Jury und Teilnehmer des Tuntenballclubbings 2018 der Vorveranstaltung des Tuntenball
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Tunten, Tanz und Travestie

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Der Tuntenball steht seit 1990 für Diversität und Akzeptanz, aber auch für ausgelassenes Feiern und die Wahl der Miss Tuntenball. 2018 konnten die Kandidatinnen beim Tuntenballclubbing im Vorfeld wieder Punkte für die Entscheidung sammeln. Außerdem wurde wild gefeiert und passend zum diesjährigen Motto „Let’s Play“, spielerisch eine wichtige politische Message verbreitet.

 Von Julia Kassin und Julian Bernögger |

Lasst uns spielen

Dieses Jahr lautet das Motto des Balls „Let’s Play“. Neben Spiel, Spaß und einer aufregenden Ballnacht, legen die OrganisatorInnen des Tuntenballs, die RosaLila PantherInnen, aber vor allem großen Wert auf das Thema sexuelle Aufklärung. Sie wollen zeigen, dass es nicht schlimm ist, eine Tunte, ein Macho oder eine Drama Queen zu sein und, dass man, wenn man nur richtig mit den Klischees spielt, gerade diese zu einem sympathischen Charakterzug machen kann. Einige Wochen vor dem Tuntenball wird seit einigen Jahren das Tuntenball Clubbing veranstaltet, dieses Jahr in der Generalmusikdirektion am Grieskai. Als Highlight des Abends gilt das Drag Race, die Vorrunde zur Wahl der Miss Tuntenball. Auch heuer haben sich wieder fünf Teilnehmerinnen unter die prüfenden Augen der Jury gewagt und in ausgefallenen Kostümen, zu verschiedensten Genres, Playbackshows inszeniert.

Michael Buchinger vor der Bar
Jurymitglied Michi Buchinger hofft auf Fun, Fun, Fun! – Foto: Julian Bernögger

Die diesjährige Jury besteht neben der amtierenden Miss Tuntenball, Erika Empire, aus Djane Katy Böhm, Sänger und Model Marco A. Brown, der unter anderem Teilnehmer der von ProSieben produzierten Reality-Sendung „Get the fuck out of my house“ war, und dem österreichische Youtuber Michael Buchinger, der seine Abonnenten mit seinen populären „Hass-Listen“ und Kochvideos unterhält. Jedes der Jurymitglieder hat sich einen Bereich ausgesucht, auf den es an diesem Abend besonders achten möchte und hat die Möglichkeit, diesen mit Punkten von 1 bis 5 zu bewerten.

Leuchtende Bälle, laszive Outfits und lüsterne Zwischenrufe

Drag Queen Rachel Estrella Cloud, die das Drag Race mit ihrer Performance eröffnet, sorgt mit einer Lichtshow für Aufsehen und darf sich dafür über eine gute Bewertung der Jury freuen. Die zweite auftretende Tunte, Gloria Glowjob, überrascht mit einer lasziven Tanzeinlage in einem knappen schwarzen Outfit zu Lordes Cover von “Everybody Wants To Rule The World”, inklusive Stuhl als unterstützende Requisite.

Zeig uns deine Babygrotte

Die Moderation übernimmt Tuntenballmutti Miss Alexandra Desmond, die dem Publikum eine Show bietet, die sowohl eindrucksvoll als auch unterhaltsam ist. Die charmante Art, mit der Miss Alexandra Desmond durch den Abend führt, während sie immer wieder betont, dass sie wohl die älteste Lady im Raum sei, unterhält das Publikum zwischen den Auftritten. Zwischenrufe der Jury, wie etwa von DJane Katy Böhm, die die Moderatorin mit „Zeig uns deine Babygrotte!“ und „Zeig uns deine Titten! Seht euch diese Euter an!“ dazu auffordert sich zu entkleiden, runden das Programm ab.

Gloria Glowjob auf der Bühne mit einem Stuhl
Gloria Glowjob begeistert mit ihrer Performance – Foto: Julian Bernögger

Chantall Cavalli, die als dritte des Abends ins Rennen geht, performt gleich zu zwei Liedern, im Original von Lady Gaga und Katy Perry. DJane Katy Böhm, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, an diesem Abend vor allem die Kostüme der Anwärterinnen zu bewerten, hat besonders an ihrer Perücke etwas auszusetzen und verabschiedet sie mit einem saloppen „Kämm dir die Haare“.

