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„Die Utopie ist tot, hoch lebe die Utopie!”

in KULTUR von

Studio Asynchrome und Markus Jeschaunig verbinden in ihren für das Reininghaus-Areal entwickelten Arbeiten gewachsenes Wissen mit konkreten Utopien. Bei einem “Wunsch-Walk” staunten Besucher über ergreifende Panoramen, versteckte Eiskeller und einen “Komposthaufen an Ideen”.

Von: Ludmilla Reisinger und Melanie Grundner

Riesige, leere Lagerhallen, langsam in sich zusammenfallende Gebäude. Und mitten drinnen wächst – noch bevor die Bagger hier einen neuen Stadtteil hochziehen – etwas Neues heran: das open.lab. Das Kreativlabor von Andreas Goritschnig ist schwer zu übersehen, ein improvisiertes Häuschen, ein Wintergarten mit einer Front aus alten Fensterscheiben, die mosaikartig zusammengebastelt wurden. Bald ist es 16 Uhr, die Interessenten für den „Wunsch Walk“, der für diesen Nachmittag geplant ist, trudeln ein und werden von den Künstlern von Studio Asynchrome begrüßt.  

Studio Asynchrome beim Wunsch Walk
Alte Wünsche für das Reininghausareal vor dem Vergessen retten, das bezweckt Studio Asynchrome mit dem „Wunsch-Walk”. – Foto: Melanie Grundner

Die Utopie als Werkzeug

Studio Asynchrome, das sind eigentlich Michael Schitnig und Marleen Leitner, zwei Architekten, die auch Kunstschaffende sind und sich in der Vergangenheit unter anderem mit ihren „Archicomics” einen Namen gemacht haben. Kern ihrer Arbeit sind oft Utopien, die Schitnig und Leitner als Werkzeug sehen, um eine bessere Zukunft zu bauen. Ganz nach ihrem Motto: „Die Utopie ist tot, hoch lebe die Utopie!”

Für die Ausstellung im open.lab haben sich die beiden mit dem Thema „Wünsche” auseinandergesetzt, wie sie dem Grüppchen erklären, das sich an diesem sonnigen Februarnachmittag eingefunden hat. „In der Vergangenheit wurde bereits viel gute Vorarbeit zu Reininghaus geleistet”, sagt Schitnig und verweist auf die Publikation „Konzeptionen des Wünschenswerten”, in der die damaligen Eigentümer des Areals, die Asset One, schon 2007 die Vorstellungen der Grazer für das neue Viertel sammelten. Studio Asynchrome nahm sich dieser „alten” Wünsche für das Reininghaus-Areal an und versuchte, Orte am Gelände zu finden, die diese widerspiegeln: Welche Plätze stehen für Sicherheit? Welche bieten pure Schönheit, die zum innehalten einlädt? Welche wären gut als Kinderspielplatz geeignet? „Ziel war es, sich das Gebiet zu ergehen”, sagt Leitner, „zu sehen, wo sich aus der Vergangenheit die Zukunft ergeben kann.”

Reininghaus erkunden

Da es beim „Wunsch Walk” ums Mitmachen geht, schicken die Künstler nun das Publikum auf die Reise durch das Gelände. Der Auftrag: Passende Orte für die Vorstellungen aus den „Konzeptionen” zu finden. Zwischen kaputten Autos und schier endlosen Hallen voller Gerümpel wird jeder schließlich fündig. Im zweiten Teil des „Wunsch Walks”, darf dann jeder die Gruppe an den ausgewählten Platz führen und darüber sprechen, warum er sich gerade für diesen entschieden hat.

Besucher führen an ihre Orte bei den Reininghausgründen
Die Besucher führen zu ihren ausgewählten Orten, beschreiben schöne Fassaden und bewundern die meterhohen Pappeln. – Foto: Melanie Grundner

Ein älterer Herr hat sich das Panorama als seinen Ort auserkoren: Mit einer ausholenden Handbewegung zeigt er auf die hohen Pappeln, die in Reih und Glied das Gelände zu bewachen scheinen. „Das ergreift mich sehr”, sagt er. Sein größter Wunsch für die Zukunft ist, dass dieser Ausblick erhalten bleibt, was auch immer mit den Reininghausgründen passiert.

In den Diskussionen in der Gruppe schwingt neben der Bewunderung für diesen Ort, an dem man „der Hektik des Alltags entfliehen kann”, auch immer ein bisschen Bedauern mit. „Die Energie ist hier versickert”, sagt eine Frau. Das größte innerstädtische Stadtentwicklungsgebiet sei zerstückelt, die Koordination zwischen den Investoren schlecht, ist man sich in der Gruppe sicher. „Vielleicht hätte die Stadt die Verantwortung übernehmen sollen”, wirft eine Frau in den Raum. „Die Frage ist doch, trauen wir der Stadt Stadtentwicklung zu?”, kontert jemand anderes. 2012 wollte die Stadt Graz die Reininghausgründe ankaufen, bei einer Volksbefragung wurde das jedoch abgelehnt.

