Lesezeit: 3 Minuten, 53 Sekunden

Nonverbale Kommunikation – Eine Sprache für alle

in KULTUR von

„Kultur in Graz“ veranstaltete gemeinsam mit der Theatergruppe „Signdance Collective International“ einen Gebärdenworkshop. Anschließend wurde das Gebärdentheaterstück „Carthage/Cartagena“ aufgeführt – die Annenpost war für euch dabei.

Das Signdance Collective führte das Stück „Carthage/Cartagena“ im Landhaushof auf. Foto: Brigitte Elser

Ein Workshop, der vereint

Signdance Collective International ist eine Gruppe von Menschen mit und ohne Beeinträchtigung, die Theaterstücke aufführen und dabei mit Gebärdensprache arbeiten und diese in den Fokus der Produktionen stellen. Die Crew besteht aus dem britischen Art Director David Bower (der übrigens im Film 4 Hochzeiten und ein Todesfall neben Hugh Grant spielte), der kubanischen Choreografin und Tänzerin Isolte Avila, der Grazer Musikerin und Künstlerin Angelina Schwammerlin und dem afrikanisch-amerikanischen Schauspieler und Tänzer Lionel M. Macauley. Die zeitgenössische Performance „Carthage/Cartagena“, die am 30. Juni im Grazer Landhaushof aufgeführt wurde, zeigte eine Kombination aus Tanz, Theater und Live-Musik. Geschrieben wurde das Stück von der amerikanischen Schriftstellerin Caridad Svich. Inhalt ist, neben dem Kriegsdrama um die antike Stadt Karthago, auch das Finden einer neuen, gemeinsamen Sprache.

Vor der Aufführung fand am 29. Juni ein Gebärdensprache-Workshop in Zusammenarbeit mit Kultur in Graz (KiG) statt. Ziel dieses Treffens war es, nicht nur mit gehörlosen Menschen, sondern auch mit Hörenden, die Welt der nonverbalen Kommunikation zu erforschen. Die Integration und der Zusammenhalt zwischen Menschen mit und ohne Beeinträchtigung soll dadurch gefördert werden.

Beim Workshop lernen die TeilnehmerInnen durch Gebärdensprache eine Geschichte zu erzählen. Foto: KiG

Unter der Leitung von Schauspielerin Isolte Avila und dem Art Director von Signdance Collective David Bower, der selbst gehörlos ist, wurde der Workshop im KiG abgehalten. Die TeilnehmerInnen entwickelten ein kleines Stück und eine kurze Geschichte, basierend auf den Themen von „Carthage/Cartagena“. „Carthage“ zeigt das Schicksal der antiken Stadt Karthago und handelt vom Krieg, den damit zusammenhängenden Traumata, aber auch von Hoffnung und der Suche nach einer gemeinsamen Sprache. Ziel war es, sich selbst zu überwinden, die Worte für einige Momente ruhen zu lassen und sich stattdessen nur durch Gestik und Mimik zu unterhalten. Avila erzählt, dass unterschiedlichste Menschen am Kurs teilgenommen hätten, einige davon seine taub gewesen, andere nicht. Gemeinsam hatten alle eine Absicht: Sich ausschließlich mittels Gebärdensprache auszudrücken.

„Es entstanden wundervolle Geschichten und man hat deutlich gespürt, dass die TeilnehmerInnen nach und nach merkten, dass es eben keine Worte braucht, um anderen Menschen nahe zu kommen und sich mit ihnen zu unterhalten“, sagt Avila.

Diversität als Schlüssel zum Erfolg

Auch Bower ist der festen Überzeugung, dass alle Menschen gleich sind, egal ob mit oder ohne Beeinträchtigung. Gerade weil sich die Crew von Signdance Collective aus Hörenden und Gehörlosen zusammensetzt, profitieren sie von ihrer Diversität. Man ziehe daraus einen Vorteil, sagt Bower, indem man die „Schwäche“ in ein künstlerisches Hilfsmittel umwandelt und dadurch etwas Positives bewirkt. Durch die Arbeit von Signdance Collective können Menschen lernen, was es heißt „einander zuzuhören“ und wie man miteinander kommuniziert.

