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24 h – Polizeieinsatz in der „Bronx“

in VIERTEL(ER)LEBEN von
Was ATV kann, kann die Annenpost schon lange. Das ATV-Sendungsformat „24 Stunden – Polizeieinsatz in Graz“ garantiert angeblich „spannende und rasante Unterhaltung“ mit dramatischen Situationen im Polizeialltag. Wir haben Chefinspektor Werner Schenk eine Nacht durch den Lend begleitet, dabei zwar keine  hollywoodreifen Verfolgungsjagden erlebt, dennoch spannende Erkenntnisse gewonnen.
Das Viertel um den Volksgarten wird gern als „Brennpunkt“ des Drogenhandels in Graz bezeichnet. Chefinspektor Werner Schenk bezeichnet sein Revier oft liebevoll als „die Bronx“ von Graz. Foto: Dominik Kutschera
Das Viertel um den Volksgarten wird gerne als „Brennpunkt“ des Drogenhandels in Graz bezeichnet. Chefinspektor Werner Schenk bezeichnet sein Revier oft liebevoll als „die Bronx“ von Graz. Foto: Dominik Kutschera


Heute bei Polizeieinsatz in Graz:
Eine Zivilstreife, die das Unwohlbefinden der Drogendealer erhöhen soll. Außerdem: ein obdachloser „Camper“ am Murufer unter der Keplerbrücke,  zwei völlig ausgebrannte Mopeds am Straßenrand und ein Sicherheitscheck im Volksgarten mit einem exklusiven, ersten Resümee zur neuen Beleuchtungstechnik.

Los geht´s, und das sogar ohne Werbung.

„Sie wissen nun, dass wir hier sind“
19:30 Uhr. Polizeistation Lendplatz. Schichtbeginn für das Polizeiteam rund um Chefinspektor Werner Schenk. Seit neun Jahren ist Schenk, der in Gleisdorf wohnt, Chefinspektor der Polizeistation Graz-Lend. Er ist auch in der Gleisdorfer Kommunalpolitik aktiv und leitet den Sicherheitsausschuss der Stadt. Die erste Ausfahrt des Abends: Schenk setzt sich routiniert ans Steuer und lenkt den dunklen Kompaktwagen durch die düsteren Straßen, verwinkelten Gassen und pechschwarzen Parks des Viertels. „Polizeiarbeit ist seit 35 Jahren mein Geschäft, da hat man schon einiges Grausiges erlebt. Seit neun Jahren bin ich Chefinspektor der Polizeistation Graz-Lend oder – wie ich den Bezirk gerne nenne – der Bronx“, sagt der Chefinspektor. Heute ist Schenk nicht mehr so oft wie früher auf Streife: „Das liegt an den hinzugekommenen Bürotätigkeiten.“

20:00 Uhr. Keplerstraße. Obwohl wir in einem unauffälligen Zivilfahrzeug unterwegs sind, spürt man die Aufmerksamkeit und die Nervosität der Drogendealer, die in der Keplerstraße auf Kundschaft warten. Die Annenpost hat zuletzt im Juli über den Drogenhandel im Viertel berichtet. Mit zugezogener Kapuze oder heruntergezogener Wollmütze versuchen die Männer, die vor allem Marihuana verkaufen, den Blickkontakt mit unserem Fahrzeug und dem Fahrer zu meiden. „Es geht darum, Präsenz zu zeigen“, sagt Chefinspektor Schenk. „Sie werden grübeln, ob es heute eine groß angelegte Schwerpunktaktion geben wird oder ob es nur eine kurze Zivilausfahrt ist. Eines ist aber glasklar: Sie wissen nun, dass wir hier sind.“

Nach gerade einmal zehn Minuten Ausfahrt sind keine Dealer mehr auf den stark befahrenen Straßen, allen voran der Keplerstraße, zu sehen. Die Organisation im Hintergrund der Drogendealer ist laut Schenk gut aufgestellt: „Sie haben sich bereits gegenseitig per Telefon informiert, dass wir mit einer Polizeistreife unterwegs sind. Aus diesem Grund verlassen die Herrschaften unser Streifengebiet blitzartig.“  Auf die Nachfrage, warum die Polizei über den Drogenhandel Bescheid weiß aber nicht aktiver handle, antwortete der Chefinspektor: „Ehrlich gesagt ist es wirklich schwierig, bei der aktuellen gesetzlichen Lage einen Drogenverkäufer festzunehmen. Die Verkäufer kennen die gesetzliche Lage genau und haben nicht genug Stoff bei sich. Uns geht es vorweg nicht um die ,Befehlsempfänger´ – die Verkäufer auf den Straßen – sondern um das Zerschlagen eines ganzen Drogenkartells.“
Erst vor kurzem, in der Nacht auf den 06. Jänner, gab es eine öffentlichwirksame Drogen-Razzia im Volksgarten, begleitet durch Bürgermeister Siegfried Nagl und Innenminister Wolfgang Sobotka.

