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„Das wird hier nie Geidorf sein“

in VIERTEL(ER)LEBEN von
Seit acht Jahren wohnt der Künstler Christian Rieger nun schon in der Griesgasse. Sein Künstlername ILA steht für sein Mantra „I love all“. Mit derselben Offenheit stellt er der Annenpost unverblümt sein Grätzl vor.

Von seinem Balkon erlebt ILA die Griesgasse hautnah. Foto: Clemens Istel
Ein Blick in die Seele des Viertels. Foto: Clemens Istel

Eine Zeit lang lebte ILA in einer Favela in Rio de Janeiro. In San Francisco hat er beobachtet, wie Obdachlose die Stadt nachts zu einer Parallelwelt machen. Derzeit arbeitet er an einer Installation für den steirischen herbst. Und vergangenen Samstag war sein Balkon eine der vielen Bühnen beim Grieskram. Ziel des groß angelegten Nachbarschaftsfestes war, den vielen Neugierigen die schönen Seiten des Gries vorzustellen. Offene Hinterhöfe, kulinarische Finessen aus aller Herren und Frauen Länder und Musik an jeder Straßenecke. Für einen Tag hat das Viertel gefeiert. DJ-Pult und Boxen sind inzwischen wieder von ILAs Balkon verschwunden. Die Musiker, Künstler und Akrobaten auf den Straßen ebenfalls. Bühnen, Bierbänke und Tische sind wieder abgebaut. Die Morgensonne scheint an diesem Sonntagvormittag in die beinahe menschenleere Griesgasse. Der Alltag ist zurück.

Annenpost: Du lebst jetzt schon eine lange Zeit im Gries. Wie hat dich das Viertel beeinflusst?

Christian „ILA“ Rieger: Aktuell frage ich mich massiv, ob ich das eigentlich noch will. Erst vor kurzem bin ich mitten in einen Streit geraten, den ich dann mit dem Auto getrennt habe. Da gab es einen Messerstich und einen Schlag auf den Kopf. Drei Jungs, zu zweit auf einen. Der ist gar nicht mehr aufgewacht, bis der Notarzt da war. Ich habe einen direkten Blick auf die Gasse. Teilweise beobachte ich Konstellationen mit unglaublich arger Energie. Das hat mich, wie es die Umgebung eben immer tut, massiv beeindruckt.

Wie bist du hier hergekommen?

ILA: Per Zufall. Ich habe Fläche gebraucht, die Wohnung gesehen und erfahren, dass sie frei war. Das ist Substandard, ich heize mit Holz. Davor hatte ich ein Haus am Reinerkogel. Das war das genaue Gegenteil. Die Bürgerlichkeiten und Streitigkeiten der Leute dort habe ich als unglaublich anstrengend empfunden. Ich war sehr froh, in eine Form von kleiner Anonymität, die das Viertel hier ja letztendlich auch hat, zu kommen. Auch weil es günstig war. Ich schätze die lokalen Möglichkeiten. Zum Beispiel beim Türken einzukaufen.

Das heißt, du lebst sehr gerne im Gries.

ILA: Naja, es ist ja nichts nur „gerne“. Das ist Teil meiner Erkenntnislage. Wir versuchen ständig, deterministisch „entweder-oder“ zu definieren. Ich kann auf keinen Fall sagen, ich lebe hier sehr gerne. Andererseits wäre ich sonst nicht mehr da. Aber ich beobachte eine Veränderung, gerade im letzten Jahr massiv. Die allgemeine Zunahme von Angst wirkt sich an solchen Schnittpunkten verstärkt aus. Ich verspüre eine permanente Weigerung in der Nebenstraße, an der Mur, zu parken. Gezählte zehn Außenspiegel wurden an meinem VW Bus hier bereits demoliert.

Was macht den Gries für dich im Positiven aus?

ILA: Eigentlich ist das traurig, aber hier entsteht ein Freiraum in einer Gesellschaft, die sich sonst überreglementiert. Die Polizei interessiert sich aufgrund der gravierenderen Vorfälle nicht für einen Fahrradfahrer, der keine Beleuchtung hat. Aus meiner Sicht ist das eine Qualität, diese Enge der bürgerlichen Überwachung stresst. Auf der anderen Seite kann ich mir nicht vorstellen, dass meine Tochter vom Kunsthaus am Abend alleine hergeht. Ich hole sie immer ab, weil ich ein Mädchen mit 16 Jahren zu bestimmten Zeiten hier nicht herumlaufen lassen will. Das mag aber auch meine väterliche Projektion sein.

