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Hattrick im Annenviertel: 3 Bälle, 1 Nacht

in VIERTEL(ER)LEBEN von

Während am 27. Jänner auf der anderen Seite der Mur die 20. Auflage der Opernredoute stattfand, besuchten wir im Annenviertel drei Bälle, die sich von Grund auf unterscheiden, aber doch in gewisser Weise ähneln.

Von: Christina Kastner, Valentin Kaltenegger

Unsere Reise beginnt im Marienstüberl, wo die Gäste bereits zur Begrüßung die ersten, kleinen Geschenke des Abends erhalten: Schokolade und ein Los für den Glückshafen. Offensichtlich wissen aber nicht alle, etwas mit den Losen anzufangen, merken wir, als einer der Gäste erfolglos versucht, sein Los bei der Garderobe einzulösen. Im ersten Moment sind wir etwas überrascht, dass die meisten der festlich gedeckten Tische nicht besetzt sind, doch als wir in den Ballsaal eintreten, werden wir eines besseren belehrt. Hier herrscht schon ordentlich Stimmung und die Freude auf dieses Fest steht den Gästen wahrlich ins Gesicht geschrieben.

Die Grenzen der Gesellschaftsklassen verschwimmen. Hier tanzt jeder mit jedem – Foto: Caritas, Pierre Payer

Nach einer kurzen Anmoderation von Schauspielhaus-Darsteller Rudi Widerhofer bittet die Original Union Bar-Band zum Tanz. Sie bespielen den Marienstüberlball bereits seit Jahren mit Musik aus den verschiedensten Kulturen. Alters-, Gesellschaftsklassen und Kulturen spielen plötzlich keine Rolle mehr. Jeder tanzt mit jedem, ganz egal ob zu zweit, zu dritt oder im Kreis. Während wir das bunte Treiben auf der Tanzfläche beobachten, spricht uns einer der Gäste in gebrochenem Deutsch an und erklärt uns, wie gut ihm die Musik gefällt.

Lasst es euch schmecken

Kurz vor 19 Uhr bekommen die Gäste endlich das, wofür sie jeden Tag das Marienstüberl aufsuchen: eine warme Mahlzeit. Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat und Bohnen stehen heute auf der Speisekarte. Die Freude, die sie beim Genießen der Mahlzeiten verspüren, kann man förmlich aus den Blicken der Menschen herauslesen. Als Nachspeise gibt es später noch Kaffee und Krapfen.

Rudi Widerhofer und die Band haben die Besucher den ganzen Abend gut unterhalten – Foto: Valentin Kaltenegger

Neben dem Essen und dem Tanzen finden wir beim Marienstüberlball noch ein weiteres kleines Highlight. An der Cocktailbar können sich alle Besucher des Balls alkoholfreie Cocktails genehmigen. Mein tropischer Mix aus Mango, Ananas und Co. hat mich auf jeden Fall nicht enttäuscht. Kurz vor 20 Uhr müssen wir leider schon wieder aufbrechen, denn das Annenviertel schläft nicht.

Multikulti am gloBall

Girlanden und Fahnen der unterschiedlichsten Nationen hängen von Decke und Wänden des Pfarrsaales St. Andrä in der Kernstockgasse. Die anfangs noch spärlich besetzten Tische schmücken kleine Globusse, die das Motto des Abends unterstreichen. Der “gloBall” steht für Diversität und Multikulturalität. Jeder ist hier willkommen das erkennt man sofort, wenn man den Blick über die nach und nach eintrudelnden BallbesucherInnen schweifen lässt. Jung und Alt, Kostümierte, leger oder elegant Gekleidete – alle in freudiger Erwartung, das “buntesten und lustigsten Ballereignis der Saison” erleben zu dürfen, wie die Einladung versprach. „Herkunft und Hautfarbe spielen hier keine Rolle“, betont Pater Alois Kölbl in seiner Eröffnungsrede, woraufhin ein Walzer erklingt, der das Fest offiziell eröffnet. Außer einer E-Geige hat die Ein-Mann-Band viele weitere Instrumente vorbereitet, mit denen uns das musikalische Multitalent im Laufe des Abends unterhalten wird.

Am gloBall treffen die unterschiedlichsten Kulturen aufeinander – Foto: Valentin Kaltenegger

Für Getränke und Betreuung der Gäste sind charmante junge Männer, Mitglieder der Pfarre St. Andrä, zuständig, die aufmerksam ihre Runden drehen, um die Gäste zu bedienen. Zu einem ordentlichen Fest gehört natürlich auch ein ordentliches Mahl. Das übernimmt seit einigen Jahren der internationale Frauentreff, eine Gruppe von Frauen unterschiedlichster Herkunft. Dieser Verein besteht bereits seit zwölf Jahren, die Frauen treffen sich zweimal monatlich, um die deutsche Sprache zu üben. “Die Mitglieder wechseln laufend, die einen bekommen ein Kind, die anderen einen Job”, erzählt Projektleiterin Renate Marschnig. Bei den Treffen plaudern die Teilnehmer über die unterschiedlichsten Themen, über Flaggen, Städte oder Ernährung. Für diesen Abend haben die Frauen verschiedene Gerichte aus Nationen wie der Dominikanischen Republik, dem Iran oder dem Kosovo zubereitet. Das Geld aus den Einnahmen  kommt den Frauen zugute.

