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14 Minuten Drama am Mariahilferplatz

in KULTUR von

Wie inszeniert man ein Drama in einem alten VW-Bus? Interpretationssache! Das DramatikerInnenfestival hat am Mariahilferplatz Station gemacht und JungautorInnen eine ungewöhnliche Bühne geboten.

Florian Tröbinger (o) und Werner Halbedl (u) im VW-Bus. Foto: Alina Neumann

Ein schwarzer VW-Bus, vollgepackt mit Reisekoffern. Zwei Schauspieler liegen auf einem Holzbrett und schauen aus dem Kofferraum. Ein kleines Publikum hat sich um den Bus versammelt und lauscht den beiden Herren, die aus Izabela Makowskas Stück Tamso vortragen. Das Stück erzählt vom Tod und davon, dass ein Mann eine digitale Erinnerungsseite für seinen verstorbenen Bruder einrichtet, um diesen wieder zum Leben zu erwecken. Das Publikum wird größer, Passanten werden förmlich in die Szene hineingezogen. Den Gesichtern der ZuschauerInnen nach zu urteilen, stößt manches aus Tamso auf Unverständnis – bis wieder gelacht wird und es am Ende begeisterten Applaus gibt.

Privatsache in der Öffentlichkeit

Der schwarze VW-Bus teilte sich den Mariahilferplatz mit neun anderen Fahrzeugen, von Wohnwägen, über einen Mini-Linienbus bis hin zum Geflügeltransportwagen. Sie alle waren Teil des Formats Interpretationssache: 14 x 14 Minuten Theater, das vom Drama Forum des Vereins uniT und dem  Schauspielhaus Graz im Rahmen des DramatikerInnenfestivals 2017 veranstaltet wurde. KünstlerInnen präsentierten in 14 x 14 Minuten die 14 für den diesjährigen Retzhofer Dramapreis nominierten Stücke auf besondere Art und Weise. Das Spektrum reichte dabei von szenischen Lesungen bis hin zu Video- oder Audioinstallationen.

Das heurige DramatikerInnenfestival stand unter dem Motto „Privatsache“ und widmete sich dem Spannungsfeld von Privatheit und Öffentlichkeit. Interpretationssache war ein Versuch, um Privates in den öffentlichen Raum zu verlegen. Es sollte dazu anregen, sich Gedanken zu machen, wo die Grenzen zwischen privat und öffentlich verlaufen.

Fahrzeuge als Bühnen am Mariahilferplatz. Foto: Alina Neumann

„Der VW-Bus ist eigentlich ein Privat- und Intimitätsraum. Viele Familien sind früher damit in den Urlaub gefahren“, sagt Florian Tröbinger, einer der Schauspieler. Die größte Herausforderung sei es gewesen, den Bus für die Szene zu adaptieren: „Aber es hat Spaß gemacht“.

Eine weitere Schwierigkeit stellte die Akustik dar, sagt Kathrin Mayr, die bei den Stücken Tamso und Am Rand der Epidermis Regie führte. „Die Schauspieler mussten sich dauernd an die Gegebenheiten anpassen, weil die Leute einmal näher und dann wieder weiter weg standen“, erklärt Mayr. Da komme es vor allem auf die Stimmen der SchauspielerInnen an, um Aufmerksamkeit zu generieren und die PassantInnen zu ZuschauerInnen zu machen.

Wie verhalten sich also Privates und Öffentlichkeit zueinander? „Die Abgrenzung wird immer schwieriger. Das Brisante daran ist, dass man beides nicht mehr trennen kann“, sagt Mayr. Sie nennt Social Media als Beispiel: „Es wird immer mehr oberflächlich geteilt, aber andererseits gibt es einen immer stärkeren Rückzug ins Private. Ohne diese Nachrichten könnte der Mensch das gar nicht überleben.“

Privatsache am Mariahilferplatz. Foto: Alina Neumann

Identitätssuche

Ein paar Fahrzeuge weiter können Besucher selbst aktiv werden und im wahrsten Sinne des Wortes die „Neue Welt“ – nämlich Amerika, wie sie bei ihrer Entdeckung benannt wurde – suchen. Aus dem modern eingerichteten Wohnwagen klingt Elektro-Musik.  Drinnen sitzt ein junger Mann mit silbernem Paillettenhut sowie pinker Paillettenhose und zeichnet. „Ich wurde gefragt, ob ich eine Woche hier mitmachen will, um mit den Zeichnungen die amerikanische Identität zu finden“, sagt er.

Im Wohnwagen ist ein Infrarotsensor angebracht. Mit Handgesten wird man zum/zur DirigentIn, kann die Musik verändern, indem man die Hände über dem Sensor hebt, senkt oder zur Seite schiebt. Zwischen den elektronischen Klängen finden sich gesprochene Textausschnitte aus Astrid Nischkauners Stück Orchester Stück Der neuen Welt und die 9. Sinfonie von Antonín Dvořák, die den Namen Aus der Neuen Welt trägt.

Links die Suche nach der amerikanischen Identität, rechts die Musiker Aus der Neuen Welt. Foto: Alina Neumann

Die Krux mit der Atmosphäre

Am anderen Ende des Platzes muss ein Plastik-Erdmännchen repariert werden. Es fungierte als Maskottchen für das Stück erdmännchen von Maximilian Smiritz, fiel aber auf den Boden und zog sich Brüche im Gesicht zu. Nebenan ertönt Radio Steiermark aus einem Fahrzeug. Eine wirklich private Stimmung will auf dem Mariahilferplatz nicht aufkommen. Vielleicht noch am ehesten in der Tiefgarage. Dort wird All Adventurous Women Do von Tanja Šljivar in einem blauen VW-Bus, der mit Lichterketten geschmückt ist, aufgeführt. Es geht um sieben bosnische Teenager, die während einer Schulexkursion schwanger werden. Drinnen wird wild herumgeturnt und getrampelt, bis der Bus wackelt.

Die ganze Situation wirkt skurril: Eine Besucherin nimmt an, am Platz fände ein Streetfood-Festival statt. Freundliche Mitarbeiterinnen klären auf und machen auf das DramatikerInnenfestival aufmerksam. Vielen PassantInnen reicht „geistige Nahrung“ aber nicht, um stehen zu bleiben: Die Entscheidung, sich ein auf ein Theaterstück einzulassen, ist letztlich doch „Privatsache“.

Das folgende Video zeigt eine Zusammenfassung der Interpretationssache: 14 x 14 Minuten Theater:

[infobox icon=“info-circle“]Der Gewinner des Retzhofer Dramapreises 2017 ist Liat Fassberg mit dem Stück „Etwas kommt mir bekannt vor“. Es handelt von einem Nachtbus, seinen Fahrgästen und deren Gedanken, Reaktionen, Erinnerungen, Träumen und Assoziationen.

Alle nominierten AutorInnen sind hier zu finden.[/infobox]

 

Text und Video: Anna Heinzl und Alina Neumann.

Schreiben und Literatur sind Alinas Passion. Die Musik und die Fotografie ihre weiteren Leidenschaften. Sie liebt die Côte d’Azur und den Schnee, ist ein kritischer Zeitgeist mit Humor und eine ambitionierte Kuchenfee.

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