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Von Kunstaktionen und starken Frauen: Feminismus im Annenviertel

in SOZIALES von

Was bedeutet Feminismus heute? Diese Frage stellte sich das Queerograd-Festival des Vereins Kultur in Graz von 2. bis 4. November. Genau der richtige Zeitpunkt, um der weiblichen Emanzipation im Annenviertel auf die Spur zu gehen.

Als Eva Ursprung um Punkt zwölf zum Susanne-Wenger-Weg kommt, hat sich dort schon eine kleine Gruppe Interessierter eingefunden. Die Künstlerin und Musikerin mit langem Mantel und Schnürstiefeln hat einen Spaziergang durch die Geschichte des Grazer Feminismus geplant. Dass gerade sie vorangeht, ist kein Zufall: Ursprung war schon 1988 unter den Feministinnen, die Graz als „intergalaktisches Zentrum für Superfrauen“ bezeichneten und hat seitdem überall ihre Finger im Spiel, wo Feminismus auf Kunst trifft – von Ausstellungen im freien Atelier Schaumbad bis zur Frauen-Punkband Lonesome Hot Dudes .

Gemeinsam mit der Musikerin Christina Lessiak heißt sie ihre Gäste zu ihrem Programm “Von Superfrauen und Frühlingsunis” willkommen und beginnt gleich mit der Geschichte der österreichischen Künstlerin Susanne Wenger, die Ende der 1950er-Jahre in Nigeria die heiligen Schreine der Yoruba wieder aufbaute und nach einer Ausstellung im Schaumbad einen eigenen Weg im Stadtpark bekam. Kuratorin der Ausstellung war Ursprung selbst, die ihre kleine Gruppe jetzt durch 8010 führt und gemeinsam mit Lessiak von Projekten von Frauen für Frauen erzählt. Unter anderem von der ersten feministischen Kulturzeitschrift, die ihren Namen Eva&Co erhielt, weil Ursprung und Mitbegründerin Dorothea Konrad immer zu spät zu den Treffen kamen: Eva&Co sind schon wieder zu spät, hieß es dann immer”, sagt Ursprung heute.

Doch nicht nur im Univiertel und der Innenstadt, sondern auch in Lend, Gries und Eggenberg ist in Sachen Feminismus einiges los, wie Ursprung in ihrer Führung aufzeigt – zumindest für die, die wissen, wo sie suchen müssen.

Aufregung um die Kirschpreise

Lasst uns sehen, ob die Tafel noch da ist”, sagt Eva Ursprung, während sie ihre Gruppe über die Keplerbrücke in Richtung Südtirolerplatz führt. Am Kunsthaus und der Mohrenapotheke vorbei, geht sie zielstrebig auf einen Hauseingang zu, der wohl niemandem ins Auge gestochen wäre. Doch um die Ecke – nicht zu sehen für normale Passanten – hängt eine bunte Tafel. Ganz alleine erzählt das Schild, das Teil der Aktion 20+03 Orte war, von einem Stück Frauengeschichte – dem Kirschenrummel.

Versteckt würdigt diese Tafel am Südtirolerplatz die Hungerrevolte der Frauen zu Anfang des vorigen Jahrhunderts. – Foto: Ludmilla Reisinger

Am 7. Juni 1920 kamen in Graz Frauen am Kaiser-Josef-Platz zusammen, um gegen die erhöhten Lebensmittelpreise – vor allem für Kirschen – zu protestieren. „Das Ganze wurde mit dem Wort ‚Rummel‘ eigentlich verharmlost”, erzählt Ursprung. Nicht einmal als Demonstration oder Aufruhr habe man die Hungerrevolte bezeichnet, obwohl sie 13 Tote forderte, die ersten Schüsse fielen am Südtirolerplatz, genau dort, wo jetzt die Tafel daran erinnert. Die letzten Zeuginnen des Kirschenrummels wurden übrigens im Rahmen des Projekts „kirschen.rummel” 2007 vor die Kamera geholt. Dabei habe man versucht, Querverbindungen zwischen dem Kirschenrummel und dem „Kirschenort” Hitzendorf zu finden, erzählt Ursprung, ehe sie die Truppe weiter lotst.

Entflammt in No.5

Nächste Station, ein paar Straßen weiter: Die Feuerbachgasse, eine eher unscheinbare Straße, deren Eingang ein imposanter, roter Altbau mit seinen Erkern und Türmchen bewacht. Hier ist das Haus, in dem früher der feministische Verein videofem beheimatet war. Gründerin Bettina Behr habe sich aber nicht nur darum gekümmert, sondern auch WOMENT! initiiert, wie Ursprung erzählt.

