Planetensaal Schloss Eggenberg

„Licht kann auch grausam sein“

in KULTUR von
Licht, Luster, Schein – seit jeher faszinieren Lichtquellen und Beleuchtungskörper den Menschen. Sie prägen Kultur und Tagesablauf. Eine Tagung über Licht und Glas im Schloss Eggenberg erhellte die zahlreichen Facetten des Lichts.

Planetensaal Schloss Eggenberg
Der Planetensaal in originaler Beleuchtung. Foto: Alina Neumann

Ganz finster soll es gewesen sein, bevor Gott die Worte „Es werde Licht!“ sprach und plötzlich dem Tag die Nacht gegenüberstand. Doch bis der Mensch die Nacht sprichwörtlich zum Tag machen konnte, dauerte es noch viele Jahre. Heute können wir uns vor lauter Licht kaum noch retten. Dass es einst eine ganz andere Funktion hatte, als nur alltäglicher Gebrauchsgegenstand zu sein, vergessen wir oft. Um diesem Vergessen entgegenzuwirken, lud die Light and Glass-Gesellschaft unter dem Motto „Den Schein wahren: Licht – Kultur – Geschichte“ zu einem Wissensaustausch und einer Führung bei Kerzenschein in das Schloss Eggenberg.

Tageslicht fällt nur spärlich durch die Souterrain-Fenster in das sogenannte „Laternen G’wölb“, in dem die Tagung von Light and Glass stattfand. Die ZuhörerInnen warteten gespannt, was die sechs Vortragenden über Licht und Luster zu erzählen hätten. Und davon gab es viel. Es wurde über Licht im Zeitalter der Industrialisierung, Licht und seine Auswirkungen auf Kunstwerke, die Herkunftsgeschichte zweier Wandleuchter aus dem Nachlass der Ur-Urenkelin Franz Josephs I. und die Revitalisierung der ehemals größten böhmischen Lusterfabrik referiert. Aufgrund der umfangreichen Vorträge kann hier nur ein Auszug wiedergegeben werden.

Light and Glass ist eine europäische Gesellschaft und Dokumentationszentrum für Kronleuchter, Licht und Glas. Sie wurde im Jahr 2000 im tschechischen Steinschönau gegründet, der einstigen Hochburg der böhmischen Lusterproduktion. Einmal im Jahr treffen sich KunsthändlerInnen, KuratorInnen und KronleuchterspezialistInnen zur Jahreshauptversammlung – in Maastricht, Prag, Gargas oder eben Graz. Für drei Tage wurde nun in Graz über Licht im Laufe der Geschichte, seine Auswirkungen und die Bedeutung von Lustern gefachsimpelt.

Diskussionsrunde
Diskussionsrunde mit Andrea Gräfin von Wallwitz, Käthe Klappenbach und Maria João Burnay (v.l.n.r.). Foto: Alina Neumann

Reise in die Vergangenheit
Den Auftakt am Nachmittag des 28. Aprils bildete ein Vortag von Maria João Burnay, Kuratorin des Palacio da Ajuda in Lissabon. Der Palast war einst Sitz der portugiesischen Königsfamilie. Im Moment bietet er etwa insgesamt 450 Kronleuchtern, Wand- und Tischleuchten sowie Laternen einen Platz zum Abhängen. Burnay erklärte unter anderem, wie man die Herkunft dieser Objekte zu bestimmen versucht. Eine Rechnung aus dem Jahr 1897 zeigt beispielsweise, welcher Luster damals in Paris gekauft wurde. Bestellscheine, Korrespondenzen oder die persönlichen Notizen der damaligen Königin können bei der Spurensuche ebenfalls Aufschluss geben.

Krone, Luster, Kronleuchter, Lüster
Im Schloss habe man „gerade einen Gipfelpunkt erreicht“, verweiste die nächste Vortragende auf die nächtliche Führung bei Kerzenlicht, die noch anstand. Davor erzählte noch Käthe Klappenbach, Sammlungskustodin (wissenschaftliche Betreuerin einer Sammlung oder eines Museums) für historische Leuchter und Beleuchtungskörper der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, von Potsdamer Kronleuchtern. Diese Luster mit Glasbehang für König Friedrich II. seien eindeutig als preußische Kronleuchter identifizierbar. Dass sie nach französischer Art und mit Mailänder Pendeloquen als Vorbild gefertigt wurden, macht die Luster einzigartig. Das Glas für die Kronleuchter, die im restlichen Europa erstrahlten, kam nämlich aus den böhmischen Glasfabriken.