Politik auf dem Zuckerwürfel

Besonders in Erinnerung bleiben wird wohl der vorletzte Auftritt des Abends. Kween Melania, ursprünglich aus Ungarn, überrascht nicht nur mit selbst eingesprochener Tonaufnahme, vor allem die Message ihrer Performance hat es in sich. Über mehrere Minuten teilt sie dem Publikum mit dem Songtext „Your chancellor is terrible, but I love you anyway“ ihre Meinung über die derzeitige politische Lage in Österreich mit und übt scharfe Kritik an Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP).  Sie beweist wieder einmal, dass es bei der Wahl zur Miss Tuntenball nicht nur um das eleganteste Kostüm oder die überzeugendste Lip-Sync geht, sondern dass man auch mit seiner Aussage überzeugen kann. Neben der Gunst des Publikums, kann sie sich außerdem über ein „Das war wirklich Loltastic“ und eine 5-Punkte Bewertung von Jurymitglied Michael Buchinger freuen. Kween Melanias Auftritt soll nicht die einzige politische Aussage des Abends bleiben.

Kween Melania tanzt

Die Kandidatinnen beantworten nach ihrem Auftritt Fragen, in denen es darum geht, was ihnen zum Stichwort FPÖ oder ÖVP einfällt. Beide Parteien haben sich in der Vergangenheit ja nicht besonders ruhmreich gegenüber der LGBTQ- Community verhalten, auch die Ehe für homosexuelle Paare gibt es in Österreich nur dank des Verfassungsgerichtshofes, wie die Annenpost berichtete. Miss Alexandra Desmond findet es nicht nur richtig, sondern auch wichtig, dass sich auch der Tuntenball politisch positioniert. „Ich finde grundsätzlich alles, was in der Öffentlichkeit stattfindet, ist Politik. Und auch der Tuntenball hat die Aufgabe, politisch zu sein“, sagt sie im Interview mit der Annenpost. Trotzdem soll der Tuntenball nicht zu einer reinen Politikveranstaltung werden: „Wir träufeln sozusagen die Medizin auf den Zuckerwürfel. Es wird alles mit Spaß verkauft aber man geht dann Heim und denkt sich, eigentlich passen einige Sachen nicht.“ Auch der Youtuber und Blogger Michael Buchinger sieht im Grazer Tuntenball eine wichtige politische Veranstaltung: „Besonders in Zeiten wie diesen, wo politisch viel Hass geschürt wird, ist der Tuntenball ein notwendiges Zeichen für Diversity“, sagt Buchinger, der, laut eigener Aussage, nach dem Drag Race selbst Lust bekommen hat, sich einmal als Drag Queen zu versuchen.

Cherry T Joystick auf dem Tuntenballclubbing
Cherry T Joystick bei ihrem Auftritt – Foto: Julia Kassin

Punktesiegerin und letzte Künstlerin des Abends, Cherry T Joystick, konnte mit ihrer Aufführung nicht nur Publikum und Jury, sondern vor allem das Herz von Moderatorin Miss Desmond für sich gewinnen. In perfekt gewähltem Kostüm stellte sie die Nummer „Rose’s Turn“ aus dem Musical Gypsy nach. Die fehlerfreie Lippensynchronisation und die erstklassige Abstimmung des Outfits sicherten ihr die beste Bewertung des Abends. Am Ende des Drag Races verkündete Miss Desmond den Einzug aller Teilnehmerinnen in die nächste Runde. Die endgültige Entscheidung fällt beim Tuntenball am 24. Februar im Congress Graz. Bis dahin haben die fünf Teilnehmerinnen die Möglichkeit, ein Coaching von der amtierenden Miss Tuntenball, Erika Empire, in Anspruch zu nehmen, um weiter an ihren Perfomances zu feilen und sich auf das große Finale vorzubereiten.

 

Eigentlich eine (Schla-)Wienerin. Interessiert sich für spannende Geschichten und Persönlichkeiten. Bisschen socially awkward, aber privat eh ur nett.

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