Du erlebst also auch die Schattenseiten des Viertels mit?

ILA: Gesehen habe ich schon genug. Gleichzeitig erlebe ich im Moment begeisterte, motivierte Sponsoren mit irgendwelchen Fördertöpfen und verklärtem Gentrifizierungsprogramm. Das Viertel ist ein wunderbares Vorstadtbarockensemble. Ich kenne die Geschichte, ich schätze die Häuser, ich schätze die Qualität. Ich habe eine Wohnung mit Platz, die würde in anderen Vierteln ein Vielfaches kosten. In diesem Sowohl-als-auch gibt es beide Aspekte.

Ein Experiment des Grieskram: Die autofreie Griesgasse. Foto: Clemens Istel
Ein Experiment des Grieskram: Die autofreie Griesgasse. Foto: Clemens Istel

Braucht der Gries mehr Aufmerksamkeit? Braucht er Imagepflege?

ILA: Ich habe mich seinerzeit an Stadträtin Lisa Rücker gewandt, und initiiert, dass die Putzfrequenzen erhöht wurden. Es war unglaublich, wie es nach den Partys am Freitag ausgeschaut hat. Da schmeißt jeder einfach alles weg. Das ist eine Form von Hilfe für eine Zone, von der man weiß, dass sie so funktioniert. Wenn man die verstärkt reinigt, bekommt das gleich ein anderes Bild. Auch der Grieskram ist super. Es würde ja keinen Sinn machen, ein Viertel mit so einer spannenden Geschichte sich selbst zu überlassen. Aber das ist auch wieder das Zweischneidige, von wegen Gentrifizierung. Unterm Strich ist es so, dass die Immobilienbesitzer das intensivste Interesse daran haben. Wie man solche Prozesse behutsam angeht, damit müssen sich dann Soziologen oder Architekten beschäftigen. Ich bin in eineinhalb Minuten am Hauptplatz und gleichzeitig in einer Wohnsituation, wo die meisten Bürger noch immer auf Grund medialer Berichterstattung fragen, ob ich keine Angst hätte. Viele würden nach den TV- und Zeitungsberichten nicht hierherkommen. Es gab ja tatsächlich Messerstechereien.

Merkst du im Gries ähnliche Tendenzen, wie sie der Lend in den vergangenen Jahren durchgemacht hat?

ILA: Ohne Zweifel. Das war auch beim Grieskram das Schöne, weil das wirklich die Leute getragen haben, die hier wohnen. Das sind gar nicht so wenige. Zum Beispiel die Cuntra oder der Rote Keil. Was interessanterweise noch fehlt, ist Klassegastronomie. Mit dem Dainadoo gibt es schon Strukturen, aber in der Griesgasse selbst nicht. Es wäre interessant, eine Mischung zu erzeugen.

Würdest du jetzt einem Kleinunternehmer raten, ein Lokal oder Geschäft hier aufzumachen?

ILA: Kommt darauf an was. Die Frequenz für Geschäfte ist nach wie vor nicht gegeben. Das führt eben zu Ateliers oder anderen Dingen, die nicht unbedingt Laufkundschaft brauchen. Durch die verankerte Sicht der Bürger kannst du dir hier bestimmte Ebenen nicht leisten, weil Kunden sehr ungern herkämen. Das ist ein automatischer Selektionsprozess, aus dem dann bestimmte Dinge entstehen. Derzeit profilieren sich viele Strukturen, etwa die Technische Universität oder auch die FH JOANNEUM, die etwas tun. Natürlich bewirkt das etwas. Später hängen sich das dann viele ans Jacket, als Retter für irgendwas. Man kann immer sehen, was man sehen will. Leute, die hier soziologisch oder in welcher Hinsicht auch immer arbeiten, blenden gerne aus, was ich aber schon meine zu sehen, und was auch die Polizei sieht. Durch die allgemeine Stimmung hat sich die Situation massiv verschlechtert. Damit meine ich die Vorfälle auf der Straße. Obwohl es parallel all diese anderen Elemente gibt. Man darf das nicht unterschätzen. Das ist ein Abbild des erhöhten Polarisationsdrucks, den es überall gibt. So wie das Erfreuliche zunimmt, nimmt auch das andere zu. Wo sollen, wenn man so will, „die Verlierer“ einer Gesellschaft, die so materialistisch funktioniert wie unsere, hin? Die leben letztendlich auch in solchen Gegenden. Und die sehen immer weniger glücklich aus. Das ist ein harter Mix aus Leid und Armut. Das ist nicht wegzuleugnen.

