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15 Jahre Stolpersteine: Damit wir uns erinnern…

in KULTUR von

Vor genau 15 Jahren wurden im deutschen Freiburg die allerersten Stolpersteine verlegt. Seit bald fünf Jahren erinnert der Verein Gedenkkultur auch in Graz an die Opfer des NS-Terrors. Was sich seither verändert hat und wie die Zukunft des Projektes aussieht, hat uns Daniela Grabe, Obfrau des Vereins für Gedenkkultur, erzählt.

Spaziert man durch die Grazer Straßen, wird zumindest der Blick früher oder später über sie stolpern – goldene, handtellergroße, in den Asphalt eingelassene Steine mit schwarzer Inschrift.  Mit den Worten “Hier wohnte…” beginnt diese Inschrift in der Regel. Die Steine markieren Orte in Graz, an denen Menschen lebten, bevor sie von den Nazis vertrieben oder getötet wurden.

Auf dem Stein, der für Tim Bonyhadys Vater im Sommer 2017 am Grieskai 2 verlegt wurde, ist also zu lesen: “Hier wohnte Erich (Eric) Bonyhady / JG. 1923 / Flucht 1939 / England / Australien.”  Eric, der damals noch Erich hieß, hatte Glück im Unglück, sein Vater Eduard, der Lederwaren handelte, war zunächst im Zuge der Reichspogromnacht verhaftet und ins Konzentrationslager Dachau gesperrt worden. In letzter Minute gelang es Eduard, für sich, seine Frau Edith und die beiden Kinder Erich und Friedrich, eine Einreisegenehmigung nach Australien zu beschaffen. Die Familienmitglieder, die in Graz bleiben mussten, überlebten die Shoah nicht. Acht Stolpersteinen, am Grieskai und in der Feuerbachgasse 10, sorgen nun dafür, dass die Geschichte von Eric und seiner Familie nicht in Vergessenheit gerät.

Die Stolpersteine am Grieskai 2 – Foto: Christina Kastner

Tim Bonyhady, Eric´s Sohn, lebt heute als Historiker und Kurator in Canberra und hat in den vergangenen Jahren viel Zeit aufgewendet, um die Geschichte seiner jüdischen Familie in Wien und Graz zu erforschen und aufzuschreiben. Für ihn war es also ein ganz besonderer Moment, als er letzten November aus Australien anreiste, um im Graz Museum einen Vortrag über seinen Großvater Eduard und die “Kristallnacht in Graz“ zu halten. Bei diesem Vortrag erzählte der große, hagere Mann Anekdoten über das Leben und die Flucht seiner Grazer Familie. 2015 besuchte er bei seinem Aufenthalt in Graz das ehemalige Appartement seines Vaters am Grieskai, was sein Interesse für die Bonyhady Familie wachsen lies. Während seines Vortrags wurden im Hintergrund Bilder an die Wand projiziert, wovon eines Tims Großmutter Edith zeigte, die an einem Tisch im Wohnzimmer saß. Voller Stolz erzählte er, dass dieser Tisch nun in seinem Büro in Canberra steht und die Uhr an der Wand bei ihnen zu Hause hängt.

Dass Tim Bonyhady überhaupt nach Graz gefunden hat, ist dem Projekt “Stolpersteine” zu verdanken, das Daniela Grabe und Sabine Maurer, die im Komitee für christlich-jüdische Zusammenarbeit tätig ist, gemeinsam starteten, die ersten Steine wurden im Juli 2013 verlegt. Seither wurden jährlich, regelmäßig Stolpersteine verlegt, wie die Annenpost berichtete. Ihr Anliegen war es, die Opfer des NS-Terrors individuell zu würdigen. Und zwar im öffentlichen Raum, um so die Wahrnehmung der Bevölkerung zu verändern. Ein wichtiges Ziel des Vereins ist es auch, den Kontakt mit Hinterbliebenen, Überlebenden und Nachkommen von Opfern aufrecht zu erhalten. „Der Kontakt mit den Angehörigen ist zu einem wichtigen Zweig des Projektes geworden“, sagt Daniela Grabe. „Das reicht hin bis zu Neujahrsgrüßen.“ Durch diesen Kontakt und zufällige Begegnungen kam es in der Vergangenheit immer wieder zu historischen Begegnungen wie der mit Tim Bonyhady.