Der Chefinspektor Werner Schenk ist bereits seit über 30 Jahren bei der Polizei und leitet seit 12 Jahren die Polizeistation Graz-Lend. Foto: Dominik Kutschera
Chefinspektor Werner Schenk (rechts) ist bereits seit über 30 Jahren bei der Polizei und leitet seit 12 Jahren die Polizeistation Graz-Lend. Foto: Dominik Kutschera

„Er bleibt lieber auf kaltem Sand und kaltem Stein“
22:00 Uhr. Polizeistation Lend. Nach einigen Stunden weitgehend ereignisloser Fahrt und kurzer Kaffeepause auf der Polizeiinspektion geht es nun im Polizeiauto weiter. Mit dabei sind neben Chefinspektor Schenk ein weiterer Kollege und eine Kollegin zur Verstärkung.  Plötzlich fahren auch die Fahrzeuge, die sich im Verkehr dem Streifenwagen nähern, langsamer und achten penibel auf die Verkehrsordnung.  Nach etwa einer Stunde Fahrt bremst der Chefinspektor, fährt unter der Keplerbrücke rechts ran. Wir steigen aus. Schenk überquert die Straße und steht nun direkt am Ufer der Mur. Zu sehen ist ein blaues Campingzelt, Plastikflaschen, Bierdosen, Zigarettenstummel, ein Holzstuhl, viele Zeitungen und eine große Plastikplane. Im Zelt leuchtet eine Taschenlampe, zu hören ist aber niemand. „Hier lebt, wohnt und schläft jemand. Es gäbe genügend Einrichtungen, wo er übernachten könnte, aber er möchte in keine Wohnung. Er bleibt lieber auf kaltem Sand und Stein“, sagt der Chefinspektor  . Die Polizei Graz-Lend siehe mehrmals im Monat nach dem Camper an der Mur, sagt Schenk.

Selbst bei eisigen Minus 5 Grad haust ein Mann unter der Keplerbrücke am Ufer der Mur. Mehrmals schaut die Polizei nach dem Mann, der bereits seit Monaten sein Zelt hier aufgeschlagen hat. Foto: Dominik Kutschera
Selbst bei eisigen Minus 5 Grad haust ein Mann unter der Keplerbrücke am Ufer der Mur. Mehrmals schaut die Polizei nach dem Mann, der bereits seit Monaten sein Zelt hier aufgeschlagen hat. Foto: Dominik Kutschera

Fünf Meter hohe Stichflammen
22:30 Uhr. Keplerbrücke. Wir nehmen die Streife wieder auf. Direkt hinter uns fährt ein dunkler Kleinwagen mit nur einem funktionierenden Scheinwerfer. Nicht ungefährlich, da das Auto so eher einem einspurigen Fahrzeug ähnelt. Schenk stoppt das Fahrzeug. „Bitte schalten Sie das Blaulicht ab, meine Beifahrerin ist Epileptikerin“, ruft der junge Mann den Polizisten entgegen. Das Blaulicht geht aus. Der junge Fahrer steigt aus dem Fahrzeug, auch die Beifahrerin steigt aus und zündet sichgleich genüsslich eine Zigarette an. Der Fahrer ist amtsbekannt. Die Polizisten fragen zuerst, wie es dem großen Bruder geht. „Drei Monate hat er noch. Dann ist er draußen. Er macht jetzt die Lehre nach und will neu anfangen“, antwortet der junge Fahrer. Belehrend, aber äußerst freundlich weisen die Polizisten auf das defekte Abblendlicht hin. „Verdammt. Es tut mir leid. Ich wusste wirklich nichts vom Defekt“, so der Fahrer. Die Polizistin bittet, den Schaden sofort morgen früh richten zu lassen und besteht darauf, dass der Fahrer wenigstens die funktionierenden Nebelscheinwerfer einschaltet. Der Mann kommt mit einer Verwarnung davon.