Bower sagt deshalb: „Ich glaube es ist ein Fehler, in zwei Gruppen zu denken: Menschen mit und ohne Beeinträchtigung. In Wahrheit sind wir eine Gruppe und alle ein Teil der Menschheit. Jeder von uns ist auf eine gewisse Art und Weise beeinträchtigt. Die einzigartige Perspektive auf die Welt eines Einzelnen erlaubt es nicht, alles wahrzunehmen. Wir alle sind für gewisse Dinge taub oder blind. Man sollte nicht eine bestimmte Gruppe ausschließen, weil diese nicht hören oder sehen kann. Stattdessen sollten wir anfangen, die Diversität wertzuschätzen.“

Die amerikanische Schriftstellerin Caridad Svich erkannte genau in dieser Diversität das Potential von Signdance Collective. Bereits mehr als zehn Theatergruppen hatten sich an „Carthage“ versucht, jedoch fehlte immer das gewisse Etwas. In New York trafen Svich und Signdance Collective aufeinander und schnell war klar: man möchte etwas zusammen machen. Seit vier Jahren probt die Gruppe das Stück. Nun touren sie durch die ganze Welt und versuchen durch ihre Performance den Menschen die Gebärdensprache näher zu bringen.  Die multilinguale Performance mit Gebärdensprache, im Besonderen mit der internationalen Gebärdensprache, wird kombiniert mit dem kreativen Erzählen einer Geschichte und ist untermalt von Tanz und Live-Musik.

„Carthage“ handelt von Krieg, Leid und Hoffnung – ausgedrückt durch Gebärdensprache, Musik und Tanz. Foto: Linda Schwarz

Sich wiederholende Geschichte

„Carthage“ ist ein Gedicht auf das antike Karthago. Krieg und Zerstörung sind allgegenwärtig, ebenso die bleibenden Schäden und Traumata. Dennoch soll das Stück Hoffnung schenken. Bower erklärt, dass es symbolhaft für unsere heutige Welt stehe, denn die Geschichte der Menschheit wiederhole sich ständig. Für Bower ist Menschlichkeit die Zukunft der Welt, trotzdem betont er, dass „Carthage“ ein Gedicht ist und somit offen für jegliche Interpretation eines Einzelnen.

„Wenn man am Ende eines Tages darüber reflektiert, was in der Welt passiert, wird man erkennen, dass wir in einer Zeit des Umbruchs leben: Sehr viele Personen befinden sich gerade im Krieg, viele sind aufgrund von Krieg und politischen Problemen zu Flüchtlingen geworden, einige mussten ihre Heimat aufgeben und haben ihre Identität verloren. Daraufhin waren sie gezwungen eine neue Kultur und Sprache zu lernen“, sagt Bower.

Das zentrale Thema ist Menschlichkeit und Humanität. Das Stück zeigt den Schmerz in der Welt und ist gleichzeitig ein Gebet und Hoffnungsträger für all jene, die sich in einer schwierigen Lebensphase befinden. Durch „Carthage“ hatte die Gruppe von Signdance Collective nun auch in Graz die Möglichkeit, Menschlichkeit in Kunst zu verwandeln und dem Publikum dadurch zu vermitteln, dass es nicht nur eine schlechte, böse Seite gibt, sondern, dass Menschlichkeit auch etwas Wundervolles sein kann.

[infobox]Mehr Informationen zu Signdance Collective International unter www.signdancecollectiveinternational.com[/infobox]

Linda ist Südtirolerin mit italienischem Temperament, Blondine (mit Köpfchen), Kaffeeliebhaberin und jederzeit für den neuesten Gossip zu haben.

Loading Facebook Comments ...

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

Das letzte von

Gehe zu Nach oben