Die Initiatorinnen versuchen immer wieder Besuche für Überlebende, für die bereits ein Stolperstein verlegt worden ist, zu organisieren. Diesen Sommer wird Eric Bonyhady, sofern es sein gesundheitlicher Zustand zulässt, erstmals und gemeinsam mit seinem Sohn Tim nach Graz kommen, um die Steine und den Ort seiner Jugend aufzusuchen. Als Tim seinem Vater die Bilder, der für ihn in Graz verlegten Steine, zeigte, war dieser zutiefst berührt. „There is power!“, habe er ausgerufen, wie Tim Bonyhady in seinem Vortrag in Graz berichtete.

60.000 Steine in 21 Länder

Heute gibt es in 21 Ländern Europas mehr als 60.000 verlegte Stolpersteine, die allerersten “offiziellen” wurden genau vor 15 Jahren, am 28. Jänner 2003, in Freiburg verlegt. Damals rechnete der Künstler Gunter Demnig, der Erfinder des Projekts, wahrscheinlich selbst nicht mit einem derartigen Erfolg.

Warum sich Daniela Grabe so für diese Arbeit engagiert? Sie könne sich noch gut an ihre Schulzeit erinnern, erzählt sie. Im Geschichtsatlas habe es eine Europakarte gegeben, auf der alle Länder, die von den Nazis okkupiert wurden, braun gefärbt waren. „Wenn ich mir jetzt eine Karte der Stolpersteine vorstelle, die diese Karte überlagert und die Erinnerung an die Opfer aufrechterhält, dann ist das ein schönes Bild“, sagt Daniela Grabe.

Rückblickend auf die vergangenen fünf Jahre habe sich einiges verändert, erzählt sie. Insgesamt wurden bereits 153 Steine in Graz verlegt. Durch Medienberichte und die Einbindung der Bevölkerung durch Patenschaften sei auch der Bekanntheitsgrad des Projekts stark gestiegen. Gerade die Beteiligung der GrazerInnen ist Grabe ein großes Anliegen, das Projekt sollte nicht von oben herab „über die Stadt gestülpt“ werden. Inzwischen seien durch die Unterstützung von Historikern und Opferverbänden auch umfassendere Recherchen möglich, laufend würden neue Lebensgeschichten entdeckt und aufgearbeitet.

„Die Arbeit ist noch lange nicht aus.“

Ein Projektende ist also nicht in Sicht. Es gebe noch so viele Opfer und Opfergruppen, über deren Schicksal noch intensiv zu recherchieren sei, sagt Grabe. Bei homosexuellen Opfern stellt sich die Recherche als besonders schwierig dar, da die meisten Opfer sehr jung waren und daher keine Nachkommen oder überlebende Angehörige haben. Für dieses Jahr hat der Verein große Pläne. Das Projekt soll über die Grenzen von Graz hinauswachsen, zunächst nach Leoben und möglicherweise auch in die Weststeiermark. Für die Umsetzung dieses Vorhabens brauche es Leute vor Ort, die sich des Projekts annehmen. Die jeweiligen Bewohner sollen einen Bezug herstellen können und die Steine zu den ihren machen.

Infobox
Auch die Gedenkspaziergänge haben sich in den letzten fünf Jahren zu einem wichtigen Punkt des Projektes entwickelt. Das sind öffentliche Spaziergänge die regelmäßig stattfinden und zu denen jeder herzlich eingeladen ist. Immer wieder werden auch Gedenkspaziergänge für Jugendliche und Schulklassen organisiert um dieses Thema greifbarer zu machen und nicht nur Stoff aus den Geschichtsbüchern sein zu lassen.

Am 27. Jänner um 15:00 Uhr findet im Bezirk Jakomini ein Gedenkspaziergang anlässlich des Holocaust Gedenktages statt.

Kommt ursprünglich aus Oberösterreich, spricht aber laut StudienkollegInnen als wäre sie von einem anderen Planeten. Liebt Natur und Berge. Kocht aus Leidenschaft und erkundet die Welt mit ihrem VW-Bus.

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