„Hier, schau mal nach links zum Gehsteigrand. Das geschah gestern Nacht“, sagte Chefinspektor Schenk, während der Streifenwagen in eine schmale Gasse einbiegt. Am Gehsteigrand stehen zwei verkohlte Mopeds – bis auf den Rahmen und die Reifen vollständig ausgebrannt. In der Nacht zuvor fingen die beiden Mopeds Feuer und weckten einen schlafenden Anrainer im 2. Stock, der sein Fenster gekippt hatte. Die Stichflammen brannten bis zu fünf Meter hoch, als die Streife am Schauplatz ankam. Die Feuerwehr löschte den Brand, bevor größerer Schaden entstehen konnte . Die Ursache des Brandes ist noch unbekannt, derzeit prüft ein Sachverständiger der Kriminalabteilung.

Bis heute ungeklärt ist der Brand der beiden Mopeds, der einen Anrainer im 2. Stock nachts aus dem Bett geholt hat. Foto: Dominik Kutschera
Bis heute ungeklärt ist der Brand der beiden Mopeds, der einen Anrainer im 2. Stock nachts aus dem Bett geholt hat. Foto: Dominik Kutschera

Sicherheitscheck im Volksgarten
23:30 Uhr. Volksgarten.  „Drei jüngere alkoholisierte Personen wurden im Volksgarten aufgegriffen. Wir benötigen noch zwei weitere Streifenwagen. Wir nehmen sie mit aufs Revier“, tönt es aus dem Funkgerät von Chefinspektor Werner Schenk, der gerade wieder in einem Zivilfahrzeug durch den Bezirk Lend unterwegs ist. Es ist keine Zeit zu verlieren, Werner Schenk – ATV würde „Chefinspektor Werner“ sagen – drückt auf´s Gaspedal. Unsere Körper drückt es in die Sitze und wir rasen Richtung Park.

Als wir im Park ankommen, sind bereits zwei weitere Streifen vor Ort und durchsuchen drei verdächtige Personen. „Sie haben Whiskey getrunken und Lärm gemacht. Wir nehmen sie mit auf die Dienststelle“, erklärt ein Polizist dem Chefinspektor. Die drei alkoholisierten Personen müssen mit auf die Polizeiinspektion und werden dort befragt. Besonders aufällig: Einer der drei Ruhestörer trägt ein Smartphone bei sich, das genau der Beschreibungen eines zur Anzeige gebrachten und vermissten Smartphones entspricht. „Ich hab‘ Rechnung dafür. In meiner Wohnung“ , rechtfertgt sich der junge Mann aus Afghanistan. Die Polizisten wollen sich davon selbst überzeugen und begleiteten den Mann in seine Wohnung. Rechnung finden sie dort keine, aber auch keine weiteren belastenden Hinweise. Daher werden die drei Männer auch nicht weiter befragt und verlassen, gegen Mitternacht, die Dienststelle. 

Eine lange Nacht geht zu Ende
00:30 Uhr. Quer durch den Lend. Die letzten Stunden verbringen Schenk und seine Kollegen noch mit einer Zivilausfahrt und einer weiteren Verkehrskontrolle. „Man kann behaupten, dass diese Nacht nicht besonders auffällig, sogar eher ruhig war. Im Winter ist dies oftmals so“, sagte der Chefinspektor. Auf die Frage, ob die neue Lichttechnik im Volksgarten Früchte trägt, antwortete er: „Es ist noch zu früh, um Resümee zu ziehen. Ich kann mir vorstellen, dass sich Schwerpunkte verlagern, aber Probleme im Volksgarten wird es wohl oder übel weiterhin geben.“

Nachtrag: Eine Stunde, nachdem die Annenpost Chefinspektor Werner verlassen hat, wurde ein Einbruch in mehrere Fahrzeuge  gemeldet. Die Polizei war erfolgreich und nahm fünf Männer vorläufig fest, die gerade dabei waren, Autos in einem Siedlungsgebiet aufzubrechen. Die fünf Männer sind der Polizei großteils bekannt, einige sind bereits vorbestraft. Nun folgt – so Schenk am Telefon – mit hoher Wahrscheinlichkeit „für mindestens einen der Beschuldigten eine unbedingte Freiheitsstrafe.“

Das neue Beleuchtungskonzept: Je lauter es im Volksgarten wird, desto heller wird die Beleuchtung. Ebenso kann die Polizei per App-Steuerung die Lichtstärke regulieren. Foto: Dominik Kutschera
Das neue Beleuchtungskonzept: Je lauter es im Volksgarten wird, desto heller wird die Beleuchtung. Ebenso kann die Polizei per App-Steuerung die Lichtstärke regulieren. Foto: Dominik Kutschera

Stolzer Gleisdorfer. 22 Jahre jung. Interessiert an Politik, Wirtschaft und Randsportarten. Isst gerne und viel.

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