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„Die Tattooszene ist Bullshit“

in KULTUR von

Der Grazer Tattoo-Artist Belmir Huskic erzählt im Interview, wieso er die Tattoo-Szene für „Bullshit“ hält – und lässt seinen Nadeln an einem „Opfer“ freien Lauf.


Es gab sie schon vor mehr als 5.000 Jahren: Tattoos. Die Gletschermumie „Ötzi“ zieren 61 Tätowierungen, über seinen gesamten Körper verteilt. 2017, Jahrtausende später, sind Tattoos trendiger denn je. Rund ein Viertel aller ÖsterreicherInnen tragen diesen ganz besonderen Körperschmuck. Tattoostudios sprießen wie die Schwammerln aus dem Boden – auch in Graz gibt es an fast jeder Straßenecke eines.

Etwas schwierig zu finden ist das 11:13, ein privates Tattoostudio am Lendplatz. Von außen nur durch den Namen an der Klingel zu erkennen, kommt man durch eine große Glastür in ein 0815-Bürogebäude. Im oberen Stockwerk, zwischen Versicherungsmarkler und Finanzberatung, gelangt man durch einen schweren, schwarzen Vorhang ins Studio. Die Belohnung für alle, die es soweit schaffen: einzigartige Tattoos. Am 22. Mai gab es diese Belohnung für mich. Und obendrauf noch ein Interview mit dem Tattoo-Artist und Besitzer des Studios: Belmir Huskic.

Es muss alles clean sein. Desinfektion wird in Tattoostudios groß geschrieben. Foto: Ana Lagger

Der 27-Jährige erzählt, dass er eigentlich nur durch Zufall Tattoo-Artist geworden ist. Er habe sich irgendwann mal ein Tattoo-Set auf Amazon bestellt und begonnen Bananen, sich selbst und irgendwann auch andere Leute zu tätowieren. 

Annenpost: Wann wusstest du, dass du das Tätowieren zu deinem Beruf machen willst?

Belmir Huskic: Ich bin nach Graz gezogen und hatte keinen Job. Für eine kurze Zeit war ich als Leiharbeiter tätig. Irgendwann war mir klar, dass ich jetzt meinen Arsch hochkriegen muss, um etwas aus meinem Leben zu machen. Schließlich bin ich die Tattoostudios in Graz abgegangen – eines davon hat mich aufgenommen. Da war ich gerade 20 oder 21 Jahre alt.

Warum wolltest du dein eigenes Studio haben?

Mein Freund, der „Michl“, alias Iron Myke, und ich haben zusammen in einem anderen Studio in Graz gearbeitet. Wir hatten dort eine coole Zeit, im Endeffekt war es aber nicht das, was wir eigentlich machen wollten. Dort war es immer sehr stressig. Wir wollten aber deshalb ein ruhiges Studio und selbst entscheiden, wie es aufgebaut ist und aussieht. Genau das haben wir uns hier erfüllt.

Wieso gerade hier am Lendplatz?

Wir haben beide in der Nähe gewohnt. Der Lendplatz ist cool und es gibt hier in Sachen Tattoostudios nichts, das in unsere Richtung geht. Außerdem ist die Gegend total im Aufschwung. Es tut sich viel – auch dank Veranstaltungen wie dem Lendwirbel. Das Studio haben wir durch Zufall gefunden und uns schließlich dafür entschieden.

Das Motiv ziert nach längerer Krizzelei das Bein. Foto: Ana Lagger

Wie schätzt du die Tattooszene in Graz ein?

Die gute Tattooszene in Graz ist ganz, ganz, ganz klein. Man kann die guten Studios an einer Hand abzählen. „Tattooszene“ ist auch ein schwieriges Wort. In Graz ist es eher eine kleine Gruppe, keine Szene. Die große Tattooszene, die aktuell überall gepredigt wird, ist in Wahrheit Bullshit. Die Branche wird mit Tätowierern zugebombt, von denen 99% nichts draufhaben. Die Leute, die wirklich was draufhaben, findest man zwischen dem ganzen Müll und den „Tattoofabriken“ gar nicht mehr. 

Was meinst du mit „Tattoofabriken“?

Ich meine damit eine Art Massenabfertigung, die man beim Tätowieren eigentlich nicht brauchen kann. Man kann auch mal eine Zeit lang auf ein Tattoo warten. Man sollte sich nicht sofort das Motiv stechen lassen, das man gerade auf Google gefunden hat. In diesem Punkt sollten sich auch Tätowierer an der eigenen Nase nehmen und nicht Kopien von Kopien von Kopien erstellen, nur weil es Geld bringt. 

Dann geht es schon vom Stift zu den Nadeln über. Das darf Instagram und Snapchat natürlich nicht verpassen. Foto: Ana Lagger

Es gibt mittlerweile unzähle Tattoo-Sendungen im Fernsehen (LA Ink, Horror TattoosCover Up). Würdest du dort mitmachen?

Mitmachen würde ich schon, aber ich glaube nicht, dass sie das dann ausstrahlen würden. In solchen Sendungen wird ein falsches Bild vermittelt. Alles geht schnell und billig. Man muss keinen Termin vereinbaren, man muss nicht warten, man muss nicht zahlen. Der Tätowierer wird als Gott dargestellt, der dich – ohne jeglichen Arbeitsaufwand – in ein Kunstwerk verwandelt. 

Abschließende Worte?

 An die Tattooszene und alle Tätowierer: Reißt euch zusammen!

Mit einer permanenten Körperbemalung mehr und interessanten Einblicken in die Grazer „Tattooszene“ verlassen wir das gut versteckte Studio. Fazit: Diesen Besuch werde ich so schnell nicht abschütteln können.

Hier könnt ihr das Video zur Entstehung des Tattoos sehen:

 

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