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Wenn Kunst zum Überlebensmittel wird

in KULTUR von

Die Initiative Kunstverleih will mehr junge Kunst unter die Menschen bringen. Zuletzt hat sie das mit einer Ausstellung samt Speed-Dating im Kunsthaus versucht.

Auf den vielen kleinen Tischen im Space04 des Kunsthauses gibt es Solettis und Schnaps, an den Wänden hängen die Werke 25 steirischer KünstlerInnen. Ich kenne keinen Einzigen von ihnen. Aber das wird sich schnell ändern, denn beim „Speed-Dating“ haben die Besucher die Chance, ein rasantes Gespräch mit den anwesenden Künstlern zu führen. Im weiteren Laufe des Abends kann man auch Bilder für sechs Monate ausborgen und so seine eigenen vier Wände verschönern.

Das Projekt

Zum fünften Mal gab es zuletzt die Möglichkeit, sich Kunst über die Initiative Kunstverleih, ein Projekt von Andreas Heller, Isa Riedl und dem Künstlerduo zweintopf, auszuleihen. Für 29 Euro im Jahr darf man zwei Kunstwerke mit nach Hause nehmen. Einsteigen und neue Kunstwerke eintauschen kann man jeweils Ende Jänner und Ende Juni. Die Auswahl haben die Kuratoren diesmal – in Anlehnung an die Charta von Athen zur funktionalen Stadtplanung aus dem Jahr 1933 – nach dem Motto „Licht, Luft, Sonne, Kunst!“ getroffen, die „Kunst“ war in der Charta eigentlich nicht dabei. Und sie sind mit ihrem Projekt nach Stationen im Forum Stadtpark und der Galerie Zimmermann Kratochwill erstmals im Kunsthaus zu Gast.

Verschieden Kunstwerke der steirischen Künstler.
Ein Ausschnitt der ausgestellten Werke – Foto: Martina Mohr

Dort will man ohnehin verstärkt auf lokale Vernetzung setzen, nicht nur, weil das seit Jahren immer wieder eingefordert wird. „Lokal“ nennt sich also die neue Kunsthaus-Reihe, die mit dem Kunstverleih startet und so etwas wie ein „kooperatives Geflecht“ lokaler Partner schaffen will. Das nächste „Lokal“ ist am 14. März mit Katrina Daschner, in Kooperation mit dem Filmfestival Diagonale und der Neuen Galerie, geplant. Vergleichbare Koproduktionen anlässlich der Diagonale gab es freilich schon in der Vergangenheit.

Speed-Dating

Eine Triangel läutet den Beginn des „Speed-Dating“ ein. Mein erstes Gespräch habe ich mit Karoline Rudolf, zurzeit mache sie sehr gerne Skulpturen. Im Kunsthaus stellt sie „la glissière meringue – ein ungesundes Objekt“ aus, eine Art Schanze oder Rutsche mit 62 Stück Baiser. „Es steckt nicht wirklich eine Message dahinter, ich wollte einfach eine Idee verwirklichen. Kunst muss ja nicht immer politisch oder ähnliches sein“, erzählt sie. Insgeheim hofft man, die bunten Baisers mögen den ersten Verleih unbeschadet überstehen.

Schon erklingt wieder die Triangel, weiter geht’s. Meine nächsten Dates: Aflons Pressnitz und Ulrike Königshofer. Pressnitz‘ Werk ist ein beeindruckender Papierschnitt, er spielt dabei mit Licht und Schatten. Ulrike Königshofer experimentiert in ihrer Arbeit mit Schablonen, die sie schon als Kind entdeckte. „Damit konnte ich verschiedenste Muster zeichnen und dann eins zu eins reproduzieren.“ Triangelklingeln. Letztes Gespräch – und zwar mit Roswitha Weingrill, die mit ihren „Kosovarische Rohbauten“ in der Ausstellung vertreten ist. „Mir sind bei einer Reise in den Kosovo die vielen unverputzten Häuser aufgefallen. Nach dem Kosovokrieg mussten ja viele Menschen ihre Häuser neu bauen und nahmen dafür auch die Ziegel der zerbombten Nachbarhäuser her“, erklärt Weingrill. „Eigentlich sehr interessant, man will die geflüchteten Nachbarn, die so weit weg in einem anderen Land sind, doch nah bei sich haben, indem man ihre Ziegel zum Bauen hernimmt.“ Für sie stellen diese Häuser auch einen „Wartezustand“ nach dem Wiederaufbau dar – ein Warten auf das Zurückkommen der geflüchteten Nachbarn, ein Warten, wie sich die Lage im Land verändert.

Die Space04 ist gefüllt mit Besucher, die miteinander reden.
Es wird auch nach Ende des Speed-Datings noch miteinander gesprochen – Foto: Martina Mohr

Ein erfolgreicher Abend?

Manche der anwesenden Besucher haben schon öfter etwas ausgeborgt, andere wagen erstmal die Ausleihe. Die meisten kennen das Prinzip schon. Oft gefiele ein Kunstwerk auch so gut, dass es gekauft werde, so Andreas Heller. Ein Austausch findet jedoch nicht nur zwischen Künstler und Besucher statt, sondern auch zwischen den Künstlern selbst. Nina Schuiki beispielsweise ist vorwiegend in Wien und Berlin tätig und kennt auch einige der anwesenden Künstler nicht. Für sie bot dieser Abend die Möglichketi zur Vernetzung. Ob das Ausstellungsformat Früchte trägt, wird sich zeigen. Abwechslung ist auf alle Fälle gefragt, damit das Projekt erfolgreich wird: verschiedene Künstler, verschiedene Lokalitäten, verschiedene Ausstellungen, um unterschiedliche Zielgruppen anzusprechen. Man darf gespannt sein, ob sich die Kunst künftig als ebenso unentbehrlich wie Licht, Luft und Sonne erweist.

liebt Musik, könnte den ganzen Tag frühstücken und ist immer im Freizeitstress.

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