Bei der Diskussionsrunde am Grieskram wurde auch über die Identität des Gries gesprochen. Wird sich der „Charme“ des Viertels erhalten?

ILA: Ich hoffe wirklich, dass man das gar nicht ganz auslöschen kann. Das ist ja die Summe aller Frequenzen und Schwingungen, die sich akkumulieren. Da gehört die Synagoge genauso dazu, wie die Geschichte der Leute, die während des Kriegs aus meinem Wohnhaus deportiert wurden. Die Geschichte ist nun einmal da. Wenn ich an die Griesgasse denke, die jetzt dieses Image trägt, denke ich auch an Leute, die sich an eine Zeit erinnern, in der es hier jede Art von Gewerbe gegeben hat, Schlossereien zum Beispiel. Die haben nach und nach zugesperrt. Alles, was passiert, baut immer auf dem auf, was war. Das mischt sich mit dem Aktuellen. Die Bausubstanz fasziniert mich besonders  – diese Krümmung der Griesgasse an sich oder dieses Haus hier. Vorstadtbarocke Qualität. Diese Durchmischung, die hier entstanden ist, ist als Qualität zu sehen. Viele der Immobilien hier sind zum Beispiel im Besitz von türkischstämmigen Österreichern. Das wird hier nie Geidorf sein. Von der Stadt gilt es, hier ein gewisses Maß an Sicherheit herzustellen. Es gibt ein paar Gruppen, die ein hartes Spiel spielen. Ich habe in Rio in einer Favela gewohnt. Daher kenne ich das. Diese Gruppierungen suchen keine Schnittstelle zu anderen. Von ihnen geht aber keine Gefahr aus, sie regeln ihre Angelegenheiten unter sich. Vor einiger Zeit gab es in einer dieser Gruppierungen einen Toten. Da hat das Rathaus reagiert und diese Leute sind verschwunden. Dann kommt eine neue Gruppe, die den freien Raum übernimmt. Das sind Dinge, die man sieht, wenn man hier wohnt. Dinge, die an echte Großstädte mit ihren Themen erinnern. Dinge, die den Klischees der anderen Murseite entsprechen. Ich empfinde sie aber anders. Teile dieser Klischees sind tatsächlich existent, sind aber nicht gefährlich, weil sie keine Schnittstelle haben.

Thema am Grieskram: Das "Heute" und "Morgen" des Viertels. Foto: Clemens Istel
Thema am Grieskram: Das „Heute“ und „Morgen“ des Viertels. Foto: Clemens Istel

Über den Griesplatz selbst wird momentan wohl am meisten diskutiert. Tatjana Petrovic von der Cuntra hat während der Diskussion am Grieskram gesagt, es gibt eigentlich keinen Griesplatz. Die Merkmale für einen Platz fehlen. Was wünscht du dir als Radfahrer für eine Lösung?

ILA: Ich weiß, dass man von Seiten der Grünen seinerzeit ein Konzept ausgearbeitet hat. Seit Mario Eustacchio Stadtrat ist, hat man das aus rein politischen Gründen wieder umgeworfen. Für mich erstaunlich, dass man nicht zu einer „evidence-based“-Lösung findet, die für den Platz ideal ist. Es wundert mich, dass hier so ideologisch diskutiert wird. Man schiebt Probleme hierhin ab. So eine Art Ghettoidee. Hier soll der Verkehr stattfinden. Kein besonders intelligenter Umgang mit so einer historischen Gegend. Ich finde den Platz sehr schön. Ich finde auch, dass es sehr wohl ein Platz ist, nur einfach doof genützt. Die langen Busparkplätze braucht kein Mensch. Selbst der schlechteste Entwurf kann dort nur eine Verbesserung darstellen. Selbst wenn nur mehr Bäume gepflanzt werden, ist das gut. Die Systeme sind aber sehr träge.

