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„Mein Name ist Lendwirbel. Und ich bin tot.“

Der Lendwirbel, Stadtteilfest und Phänomen, Sommervorbote und Nachbarschaftsinitiative, findet heuer zum letzten Mal statt. Soweit das Gerücht, das seit einem Jahr kursiert. Stimmt es? Und was können wir daran ändern?

Der „Wirbel“, wie er jährlich stattfindet. Was muss getan werden, damit es ihn auch weiterhin gibt? Foto: Lendwirbel

In der ersten Maiwoche lädt der Lendwirbel wie alle ersten Maiwochen seit zehn Jahren Bewohnerinnen und Bewohner, Kreative und Künstler, Nachdenker und Idealisten, Familien oder Nachbarn dazu ein, die Straßen zu füllen mit Musik, Projekten und Gesprächen. Dabei im Mittelpunkt steht jährlich die Idee, selbstbestimmt, eigenverantwortlich, kreativ und gemeinschaftlich den öffentlichen Raum in Teilen des Viertels zu entdecken, Nachbarschaft zu gestalten, Vielfalt zu leben oder Gesellschaft kritisch zu hinterfragen.

 „Was würdest Du tun, wenn es den Lendwirbel nicht mehr gäbe?“
Der Lendwirbel als kollektive Bewegung braucht jede und jeden Einzelnen, um stattzufinden. Daher laden die Mitbegründer und -Betreiber auch heuer im Vorfeld zu gemeinsamen Netzwerktreffen. Und zwar – nachdem das Lendhaus aufgegeben werden musste – in das neue Lendwirbel-„Püro“ in der Mariahilferstraße. Gleich neben der Haarschneiderei, dem Geburtsort des Lendwirbels.

In den Netzwerktreffen werden Planungen, Ideen und das Manifest des Lendwirbels besprochen. Foto: Samira Frauwallner

Nicht nur in dieser Hinsicht geht es zurück an den Start. Beim heuer ersten offiziellen Treffen am 15. Februar läuft ein Tonband im Hintergrund: „Mein Name ist Lendwirbel. Ich bin tot.“
Als Idee entstand der Wirbel im Jahr 2007, heuer soll das Treiben rund um den Lend zum zehnten Mal stattfinden. Jährlich keimt die Frage auf, wie lange es „den Wirbel“ noch geben und ob es das letzte Mal sein wird. Das ist dieses Mal nicht anders: „Wir wollen zu Beginn der Planungen etwas von euch wissen: Was würdet ihr tun, wenn es den Lendwirbel schon heuer nicht mehr gäbe?“, fragt einer in die Runde. Dass die Annenpost einzelne AktivistInnen beim Namen nennt, finden die Lendwirbler nicht nötig. Kollektiv eben.

Die ersten Antworten fliegen schnell: „Ich würd’ mich am 2. Mai mit Freunden auf den Mariahilferplatz setzen und mich echt ärgern, dass es den Wirbel nicht mehr gibt!“ Oder: „Die Gitarre nehmen und Musik machen, wo sonst der Lendwirbel stattgefunden hätte. Was essen und traurig sein.“ Andere würden vom Balkon aus auf die leeren Straßen starren und die Musik vermissen, sich zum Feiern versammeln oder ein Eis essen gehen. Sich Gedanken machen, wem die Stadt gehört. „Vielleicht ein Projekt starten und spontan etwas Ähnliches organisieren. Irgendwelche Leute würden sicher kommen!“

Der Lendwirbel ist für Feiernde und Familien, für Aktivisten und Kreative, für große und kleine Kinder. Foto: Samira Frauwallner

Denn DU bist der Lendwirbel
Eines der Vereinsmitglieder bestätigt die Überlegungen. „Genau das ist es: Es wird immer nur dann einen Lendwirbel geben, wenn jede und jeder von uns sich dafür verantwortlich fühlt, dass es ihn weiterhin gibt!“ Grund dafür: Der Verein stellt sich nur noch für Ansuchen an Land und Stadt und diverse Organisationsfragen zur Verfügung, seit 2013 wird der Wirbel nicht mehr von einer Dachorganisation veranstaltet. Das neue Konzept lautet: „Du bist der Lendwirbel. Jeder ist der Lendwirbel.“ Im Zuge dessen geht es in den Netzwerktreffen, die bis Ende April wöchentlich stattfinden, darum, sich mit Ideen, Planungen und Projekten im „Püro“ zu treffen, mit Gleichgesinnten zu vernetzen und anschließend den Lendwirbel eigenständig auf die Beine zu stellen. „Euren Ideen seien keine Grenzen gesetzt! Redet miteinander, vernetzt euch, bringt eure Freunde mit“, ist die Botschaft im offenen Gespräch.