Abbildung Pendeloquen
Käthe Klappenbach präsentierte Muster von Mailänder Pendeloquen, in Tropfenform geschliffenem Lusterbehang. Foto: Alina Neumann

Damit eine fürstliche Gesellschaft einen Abend lang im vollen Glanz der Kronleuchter Hof halten konnte, musste so viel bezahlt werden, dass ein einfacher Arbeiter ein ganzes Jahr davon hätte leben können. Besonders die gebleichten Bienenwachskerzen waren teuer. Doch sie galten als Statussymbol, denn Kronleuchter dienten der Repräsentation und dem Ausdruck von Macht.

Mit der Elektrifizierung wurden an den Kronleuchtern massive Veränderungen vorgenommen und es ist heute fast unmöglich ihr originales Aussehen zu rekonstruieren. Außerdem verloren sie ihre Bedeutung als Repräsentationsobjekte. So wurde der Luster zur Lampe degradiert und an der Wende zum 20. Jahrhundert das Wort „Beleuchtungskörper“ eingeführt. Davor sprach man stets von „Erleuchtungsgeräten“.

Glasbehang für Kronleuchter
Glasbehang für einen Kronleuchter werden Pendeloquen genannt. Foto: Alina Neumann

„Licht kann grausam sein“
Der Beruf habe sie anfänglich dazu gezwungen, sich mit Kronleuchtern zu beschäftigen, sagt Käthe Klappenbach. Mittlerweile sei eine Leidenschaft daraus geworden. Faszinierend sei das Licht in seinen vielen Facetten, ob philosophisch oder auch religiös. Aber „Licht kann auch grausam sein“, stellte Klappenbach fest, als sie über künstliches Licht, insbesondere LED-Beleuchtung sprach. Sie erkenne sofort, ob ein historischer Raum für Kronleuchter konzipiert worden sei. Im Schloss Eggenberg passe jeder Luster an seinen Platz. Hier seien die Wandleuchten so angebracht, dass das Kerzenlicht alleine ausreicht, um die Gemälde auszuleuchten. So etwas habe sie noch kaum wo gesehen.

Im Licht des Barocks
Besonders an Schloss Eggenberg ist, dass die Beletage, der Wohnbereich der adeligen Familie, im zweiten Stock während des 19. Jahrhunderts unbewohnt blieb und die Inneneinrichtung dadurch nicht der Elektrifizierung zum Opfer fiel. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Interieur kaum zerstört und auch in den folgenden Jahrzehnten verzichtete die Leitung des Hauses bewusst darauf, die Räume mit Strom auszustatten. So ist die Einrichtung aus der Barockzeit bis heute erhalten geblieben und es gibt weder Heizungen, noch elektrische Beleuchtung in den Prunkräumen.

Die Innenräume des Schlosses können einmal im Monat im Schein der Kerzen bewundert werden. Die BesucherInnen werden dabei in jene Zeit zurückversetzt, in der die Eggenberger an kleinen Spieltischen saßen und die barocken Girandolen Licht spendeten. Erstaunlicherweise sind die Deckengemälde trotz einer Beleuchtung, die man heute wohl als spärlich bezeichnen würde, beinahe vollständig zu erkennen. Man wird von den Spiegelungen des Kerzenlichts in den Porzellanetageren fast geblendet und ist fasziniert vom Schein, den die damast- und seidenbespannten Wände reflektieren.

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Das Ende und Highlight der Führung bildete der kerzenerleuchtete Planetensaal, in dem sich das orangefarbene Licht im Marmorboden spiegelt. Die KronleuchterspezialistInnen tauschten sich noch einmal über die echten und unechten Luster aus und versuchten, die einzigartige Stimmung mit der Kamera einzufangen, als langsam die Kerzen ausgelöscht wurden.

Doch wer glaubt, dass es nun finster geworden sei, der irrt. Beim Verlassen des Schlosses leuchteten einem bereits die kalten, weißen Straßenlaternen der Eggenberger Allee entgegen und man fragt sich, wie es wohl gewesen sein mag, als noch keine Beleuchtungskörper die Straßen gesäumt haben.

[infobox] Die Vortragsreihe war Teil einer öffentlichen Tagung von 27. April bis 29. April 2017 und wurde vom Universalmuseum Joanneum und Light and Glass veranstaltet. Am 28. April wurde die Jahreshauptversammlung der Light and Glass-Gesellschaft abgehalten.[/infobox]

Schreiben und Literatur sind Alinas Passion. Die Musik und die Fotografie ihre weiteren Leidenschaften. Sie liebt die Côte d’Azur und den Schnee, ist ein kritischer Zeitgeist mit Humor und eine ambitionierte Kuchenfee.

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