Spezialitäten aus aller Welt, von Menschen aus aller Welt – Foto: Christina Kastner

„Habemus Parkplatz“

Der gloBall der Pfarre St. Andrä findet jedes Jahr statt, doch heuer tritt erstmals Hermann Glettlers Nachfolger, Pater Alois Kölbl an dessen Stelle. Hermann Glettler wurde im Herbst 2017 zum Bischof nach Innsbruck bestellt, seitdem ist Kölbl als Seelsorger für die Pfarre zuständig, wie die Annenpost berichtete. Seit dem Wechsel in St. Andrä hat sich der Ball etwas verändert, vor allem das Publikum. Die Gäste sind jünger geworden und es sind hauptsächlich Mitglieder der Pfarrgemeinde anwesend. Hermann Glettler war wie ein „Magnet“ für viele Menschen und er hatte eine Art „Fangemeinde“, die den Ball jährlich besuchte, erzählt uns Pfarrassistent Philipp Friesenbichler in einem kurzen Gespräch. Dieser hat nämlich an diesem Abend alle Hände voll zu tun und wird auch schon im nächsten Augenblick von einem jungen Mädchen auf die Tanzfläche geholt, während „Let’s Twist Again“ von Chubby Checker die Tanzfläche zum Beben bringt.

Um 22 Uhr steht eine inszenierte „Spezialsendung von Steiermark Heute“ am Programm, die vom Pastoralassistenten und Pater Kölbl eingeleitet wird. In dieser wird über eine angeblich geplanten Tiefgarage für die Pfarre St. Andrä gewitzelt. Die von Papst Franziskus verkündete frohe Botschaft “Habemus Parkplatz”, hat schallendes Gelächter seiten des Publikums zur Folge. Als zusätzlicher Gag werden unter den Gästen Flyer verteilt, die mit Slogans wie „Anzünden einer Kerze in der Kirche: 1 Stunde gratis, jede weitere Stunde 0,50 €“ werben.  Wir ziehen weiter, als letzte Station unserer Ballnacht  steht die Volkshausredoute der KPÖ in der Lagergasse am Programm.

“Hier steht die Zeit still”

Nach einem Fußmarsch den Grieskai entlang erreichen wir das Volkshaus. Schon von außen sehen wir die bunte Diskolichter hinter den Fenstern im ersten Stock – die Party ist bereits voll in Gange. Beim Betreten des Gebäudes schlägt uns eine Wolke Zigarettenrauch gepaart mit abgestandener Partyluft entgegen. Auch hier wird um eine freiwillige Spende gebeten, welche dem Familienzentrum „Wohin“ zugutekommt. Die Stiegen hinauf drängeln sich Menschen in Feierlaune, während die Band KANAL 4 im festlich geschmückten Ballsaal ordentlich einheizt. In diesem Getümmel aus Partygästen fallen wir weniger auf als bei den vorherigen beiden Festen, nur manch einer beäugt uns mit skeptischem Blick, wenn wir etwas in unsere Notizbücher kritzeln.

Unsere letzte Station: Die Volkshausredoute – Foto: Valentin Kaltenegger

Was diesen Ball so besonders macht? „Hier sind wir alle gleich!“, meint eine Ballbesucherin. Ihre Begleitung erklärt, sie komme alle Jahre wieder hierher, denn „hier steht die Zeit still, es ist wie vor 25 Jahren!“ Da im Ballsaal unsere Altersklasse kaum vertreten ist, wechseln wir unseren Standort und besuchen die Cocktailbar der KJÖ. Hier tummelt sich die Jugend und vergnügt sich auf der Tanzfläche vor dem DJ-Pult. Nachdem auch wir Tanzversuche unternommen und ein oder zwei Cocktails verkostet haben, machen wir uns mit summenden Ohren auf den Nachhauseweg.

Infobox
Der Marienstüberlball, der gloBall der Pfarre St. Andrä und die Volkshausredoute der KPÖ finden jedes Jahr um diese Zeit statt. Vor zwei Jahren haben sich unsere Kolleginnen von der Annenpost auch auf diese spannende Ballreise durch das Annenviertel begeben. Wie die Ballnacht im Jahr 2016 verlief könnt ihr hier lesen: http://www.annenpost.at/2016/02/05/im-annendreivierteltakt/

Möchtegern Videospielblogger, Cremeschokolade-Fanatiker, findet auch Fußball ganz gut.

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