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Die tapfere Schneiderin

in VIERTEL(ER)LEBEN von

Michaela Perner designt und näht bunte Täschchen, Etuis und Hüllen aus gebrauchten Textilien. Seit kurzem bereichert sie als „Das tapfere Michilein“ die Annenstraße mit ihren Upcycling-Produkten.

„Handmade in Graz with Love“ steht weiß auf schwarz auf dem Schild in der Ecke des Raumes. Diese Liebe spürt man beim Betreten des Geschäfts in der Annenstraße 61. „Die Möbelretterin“ hat es vor zwei Jahren eröffnet und verkauft hier ihre aufgepeppten Vintage-Möbel. Michaela Perner, „Das tapfere Michilein“, ist nun vor einem Monat samt Nadel und Zwirn ebenfalls eingezogen und produziert und verkauft hier nun unzählige bunte „Tascherl“.

Von Geldbörsen über Reisepasshüllen bis hin zu Federpennalen findet man alles, was das detailverliebte Herz begehrt. Michaela näht und designt ihre Accessoires aus gebrauchten und ausrangierten Textilien. Die Stoffe für ihre Produkte werden ihr gespendet oder sie kauft sie in Secondhand-Läden für wenig Geld. Kleine Schnittreste, Bettwäsche und ausgeblichene Vorhänge findet man in ihrer Stoffpalette. Sie zerschneidet alles, was ausgedient hat, und gibt den Textilien danach eine neue Bestimmung.

Bewusstsein für Nachhaltigkeit

Für die Steirerin ist es selbstverständlich, ihre Produkte aus gebrauchten Materialien herzustellen. Schon von klein auf wurde ihr beigebracht, nicht verschwenderisch mit Ressourcen umzugehen. „Zuhause wurde alles dreimal umgedreht, um zu schauen, ob man es noch irgendwie verwenden kann.“ Auch als sie als Studentin nach Graz zog, war Nachhaltigkeit immer ein Thema in ihrem Privatleben. Sie habe beispielsweise noch nie herkömmliche Müllsäcke gekauft, sondern immer die Einkaufssackerl von Lebensmittel- oder Bekleidungsgeschäften wiederverwendet. “Meine Mitbewohnerinnen haben das gesehen und meinten nur, sie wären nie auf diese Idee gekommen. Ich war völlig erstaunt, für mich sind solche Kleinigkeiten im Alltag ganz selbstverständlich.”

Heute zählen Projekte, Shops und Initiativen wie Compuritas oder Heidenspass zu ihren Vorbildern, sagt Michaela. Sie weiß, dass Upcycling-Produkte immer noch ein „Nischenmarkt“ sind. In vielen Fällen könne eben keine Massenware produziert werden. Der Erfolg der Schweizer Firma  Freitag sei eine der wenigen Ausnahmen, die vor 25 Jahren mit Taschen aus Lkw-Planen eine Marktlücke gefunden hätten. Um als kleines Grazer Geschäft mit den „Großen“ mithalten zu können, müsste man mehr in die Vermarktung investieren. Für Michaela steht Marketing aber nicht an oberster Stelle: „Für mich zählt einzig und allein das Handwerk!“

Ihre Brieftaschen sind momentan sehr gefragt. Minimalistisch und kunterbunt. – Foto: Michaela Perner

Vom Hobby zum Geschäft

Bereits während ihres Architekturstudiums an der TU Graz wurde Michaela klar, dass sie nicht für die Bildschirmarbeit gemacht ist. Online entdeckte sie eine Nähanleitung für einen kleinen Beutel, den man in der Handtasche mitnehmen kann. Dieses Bild ließ sie nicht mehr los und so war ihre Idee geboren. Nähen lernte sie schon mit elf und seitdem begeistert sie sich für Handarbeit. Alles Notwendige für die Täschchen brachte sich Michaela selbst bei, durch Youtube-Videos, Online-Anleitungen und Übung. Sehr viel Übung! „Man braucht Geduld mit sich selbst. Aber das Erfolgserlebnis, wenn es am Ende so aussieht, wie man es sich vorgestellt hat, ist das Größte!“, schwärmt Michi über ihre Arbeit.

Direkt nach Abschluss des Studiums begann sie einen Projektmanagementkurs und fand ihre ersten Kundinnen. Dann baute sie ein Netz von Vertriebspartnern auf, präsentierte ihre Arbeit auf verschiedenen Designmärkten in Graz und Wien. Natürlich gibt es immer wieder Durststrecken, aber die Leidenschaft für ihre Arbeit sei auch ihre Antriebskraft. „Ich glaube, dass ich sehr verbissen bin. Vielleicht hätten andere in manchen Situationen schon aufgegeben.“ Mehr als 1000 liebevoll gestaltete “Tascherl” näht Michaela jährlich, ohne fremde Hilfe.

Reuse und Upcycling im Annenviertel

Das Annenviertel hat die Kleinunternehmerin nicht wahllos ausgesucht – ein Grund, warum sie sich hier niedergelassen hat, seien die nach wie vor leistbaren Mietkosten. Außerdem hat “Die Möbelretterin” schon von Beginn an ihre Taschen mitverkauft.

„Es ist nicht das typische Geschäft, das man hier in der Annenstraße erwartet“, sagt Michaela. Laufkundschaft ist eher selten: Gelegentlich kommen Interessierte herein, deren Ziel eigentlich der Leiner nebenan ist. Andere wiederum fühlen sich auf ihrem Weg vom Bahnhof in die Stadt vom Schaufenster des Ladens angesprochen. “Die Annenstraße ist nachwievor die wichtigste Verbindung zwischen Bahnhof und Innenstadt”, so Michaela. Besuch aus 8010 ist trotzdem eine Ausnahme, zum „Bummeln“ kommt fast niemand mehr in die Annenstraße. Die meisten KundInnen kommen aber gezielt, um etwas zu kaufen oder in Auftrag zu geben.

Außerhalb des Shops ist Michaela demnächst auf folgenden Märkten in Graz vertreten:
18.11. Advent PopUp Markt der Grazer Wunderweiber @Mangolds
30.11.+1.12. It’s Vintage Christmas in my heart @Die Möbelretterin
8.12. Bohemian Soul Weihnachtsmarkt @Seddwell Center
14.+15.12. Grieskindlmarkt @Omas Teekanne

Apfelliebhaberin und Hauptgrund, dass niemand mehr im Paradies lebt, halb Kaffee - halb Mensch, beim Musikgeschmack in den 80ern hängen geblieben, Sarkasmusenthusiastin, für Graz geboren aber in Kärnten gemacht

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