Auch Spaß kostet
Ein großes Thema in den Netzwerktreffen ist auch die Finanzierung – sei aber nie Problem oder Ursache gewesen, den Lendwirbel gedanklich zu verwerfen. „Viele halten uns nur für eine große Party, die zu viel Geld für nichts in den Wind schießt und zu viel Förderung erhält. Hinter die Kulissen sehen die wenigsten: Polizei, Feuerwehr und Rettung, Technik, Strom, Parkplätze und WCs sind nur  einige der Punkte, und schon die kosten enorm viel.“ Ab heuer will der Lendwirbel mehr finanzielle Transparenz schaffen.

Kreativität kennt beim „Wirbel“ keine Grenzen. Foto: Lendwirbel

Die jährliche Überlegung, der Lendwirbel könnte sich auflösen, hat seine Berechtigung. Das Wirbel-Kollektiv erklärt  den Prozess in Plus- und Minuspolen: „Wir sind der Plus-Pol. Zuerst ziehen wir an, Anfang Mai jeden Jahres verwirbeln wir dann all das, was sich in und an uns sammelt. Es formieren sich Menschen um uns, welche sich verantwortlich fühlen und uns jährlich Ausdruck verleihen. Und dann stellen wir die, die sich intensiv mit uns beschäftigt haben, vor die Frage, was war, was bleibt und wie es weitergehen soll.“

Anschließend folge der Minuspol: „Hier entziehen wir uns ihrer Kontrolle. Wir stoßen ab. Wir fordern dazu auf, sich selbst und uns neu zu erfinden. Denn wir wollen frei sein und daher müssen wir uns immer wieder von allem lösen. Neu anfangen. Wir dienen somit als Spiegel unserer Interessen. Was wir im Kern sind, ist dafür verantwortlich, dass sich alles immer wieder verändert.“

Lendwirbel: Wohnzimmer, Ort für Ideale, Platz für Gespräche, Musik, Diskurs und Gemeinschaft. Foto: Samira Frauwallner

Mitplanen und dabei sein
Zu den wöchentlichen Netzwerktreffen darf jedeR kommen. Alle, denen der Wirbel am Herzen liegt, die sich persönlich austauschen, gemeinsame Fragen stellen oder kollektive Projekte planen wollen. „Keiner von uns ist allein. Der Lendwirbel ist ein Gefühl, ein Herzensprojekt. Und gemeinsam werden wir auch heuer wieder dafür sorgen, dass unser Viertel, der öffentliche Raum, bunt wirbeln wird.“ Ob es wirklich der letzte Lenwirbel wird, muss also jede und jeder für sich beantworten.

Die Annenpost hält euch am Laufenden und wird euch auch heuer wieder live zum Lendwirbel (2. – 6. Mai) und am 29. April in den Schlagergarten Gloria mitnehmen. Wer schon vorher gerne Teil des Wirbels sein und seine Ideen einbringen möchte, Vorschläge hat oder mitorganisieren will, ist herzlich eingeladen, zu den Netzwerktreffen im Lendwirbel-Püro (ehemaliges Blendend neben der Haarschneiderei) zu erscheinen. Das nächste Treffen findet am 8. März um 19.00 statt. 

 Weitere Werte und Worte sind außerdem im „Manifest“ des Lendwirbels nachzulesen. Auch Fragen (wer, was, wo und wie der Wirbel ist, für wen und weshalb) werden hier beantwortet.

 

 

 

Über den Autor

Samira Joy Frauwallner
Samira Joy Frauwallner
Ist für die ganzjährige Einführung von Sommer und ist zumeist Optimistin. Essentiell: Sprache, Musik, Vierbeiner, Fotografie, Humor und Reisen an sich.
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