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Eine Nacht am Grazer Hauptbahnhof

in VIERTEL(ER)LEBEN von

Der Grazer Hauptbahnhof gilt für viele bereits tagsüber als Gefahrenzone. Was einem nur passieren mag, wenn man die ganze Nacht dort verbringt?

Hauptbahnhof, Graz, 26. Oktober, Punkt 22 Uhr. Im rechten Flügel des Bahnhofs lichtet sich die Menschenmenge, alkoholbeladen strömen die Leute aus dem Supermarkt an mir vorbei und auf den Europaplatz, weiter zu den öffentlichen Verkehrsmitteln. Klar, dass hier bis jetzt die Hölle los war, wo bekommt man um diese Uhrzeit sonst noch Bier am Nationalfeiertag?

Nun breitet sich Leere aus, einzig das Burger-Franchise auf der anderen Seite des Bahnhofs lockt noch Kundschaft. Die verwaisten Sitzgelegenheiten im dunklen Gang füllt nur der Mann mit dem vollen Einkaufssackerl zu seinen Füßen. Anders als die meisten Züge ihre Verspätungen, hat ihn der Schlaf bereits eingeholt. Lange dauert es nicht mehr und auch der Hauptbahnhof macht seine Augen zu.

Wenig später wird im Fastfoodrestaurant der letzte Burger verkauft und Stille legt sich über den Verkehrsknotenpunkt im Bezirk Lend. Das Rauschen der Heizung erinnert ans Meer. Einzig die unregelmäßigen Lautsprecherdurchsagen stören den Bahnhofsfrieden. Doch plötzlich ein lautes Geräusch! Auf Bahnsteig 2 macht ein Zug gerade Soundcheck. Ohne Witz.

Soundcheck am Grazer Hauptbahnhof
„One, two, one, two“ – Foto: Christian Albrecht

Etwas verwirrt gehe ich wieder in das Innere des Hauptgebäudes, welches sich mit der Zeit zum Mini-Treffpunkt der Kulturen verwandelt. Drei Sprachen werden gesprochen, keiner davon bin ich mächtig. Ich schaue mich weiter um und entdecke eine Handvoll der international berüchtigten WLAN-Schnorrer – man kann es ihnen nicht verübeln, das von den ÖBB zur Verfügung gestellte Internet geht schneller als deren Züge.

Eine Viertelstunde vor Mitternacht werden schließlich die Zwischentüren zum Gastronomieflügel geschlossen, eine Aufgabe der Security. Zwei Herren wachen die ganze Nacht über die gähnende Leere im und um den Hauptbahnhof, Auskünfte dürfen sie keine geben, ich solle mich bitte an die Pressestelle wenden. Dann schlägt die Geisterstunde, um 00:08 geht der letzte Zug nach Fehring.

In die Kälte

Sieben Minuten später schließt der Bahnhof für die nächsten vier Stunden vollständig seine Pforten. Viel Arbeit haben die Sicherheitsbeauftragten nicht, im mittlerweile menschenleeren Bahnhofsinneren Leute hinaus in die Kälte zu bitten. Einzig rund 20 übermüdete Jugendliche müssen nun bei gefühlten 0 Grad im Freien auf ihren FlixBus warten. Der in der Regel so frequentierte Europaplatz ist wie ausgestorben, die aufgestaffelte Taxikolonne lichtet sich von Zeit zu Zeit, hier braucht niemand mehr ein Taxi.

Geschichten aus dem Puff, das ist es, was die Leute lesen wollen

Frierend erklärt mir ein Taxilenker, dass hier in der Nacht selten etwas los sei, einzig die Fernbusse vom Balkan und aus Osteuropa liefern am Busbahnhof zu gottlosen Zeiten Menschen ab. In einem 40-minütigen Gespräch erzählt mir der 878-Fahrer alles über sich und seinen Beruf, seit 15 Jahren fährt er in Graz. Was er davor gemacht hat? „Herumgesandelt, ich war auf der ganzen Welt auf der Straße. Ich habe es geliebt, ich brauche die Freiheit – die ganzen Bürosklaven tun mir leid.“

Seine Freiheit hat er in seinem jetzigen Beruf auch gefunden, er kann sich seine Arbeitszeit einteilen. Wenn er Lust hat, fährt er in der Nacht oftmals zum Pascha auf einen Kaffee. „Warum gehst du nicht dorthin und redest mit den Frauen? Geschichten aus dem Puff, das ist es, was die Leute lesen wollen.“ Annenpost-Leser dürfen sich also jetzt schon freuen. In dieser Nacht zieht es mich aber nicht ins Freudenhaus, sondern in das Wettcafé gegenüber – zum Aufwärmen und Biertrinken. Meine aufkommende Müdigkeit kann jedoch selbst das dort übertragene Fußballspiel nicht verdrängen, dreimal prallt mein immer schwerer werdender Kopf auf die Tischplatte.

Kunst am Hauptbahnhof
Wenn der Bahnhof erwacht, geht die Security schlafen – Foto: Christian Albrecht

Nach einer Stunde gehe ich wieder an die frische Luft, um nicht vollends ins Tal der Träume hinüberzuwandern. Ob ich eine Tschick habe, fragt mich ein Junge im Kapuzenpulli. Nein, er hätte aber einen meiner Vollkornkekse haben können, die ich gegen den Hunger ausgepackt habe. Es ist 4 Uhr Früh, das Hauptgebäude sperrt auf und auch die ersten Lieferanten sind schon da. Der Geruch frisch aufgebackenen Brotes weht mir im Inneren entgegen, die Bäckereien laufen bereits auf Hochtouren.

Der erste Zug des Tages fährt nach Spielfeld-Straß und die Security öffnet die Zwischentüren. Es wird Zeit zu frühstücken. Bei Croissant und Kaffee beobachte ich, wie der Bahnhof zum Leben erwacht. Am Anfang des Tages bleibt die Erkenntnis, dass man sich vor einer Nacht am Hauptbahnhof wahrlich nicht fürchten muss. Allerdings gibt es auch wenige Gründe, weshalb man sich des Nachts überhaupt am Bahnhof aufhalten sollte. „In einer Nacht von Freitag auf Samstag ist hier zumindest ein bisschen mehr los“, erklärt mir die Security. „Oder jeden Monat zwischen 8. und 10., da haben die Leute noch Geld.“ Ich bedanke mich für den Tipp, im Gedanken bin ich jedoch schon längst bei meinem Bett.

Ist eigentlich zu blöd, um zu studieren. Der Papa nennt ihn momentan Reserve-Christus, weil der Friseur ihm hinterherrent wie dem Jesus seine Jünger. Ansonsten Musik und Fußball.

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