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Das Graz der Afrikanerinnen

in Allgemein/VIERTEL(ER)LEBEN von

2805 AfrikanerInnen nennen Graz ihr Zuhause. Denise Schubert vom Afrikanischen Dachverband führt durch den versteckten Alltag schwarzer Frauen im Griesviertel.

Es beginnt zu dämmern, als sich die ersten Spaziergänger vor dem Chiala am Griesplatz versammeln. Eine bunte Mischung von Frauen und Männern jeden Alters ist gekommen. Eines haben sie aber gemeinsam: Niemand von ihnen ist schwarz. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – nehmen sie am Stadtspaziergang „Schwarze Frauen im Griesviertel“ teil. Begleitet werden sie von Denise Schubert, Schriftführerin des Afrikanischen Dachverbands Steiermark, die dieses Event zusammen mit dem Projektteam von „Verweile doch und mach es schön“ und dem Verein Stadtteilprojekt Annenviertel auf die Beine gestellt hat. Ziel ist es, dass GrazerInnen die Welt der Afrikanerinnen von nebenan kennenlernen. Denn diese Welt ist nicht klein: Insgesamt leben laut dem BürgerInnenamt der Stadt Graz 2805 Afrikanerinnen in Graz, 1156 davon sind Frauen (Stand 2017). Bis auf wenige Länder ist in Graz ganz Afrika vertreten.  „Mir geht es darum, dass man in Graz lernt, Afrika positiv zu besetzen. Dass man diese Kultur als schönen Teil unserer Gesellschaft sehen kann, sich Elemente herausnimmt und sie miteinfließen lässt”, sagt die gebürtige Deutsche, die Einzige in der Runde mit afrikanischen Wurzeln.

Denise Schubert begleitet Interessierte durch das Annenviertel. – Foto: Rebecca Gahr

Alltagsrassismus in Graz

Vor dem ghanaischen Restaurant Meet me there macht die Gruppe das erste Mal Halt. “Ghana Kultur Zentrum” und “Verein für Jugendliche Ghanas und Österreichs” steht mit bunten Lettern über dem Eingang. Denn das Meet me there ist mehr als ein Restaurant, es ist vielmehr ein Ort zum Treffen und Austauschen. Nicht nur für Einwanderer aus Ghana, die größte afrikanische Gruppe in Graz, auch für andere AfrikanerInnen, LateinamerikanerInnen und ÖsterreicherInnen.

Denise Schubert wirft die Frage nach Vorurteilen auf und muss schmunzeln. Denn nein, nicht jeder Afrikaner kann trommeln. Nicht immer bestehen Klischees aus derart harmlosen Bildern im Kopf. Die Wohnungssuche beispielsweise erweist sich in Graz für Personen mit dunkler Haut als schwierig. Türken und Schwarze seien nicht erwünscht, habe ein Vermieter Denise Schubert erklärt. „Ich kann mir gut vorstellen, wie hart es dann für jemanden ist, dessen Muttersprache nicht Deutsch ist, für jemanden der noch dunkler ist als ich.”

Wenige Unternehmerinnen

Der nächste Stopp des Spaziergangs ändert die Stimmung schlagartig: Stoffe, die von der Decke hängen, gemusterte Kleidung neben einer Vielzahl von afrikanischen Delikatessen. Während ihr Enkel den Gästen Bananenchips und Erdnussbutter anbietet, frisiert Mama Lee einer Kundin das dicke Haar zu Rastazöpfen. Was aussieht wie ein Wohnzimmer, ist Mama Lees Afro-Shop. Sie ist eine der wenigen Afrikanerinnen, die ein eigenes Unternehmen hat. Denn viele Frauen sind erst Jahre später ihren Männern gefolgt und daher weniger lang in Österreich. Für sie stehen Grundbedürfnisse wie Sprache, Gesetze und Orientierung im Vordergrund. Erst die zweite Generation beginnt sich jetzt für Gleichberechtigung und Unabhängigkeit einzusetzen.

Zwischen Kleidung und Lebensmitteln kümmert sich Mama Lee um die Kundschaft. – Foto: Rebecca Gahr

Diskriminierende Sprache

Nach dem Stopp bei Mama Lee führt der Weg direkt vorbei an der Mohren-Apotheke. Nur in kurzer Entfernung finden sich auch der “Mohrenwirt” in der Mariahilferstraße und der – mittlerweile geschlossene – “Gummi-Neger”. Nur einige Beispiele für die sprachliche Diskriminierung, die in Österreich 2018 immer noch stattfindet, meint Schubert. Geht es nach ihr, soll sich das ändern: „‘Das war schon immer so‘ ist die größte Lüge überhaupt. Als wäre eine Gesellschaft statisch und nicht in der Lage, sich zu wandeln. Aber das stimmt nicht, wir ändern uns ständig, den ganzen Tag und immer wieder. Dann nehmen wir doch solche Sachen auch noch mit.”

„Wir lieben 8020“

Den Abschluss eines spannenden Spaziergangs bildet die St. Andrä Kirche: Ein weiterer Treffpunkt, für schwarze Frauen, aber natürlich auch Männer, aus Graz. Hier werden jeden Sonntag afrikanische Gottesdienste gefeiert. Laute, musikalische und bunte Gottesdienste, an denen jeder teilhaben kann. Denn egal welche Hautfarbe – eines haben wir alle gemeinsam, findet Denise Schubert: „Wir lieben 8020. Das Viertel ist bunt. Hier ist so viel los. Das ist einfach Zuhause!“

Ganz ok, nicht außergewöhnlich, mag mich trotzdem.

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