„Hier für hier arbeiten“

Nach dem „Wunsch Walk” werden die Teilnehmer zum Aufwärmen in das open.lab zu Tee und Kressebrötchen eingeladen. Vor einem Jahr wäre das noch gar nicht möglich gewesen, sagt Gründer Andreas Goritschnig, denn erst jetzt wurde der Raum winterfest gemacht und mit einem Boden aus Abbruchholz versehen. Seit 2014 gibt es das open.lab, das ein Ort des Miteinanders und der Produktion sein soll. „Letztes Jahr habe ich beschlossen, es weiterzuentwickeln”, sagt Goritschnigg, so sei die Idee für das “Artists in Residence”-Programm entstanden. Wesentlich dabei: „Ich möchte hier für hier arbeiten. Die eingeladenen Künstler sollen nicht nur ihre Arbeiten mitbringen, sondern sie auch in Reininghaus entwickeln.”

Ein „Komposthaufen an Ideen“

Die Besucher werden nun zur Ausstellungseröffnung gebeten und in eine weiße Halle geführt, in der die Werke präsentiert werden. Ganz im Stil des open.labs sind hier sogar die Rahmen aus Abbruchholz und die Tische, auf denen Broschüren ausliegen, umfunktionierte, ausrangierte Türen. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die Zeichnungen von Studio Asynchrome. Mit feinen und gröberen Linien haben Schitnig und Leitner die Wünsche abgebildet, die zuvor an die „Wunsch Walk”-Gruppe ausgeteilt wurden. Ein Drehkreuz, das verloren mitten auf der Wiese steht und schon längst von Dornen überwachsen ist, steht etwa für den Wunsch nach Sicherheit im neuen Viertel. Eine zerfallene Mauer dagegen ist für Studio Asnychrome ein Ort, an dem sie sich in zehn Jahren denken wollen: „Das, was hier gemacht wurde, ist schon ziemlich gut geworden.” (Titelbild) „Hier kann man Räumen beim Wachsen zusehen”, nennen sie das Projekt, bei dem sie alte Konzepte für Reininghaus aus der Vergessenheit holen.

Ein Tisch voller Postkarten
Bunte Postkarten mit Motiven aus der Ausstellung arrangiert auf den selbstgebauten Tischen – Foto: Melanie Grundner

Mit einem „Komposthaufen an Ideen“, wie Goritschnig die vielen Konzepte rund ums Reininghaus bezeichnet, beschäftigt sich auch das zweite Projekt, das an diesem Abend präsentiert wird: Der Künstler Markus Jeschaunig, der 2016 noch Bananen in einem Abwärmegewächshaus am Jakominiplatz züchtete, ließ im vergangenen Jahr die alte Technik der Eiskühlung wiederaufleben. In unterirdischen Eiskellern, die zu dem verwinkelten Katakombensystem unter Reininghaus gehören, wurde schon seit Jahrhunderten Bier gekühlt. Jeschaunig, den die Nachhaltigkeit eines „stromlosen” Kühlschranks inspirierte, rekonstruierte und baute einen eigenen Eiskeller, in dem Eis bis zu ein Jahr erhalten bleiben sollte.

Unter die Erde

Durch eine unscheinbare, grüne Tür führt Jeschaunig die Besucher in den Keller, der mit Abbruchmaterialien, Fenstern, Türen und alten Möbeln vollgestopft ist. Über eine Holzrampe geht es noch einen Stock tiefer, wo sich der Eiskeller befindet. „Das Eis hat leider nur bis Mai gehalten”, sagt Jeschaunig und erklärt, was bei dieser Technik des Kühlens beachtet werden muss. Etwa dass das Eis, das er vergangenen Winter in akurate Blöcke aus den Reininghaus-Eisteichen geschnitten hat, nicht schmutzig sein darf. „Wenn wir es noch einmal machen würden, könnten wir es wahrscheinlich ein ganzes Jahr mit dem Eis schaffen”, sagt Jeschaunig, fügt aber hinzu, dass er aufgrund des milden Winters den Keller heuer nicht befüllen konnte.

Vorführung eines Eiskellers
Markus Jeschaunigs Eiskeller in einer Nische des Kellers hat die perfekte Größe, um eine Bierkiste zu kühlen. – Foto: Melanie Grundner

Für 2018  hat sich Jeschaunig ein weiteres Projekt zum Thema „Eis“ ausgedacht: Er beschäftigt sich damit, wie man Eis selbst herstellen kann, dafür baute er eine Eissauna im Garten. Ebenso wie den Bau des Eiskellers dokumentiert er diese in einem kleinen Heftchen, das er für weitere „Artists in Residence“ in Reininghaus auflegt. „Es wäre schade, wenn das alles verloren ginge, wer weiß, wann wir das Wissen wieder brauchen können.”

Gebürtige Laufnitzdorferin mit Hang zum spätnächtlichen Jonglieren mit Worten und Expertin für nerdige Fragen vom klassischen Harry Potter bis hin zu Marvel. Nur allzu oft - zu literarischen Zwecken natürlich - in Kaffeehäusern zu finden.

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