 Kinder.“

Dazu kommen Einrichtungen der Diözese in der Steyrergasse und in der Raimundgasse. Insgesamt stehen im Rahmen von Leistbar Wohnen 100 Wohnungen zur Verfügung.

Brennpunkte verhindern

Zu Beginn des Projekts war das Ziel, 70 Prozent der Wohnungen an Personen zu vergeben, die bereits in anderen Caritas-Einrichtungen betreut werden. Aktuell liegt das Verhältnis bei etwa 80 zu 20. „Wir haben versucht, keine sozialen Brennpunkte zu schaffen. Das heißt, wir wollten nicht nur Leute aus unseren Notschlafstellen zusammenbringen“, sagt Prem, und fügt hinzu: „Eine gewisse Mischung ist überall gut, auch in einem Wohnhaus.“

Etwa 60 Prozent der BewohnerInnen stammen aus Österreich. Von den Nicht-ÖsterreicherInnen sind einige dabei, die einen positiven Asylbescheid haben und am privaten Wohnungsmarkt nichts bekommen. Auch zwei Studenten wohnen derzeit im Caritas-Haus in der Keplerstraße. Bei der Wohnungsvergabe achtet Prems Team vor allem auf das Einkommen der BewerberInnen. Einerseits sollen sich diese die Miete leisten können, andererseits aber nicht so viel verdienen, dass sie auch anderswo eine Wohnung finden können. “Viele Leute verdienen gut, haben aber Schulden oder laufende Kredite – bei diesen Menschen wirkt es, als hätten sie viel Geld, sie haben es aber nicht. Diejenigen nehmen wir schon“, merkt Prem an.

Das „Haus Maria“ in der Keplerstraße 82 – Foto: David Wiestner

Hohe Nachfrage

Jede Wohnung hat ein eigenes Kellerabteil, außerdem stehen den BewohnerInnen ein Gemeinschaftsraum, ein Billardraum sowie eine Waschküche zur Verfügung. Darüber hinaus werden die BewohnerInnen auch persönlich beraten – viele von ihnen wüssten zum Beispiel nicht, dass ihnen die Mindestsicherung zustünde, so Prem. Das Projektbüro steht den BewohnerInnen an drei Tagen in der Woche offen. „Unser Büro ist ein Treffpunkt für die Leute. Manche BewohnerInnen schauen immer wieder vorbei, ohne etwas zu brauchen. Sie wollen einfach ‚Hallo‘ sagen.“

Weil die BewohnerInnen irgendwann selbständig wohnfähig sein sollen, sind die Mietverträge befristet. Maximal 5 Jahre können sie im Haus der Caritas wohnen, dann endet der Vertrag. „Wir hatten aber letzte Woche bereits den fünften Auszug“, zieht Prem nach einem Jahr Bilanz. Mit dem bisherigen Verlauf des Projekts ist er sehr zufrieden. „Viele Leute kommen aus Notschlafstellen – ein paar von ihnen sind durch ihre Erfahrungen etwas komplizierter. Aber es ist ruhig im Haus.“ Kleinere Probleme gebe es ohnehin in jeder Hausgemeinschaft.

Von den 100 Wohnungen ist im Moment nur eine frei. Die Nachfrage ist sehr hoch: „Aktuell bekomme ich zwischen fünf und zehn Anfragen pro Tag. Ich muss viele einfach ablehnen. Es gibt auch keine Warteliste mehr, weil es so viele Anfragen gibt“, bedauert Prem. Daher plant die Caritas, in den nächsten Jahren weiter zu expandieren, auch in die umliegenden Regionen.

 

Sichtlich gezeichnet von 20 Jahren Stadtleben. Wirft gerne mit Frisbees, aber nicht nur zu Hunden. Fast erwachsen.

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