In San Francisco hast du erlebt, was passiert, wenn zu viele Menschen über den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Eine Entwicklung, die auch auf den Gries und Graz zukommt?

ILA: Man sollte sich nichts vormachen. Die äußeren Parameter sind ein mächtiger Faktor. Wenn im Großen Verschlechterungen eintreten, etwa in der Versorgung oder der Solidarität des Sozialsystems, merkt man die Spannungen in einer Gesellschaft in bestimmten Gegenden immer besonders stark. Der Gries ist eine dieser Zonen. In den USA wird Solidarität schon nicht mehr so breit verstanden, dass sie alle einschließt. Politisch agieren wir derzeit in diese Richtung. Wir bauen Solidarität ab. Dadurch werden die Lebensumstände hier härter. Wer nichts mehr zu verlieren hat, macht, was er/sie will – wie der Junge, der meinen Spiegel demoliert hat. In seiner Situation kannst du ihm nicht einmal böse sein. Wir sollten uns aber schleunigst Gedanken machen, was es bedeutet, wenn wir Solidarität abbauen und dieses Raubtierartige „featuren“. Im Gries lassen sich Polarität und Solidarität in allem beobachten.

Wenn wir den Vergleich mit den USA anstellen, dann jammern wir hier auf hohem Niveau.

ILA: Auf höchstem Niveau. Deswegen haben die Leute ja auch Angst, weil der Zustand, bevor es kracht, der unangenehmste ist. Es ahnen bereits viele, dass der Wendepunkt schon hinter uns liegt und sich alles in eine andere Richtung bewegt. Der Kapitalismus tarnt das Ganze. Auch wenn das einer Verschwörungstheorie nahe kommt, aber ich beobachte, dass man den Revolutionsdruck niederhält, indem man dafür sorgt, dass es den Menschen nicht zu schlecht geht. Das alte Brot und Spiele-Ding. Das einzig Sichtbare ist das frustrierte Wählerverhalten.

Konkret im Gries, was passiert in den nächsten Jahren?

ILA: Die Tendenzen werden sich hier definitiv früher zeigen als in einem Villenviertel. Ich bin ja nicht nur hier unterwegs. Es gibt Welten, in denen sich das niemand vorstellen kann. Wir Menschen haben naturgemäß eine gewisse Trägheit und lieben die Stabilität als Illusion im ständigen Verändern. Ich habe mit syrischen Freunden gesprochen. Keiner konnte sich vorstellen, dass es in Syrien in diesem Ausmaß schief geht.

Was verstellt uns die Sicht?

ILA: Selbst ich, der das sieht, beruhige mich immer wieder und lebe normal weiter. Ich sage mir, das ist nur Paranoia. Unterm Strich bleibt für mich die Erkenntnis, ich kann nur meine eigenen Frequenzen bestimmen. Wobei derzeit auch allerorts eine gespannte Situationen herrscht. Ich sage nur ein paar Namen: Duterte, Erdogan, Kaczynski. Alles demokratisch unterstützt gewählte Personen, die aber alle narzisstisch-psychopathische Persönlichkeitszüge zeigen. Wir wählen extrem schräge Jungs als Häuptlinge. Diese Schwäche der Demokratie zeigt eine Verrohung der Menschen durch den Materialismus. Da ist so viel Angst im System, und so wenig Liebe im Sinne von Verstehen.

Egal ob beim Wandern in der Natur oder in den Untiefen des Internets, Clemens ist immer weltoffen. Reisen in alle Winkel der Erde steht ganz oben auf seiner To-Do-Liste.

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1 Comment

  1. Das bestätigt nur, was eh schon jeder Grazer weiß: Es ist und bleibt ein Drecksviertel, von dem sich jeder fernhält, der es sich finanziell leisten kann. Übrigens glaube ich sehr wohl, dass von diesen genannten „Gruppierungen“ eine Gefahr ausgeht. Das sind kriminelle Banden aus bestimmten Herkunftsländern, die sicher auch andere Straftaten begehen als „nur“ der Kampf gegen andere Banden.

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