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Der Einzelkämpfer in der Geisterpassage

in VIERTEL(ER)LEBEN von

Alfred Benes verkauft seit fast zehn Jahren Herrenmode in der Grazer Annenpassage. Ein Besuch bei einem der letzten Cowboys in der unterirdischen Geisterstadt.

Von Nikolaus Fink, Julian Bernögger und Christian Albrecht |

„Wo ist denn hier die Einkaufspassage?“ Umgeben von leeren Schaufenstern und verwaisten Gängen muss sich Alfred Benes diese Frage mehrmals am Tag anhören. „Weißt eh, wie peinlich mir das ist. Aber ich erkläre das immer so: Sie sind in der Einkaufspassage, wir haben momentan wenig Geschäfte, aber es tut sich wieder was – stimmt eh nicht, aber naja.“

Sein 40-Quadratmeter-Shop, ein Franchise des deutschen Modeunternehmens Tom Tailor, ist einer der letzten Stützpfeiler der einst belebten Annenpassage – und seit fast zehn Jahren Alfred Benes‘ zweite Heimat. Zehn Jahre ohne Urlaub oder Krankenstand, mit bis zu 60 Arbeitsstunden pro Woche. Angestellte kann sich Benes nicht leisten, denn sonst könne er gleich zusperren.

Zusperren steht in der Einkaufspassage seit einigen Jahren offenbar ohnehin an der Tagesordnung. Schilder und Logos erinnern an bessere Zeiten, bevor viele Filialen scheinbar fluchtartig den Untergrund verlassen haben. Alfred Benes, selbst in Tom Tailor-Mode gekleidet, blieb. „Im Monat habe ich schon so 600 Kunden“, sagt Benes, der das einzige Modegeschäft in der Passage betreibt. Nichtsdestotrotz wünscht sich der gut gelaunte Verkäufer wieder mehr Konkurrenz: „Ich lebe auch vom benachbarten C&A – die Leute gehen halt mit einem riesigen C&A-Sackerl bei mir rein, aber kaufen dann trotzdem noch etwas.“

Alfred Benes: „Der Boden ist in einem top Zustand” – Foto: Matteo Eichhorn

Seit dem Umbau des Hauptbahnhofs und der Verlegung der Haltestelle am Gürtel ist die Annenpassage nach und nach verödet. Die großen Marken wie Saturn oder Billa verabschiedeten sich, die Laufkundschaft bleibt aus. „Der Tunnel ist unser Tod”, sagt Benes. Persönlich ist er dennoch zufrieden. „Tom Tailor würde mir auch woanders ein Geschäft verschaffen, nur wenn ich ins Center West gehe, sterbe ich in Schönheit – also nicht ich, aber das Geschäft.“

Der Tunnel ist unser Tod

Mehr als nur einmal haben verschiedene Betreiber in den vergangenen Jahren versucht, die Annenpassage zu revitalisieren. Das letzte größere Projekt, angedacht vom Immobilienbüro Krammer & Wagner, welches die Passage zu einem Nahversorgerzentrum machen wollte, verlief im Sand. „Die Eigentümer haben andere Interessen verfolgt“, heißt es von Seiten der Firma. Aber nicht einmal Wolfgang Haas, Pressesprecher der Vienna Insurance Group, Eigentümerin der Immobilie seit 1991, sind konkrete neue Nutzungspläne bekannt.

„Ghetto“ Annenpassage

Dabei hätte es genug Interessenten gegeben. Krammer & Wagner wollten beispielsweise einen Primark ins Center holen, auch Hofer war interessiert, entschied sich vor einigen Jahren aber schlussendlich gegen die Passage und für einen Standort am Hauptbahnhof. „Die Manager glauben ganz einfach, die Zeit ist stehen geblieben. Sie haben zu lange gewartet, wir haben 20.000 Quadratmeter, fünf Geschäfte – es ist halt ein Ghetto“, sagt Benes.

Ein weiterer Grund, warum sich niemand in der Passage ansiedelt, dürften die Mietpreise sein. „Die Miete hier ist nicht günstig, ich zahle wie in alten Zeiten, als das hier tatsächlich noch eine Einkaufspassage war.“ Die Annenpassage gibt es mittlerweile seit 30 Jahren. „Seitdem ist nicht einmal die Glühbirne gewechselt worden“, meint der Ladenbesitzer mit einem Augenzwinkern.

Ein Relikt vergangener Tage – Foto: Christian Albrecht

Weg aus seiner Passage will er dennoch nicht, denn „den Kunden, den ich da habe, habe ich zehn Jahre lang gestreichelt und jetzt habe ich ihn. Und der kommt! Das Problem ist, ich kann hier nicht lange planen. Die Betreiber können mir keinen Vertrag über fünf Jahre ausstellen, weil sie nicht wissen, ob in einem halben Jahr die Rolltreppe noch eingeschalten wird.“

Auch wenn es von außen nicht so aussieht, für Alfred Benes läuft das Geschäft und auf seiner Facebook-Seite zeigen sich die Kunden höchst zufrieden. „Es funktioniert, die Leute kommen – und ich lüge mich da jetzt nicht selber an: Denn bevor ich 60 Stunden umsonst im Geschäft stehe, sitze ich lieber daheim im Garten und trinke ein Bier.“

Ist gierig nach Höhenluft und verliert sich regelmäßig im eigenen Kopf. Suspekt sind ihr nur Menschen, die ihren Hausarzt mit Vornamen nennen – alles andere ist Inspiration.

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