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Filmszene Graz: Viel Herzblut

in KULTUR von

Seit 20 Jahren macht die Diagonale Graz für ein paar Tage zur Filmhauptstadt Österreichs. Lokale Filmschaffenden haben es dennoch schwer. Wir haben uns in der Grazer Filmszene umgesehen.

In einer unscheinbaren Gasse direkt hinter dem Griesplatz liegt das Büro der Produktionsfirma HENX. Bunte Screenshots an den Wänden zeigen Szenen ihrer Filme, zwei alte Kinositze sind an ein Fenster gelehnt und am Boden verteilt stehen Kisten mit bunten Kostümen und anderen Requisiten. Eine dieser Kisten zischt sogar – argentinische Fauchschaben für einen anstehenden Dreh, erklärt Markus Seereiter. Fünf junge Männer stecken hier mitten in der Arbeit – es wird telefoniert, diskutiert und an der Planung der nächsten Projekte gearbeitet.

Markus Seereiter, Vincent Seidl, Bernhard Wintersperger, Andreas Fauler und Nils Kaltschmidt sind die Filmschaffenden hinter diesem jungen Unternehmen. Die meisten von ihnen waren gemeinsam in der Schule und sind seit ihrer Matura 2009 im Filmgeschäft, 2012 gründeten sie ihre Firma. Wir haben einfach aus Freude an der Sache angefangen, Sachen zu drehen und zu probieren”, erzählt Seidl. Anfangs gab es keine strikte Strategie, sie initiierten eigene Projekte und kamen so, nach und nach, durch Mundpropaganda und Vernetzung innerhalb der Branche zu weiteren Projekten. Es war ein fließender Übergang von eigenen Projekten zu anderen Aufträgen”, erklärt Kaltschmidt. 2015 erschien etwa ihr Kurzfilm The High Road” über den Extremradfahrer Jacob Zurl, der versuchte den Himalaya in Rekordzeit zu befahren. Das Wichtigste sei bei diesem Beruf, nicht das Ziel aus den Augen zu verlieren, meint Seidl. Es kann nicht immer super laufen.”

Filmemachen in Graz – das stellt sich in der Praxis meist anders dar, als sich Laien das so vorstellen. Spielfilme und Fernsehen kommen kaum vor, weil das alles von Wien aus geht”, sagt Fauler. Das empfinden sie aber nicht unbedingt als negativ. Sie hätten sich ganz bewusst nicht spezialisiert, sagt Seidl: „Wir lernen aus allen Projekten. Und bis jetzt haben wir zum Glück nie etwas gemacht, bei dem wir das Gefühl hatten, unsere Seele zu verkaufen.” Eine kleinere Stadt wie Graz bringe auch erhebliche Vorteile mit sich. „Man kennt sich schon untereinander, was sehr positiv ist”, meint Kaltschmidt. Es herrsche ein gesunder Wettkampf ohne extremes Konkurrenzdenken. Wichtig sei dabei vor allem, jemanden zu finden, mit dem man gut zusammenarbeiten kann.

Das Team von HENX – Quelle: HENX

Networken, networken, networken

Auch um diese Vernetzung zu fördern, rief die Stadt Graz vor drei Jahren die Film Commission Graz ins Leben. Direkt hinter dem Kunsthaus liegt diese Anlauf- und Servicestelle für Filmschaffende, die in Graz drehen möchten. Barbara Rosanelli leitet die Einrichtung, mit der sie insgesamt das Image von Graz als Filmstadt stärken will. Aber auch lokale Filmschaffende unterstützen. Viele Grazer wandern nach Wien aus, weil sie dort eher einen Job finden.”  Die Vernetzung der Szene hält auch sie für extrem wichtig und lädt daher immer wieder zum Branchenstammtisch ein. „Man kann sich gegenseitig aushelfen, egal ob mit Requisiten oder Leuten”, sagt Rosanelli. Sie selbst weiß genau, was in der Branche wichtig ist. Bevor sie die Leitung der Film Commission übernahm, war sie als Aufnahmeleitung tätig.

Barbara Rosanelli (re.) bei der Diagonale 2017 – Foto: Paul Pibernig Quelle: diagonale.at

Dass in Graz mehr Werbe- und Imagefilme als Spielfilme gedreht werden, begründet Rosanelli mit den fehlenden finanziellen Mitteln: „Welcher junge Produzent traut sich über einen Spielfilm drüber, der einige hunderttausend Euro kostet? Da fehlt es ja auch einfach an Förderungen.” Aus diesem Grund gibt es im Bereich der künstlerischen Produktionen hauptsächlich Kurzfilme. „Es ist für Österreich einfach viel zu wenig Förderung da”, meint Rosanelli. Auch im Vergleich zu Nachbarländern wie Großbritannien. In der Steiermark gibt es insgesamt drei Filmförderungen, für deren Bewerbung detaillierte Planung notwendig ist. Auch das Filmfestival Diagonale unterstützt Rosanelli, denn dieses sei ein weiteres wichtiges Event, um die Weiterentwicklung der Branche zu fördern.

An Potenzial mangelt es in Graz eigentlich nicht. Der in Graz geborene und 2014 verstorbene Regisseur Michael Glawogger hat eine ganze Reihe von Filmen mit Schauspielern des Theater im Bahnhof umgesetzt. Wie Glawogger sind über die Jahre aber viele FilmemacherInnen nach Wien oder Berlin gezogen, Marie Kreutzer etwa, Jakob M. Erwa oder Johanna Moder. Andere wie Markus Mörth hingegen versuchen es weiterhin vor Ort.

Graz als Filmhauptstadt

Ab 13. März wird das Festival für österreichischen Film Graz für ein paar Tage dennoch wieder zur Filmhauptstadt machen. Seit 1998 versucht die Diagonale auch – einmal mehr, einmal weniger –, die Aufmerksamkeit auf das regionale Filmschaffen zu richten. Jährlich zieht das Festival um die 30.000 Besucher an und zeigt so, wie groß das Interesse an österreichischen Filmproduktionen ist. So ist etwa auch die Produktionsfirma epo-film, die ihren Sitz neben Wien auch in Graz hat, mit einem Spielfilm – „Wir töten Stella” – auf der Diagonale vertreten.

Wer als Filmschaffender erfolgreich sein will, braucht vor allem Durchhaltevermögen. Das Team von HENX und Barbara Rosanelli sind sich da einig. Wer eine Leidenschaft für das Medium hat und diesen Beruf unbedingt ausüben möchte, lässt sich durch nichts davon abbringen. Rosanelli: „Wenn das Herzblut drinnen ist, dann bleibt man dabei. Und dann funktioniert es immer.”

Titelbild: Paul Pibernig, Quelle: diagonale.at

Kreativer Kopf. Bemalt gerne die Gesichter anderer Leute. Interessiert sich besonders für Cinematography, Kunst und Politik. Wannabe-Schottin die wahrscheinlich irgendwann als "Crazy Dog Lady" endet.

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