Keine Tafel würdigt Bettina Behr, die mit ihren Aktionen berühmte Frauen in Graz ins Licht stellen will. – Foto: Ludmilla Reisinger

Dieses Projekt, dessen Namen sich aus „womyn“, der amerikanisch-feministischen Schreibweise für „women“ und „MoveMENT“ zusammensetzt, hat inzwischen schon zehn künstlerische Produktionen hervorgebracht. Darunter auch „20+03 Orte“, eine Initiative, die 2003 bedeutende Frauen in Graz sichtbar machen sollte. Bunte Tafeln markieren in unterschiedlichsten Ecken der Stadt wichtige Orte der weiblichen Emanzipation. „Heute hängen nicht mehr alle Tafeln”, sagt Ursprung. Doch zumindest die meisten seien noch zu finden.

Eine Frau als Boss

Die Gruppe spaziert weiter zum Platz der Begegnung, den die Feministinnen rund um Eva Ursprung 2013 in Platz der Widerstandskämpferinnen umbenannten. Direkt gegenüber liegt die Stadtbibliothek, ihre stuckverzierten Fassade streckt sich mächtig in den blauen Himmel. Sie steht direkt an der Haltestelle „Bad zur Sonne” und heißt eigentlich Zanklhof. Wie unschwer an den goldenen Lettern an der Vorderseite zu erkennen ist, war sie einmal eine Farbenfabrik, die damals einem gewissen A. Zankl gehörte.

Von der Farbenfabrik zur Stadtbibliothek: Der Zanklhof – Foto: Ludmilla Reisinger

Und genau dieses A ist der Grund, warum Ursprung hier Halt macht. Es steht nämlich nicht für Anton oder Albert, sondern für Anna. „Eine erfolgreiche Unternehmerin”, sagt Ursprung mit Blick auf das Haus. Die Zankl’sche Farbenfabrik brachte es bis zum k.u.k. Hoflieferanten und produzierte bis 1955, später zogen die Bücher der Stadtbibliothek in das herrschaftliche Gebäude ein. Was bleibt ist ein prächtiges Schild und die Buslinie 67, die direkt an Zankels Lebenswerk vorbeifährt und die Zanklstraße anpeilt. 2013 wurde im Rahmen des Projektes „ihr standpunkt” auf sie aufmerksam gemacht: Feministinnen– darunter Eva Ursprung – organisierten Sonderbusfahrten entlang der Linie 67 und ehrten dabei 21 Frauen.

Blütenfest zwischen Arkaden

Die Linie 67 biegt nach dem Zanklhaus rechts ab, die Gruppe um Ursprung lässt ihn aber links liegen, um einen anderen feministischen Ort zu entdecken: die Grenadiergasse. Vorbei an einem grün bespannten Bauzaun, einer stillen Baustelle, auf der eine kleine, hölzerne Kabine „Staff only“ verkündet und an einer niedrigen Mauer mit Anstrichbedarf erreicht die Führung die ehemalige Kaserne in der Nummer 14. Auch ihre Arkaden beherbergten einst ein Kunstprojekt.

Heute ist sie eine greenbox, doch vor einem Jahrzehnt wurde die ehemalige Kaserne zum Künstlerinnenhaus. – Foto: Ludmilla Reisinger

2006 deklarierte der Lady.Tigers.Night.Club, eine feministische Künstlerinnengruppe, das Gebäude zum Künstlerinnenhaus und öffnete einen Monat lang eine umfangreiche Ausstellung. Kirsch.blüten.fest. nannten sie die Aktion, die Frauen endlich einen Raum für ihre Kunst geben sollte. „Der Name sollte Aufbruch symbolisieren”, sagt Ursprung, für die die Kaserne selbstverständlich zum Programm ihrer Stadtführung gehört. Elf Feministinnen „bespielten“ den gesamten dritten Stock des Gebäudes, sowie den Innenhof, der damals noch ein Garten war. Nach dem Projekt stand das Haus jahrelang leer, 2015 wurde es schließlich umfassend renoviert, heute ist daraus ein Studentenwohnheim geworden.

Mit dem Kirsch.blüten.fest endet der Rundgang Ursprungs, nicht aber das vom Verein Kultur in Graz (KiG) ausgerichtete Queerograd-Festival, das sich im Rahmen seiner zehnten Ausgabe Gedanken zum zeitgenössischen Feminismus machte: Von 2. bis 4. November wurden noch zahlreiche Kunstwerke präsentiert und Workshops angeboten. Ihren Höhepunkt fand die Veranstaltung in einem feministischen Gelage, bei dem Frauen aus ganz Europa Beiträge beisteuerten. Doch was bedeutet Feminismus nun heute wirklich? Eva Ursprung bringt es so auf den Punkt: „Was wir brauchen, ist keine Gleichstellung, sondern der Feminismus als alternatives Handlungskonzept für eine Gesellschaft und Politik jenseits der binären Denkmuster.”

Gebürtige Laufnitzdorferin mit Hang zum spätnächtlichen Jonglieren mit Worten und Expertin für nerdige Fragen vom klassischen Harry Potter bis hin zu Marvel. Nur allzu oft – zu literarischen Zwecken natürlich – in Kaffeehäusern zu finden.

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