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Neues Anerkennungsgesetz: Anerkennung soll einfacher werden

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Ein neues Anerkennungsgesetz für internationale Qualifikationen ist am 12. Juli österreichweit in Kraft getreten. Es soll MigrantInnen den Einstieg in die Arbeitswelt erleichtern. „inspire thinking“ unterstützt das Gesetz zudem mit einer Umfrage, die sich an Klein- und Mittelbetriebe richtet.

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Frauen mit akademischen Abschluss arbeiten als Reinigungskraft, Taxifahrer mit Wirtschaftsabschluss drehen nachts ihre Runden: Laut Daten der Statistik Austria für das Jahr 2014 arbeiteten 23 Prozent der Menschen, die nicht in Österreich geboren sind,  in  Jobs, für die sie sich überqualifiziert fühlen. Unter den gebürtigen ÖsterreicherInnen sind es zum Vergleich rund 8 Prozent. Die gemeinnützige Einrichtung inspire thinking will die Lage dieser Menschen verbessern und sucht nach Lösungen, wie Ausbildungen, die im Ausland abgeschlossen wurden, in Österreich leichter anerkannt werden können. Nicht zufällig hat sich inspire das Rondo am Marienplatz für sein Büro ausgesucht. Die Keplerstraße wimmelt nur so von Kebap-Buden, türkischen, afghanischen oder afrikanischen Greißlern. Ein paar Schritte vom Rondo entfernt befindet sich ein Flüchtlingsheim für unbegleitete Minderjährige. Der Zugang zum Arbeitsmarkt ist für eine erfolgreiche Integration wichtig und ebenso die Berufsausbildung, die viele ImmigrantInnen bereits im Ausland abgeschlossen haben. „Viele verlieren, was sie an Ausbildungen bereits haben, sobald sie über die Grenze kommen“, meint Edith Zitz von inspire thinking. Der Verein beschäftigt sich schon jahrelang mit internationalen Anerkennungen.

Neues Gesetz soll Arbeitsmarkt-Zugang erleichtern

Mitte Juli ist das neue Anerkennungsgesetz in Österreich in Kraft getreten. Manche Berufe sind reglementiert, das heißt nur mit anerkannter Ausbildung auszuüben. Um zum Beispiel als diplomierte Krankenschwester  in Österreich arbeiten zu können, muss die im Ausland absolvierte Ausbildung erst anerkannt werden. Zu reglementierten Berufen gehören in Österreich etwa auch solche wie FremdenführerIn, Lebens- und SozialberaterIn oder MasseurIn.
Die Neuerungen im Gesetz sehen unter anderem vor, dass Menschen mit einer abgeschlossenen Ausbildung im Ausland Anspruch auf ein solches Anerkennungs- und Bewertungsverfahren haben. Die Anerkennung soll nun mittels Online-Portal einfacher werden. Auch für Asylberechtigte und subsidiär Schutzberechtigte –  also Menschen, deren Asylantrag abgelehnt wurde, die aber trotzdem Schutz vor Abschiebung benötigen – soll die Anerkennung nun zugänglich sein. Wenn sie Dokumente wie Abschlusszeugnisse ihrer Berufsausbildung auf der Flucht verloren haben, sollen die zuständigen Stellen durch praktische Tests und berufsspezifischen Aufgaben herausfinden, in welchem Ausbildungsstatus sich der/die AntragstellerIn befindet. Was bleibt, sind die Kosten, die nicht selten eine Hürde darstellen. Bundesstempel, Verwaltungskosten Beilagegebühren können bis zu 160 Euro ausmachen. Die zuständigen Behörden für Anerkennung variieren je nach Berufsfeld, jedoch gibt es landesweite Anlaufstellen, die über die Standorte informieren.
Auch nach langwierigen Anerkennungsverfahren fehle es den Betrieben, dennoch oft an Wissen, wie sie diese nun verwerten können, so Edith Zitz.

Brain-waste wegen komplizierten Systems

Damit MigrantInnen im Arbeitsmarkt erfolgreich integriert werden können, braucht es aber die ArbeitgeberInnen. Darum will das Team von inspire thinking mit ihrem Projekt „Anerkannt!“ von Klein- und Mittelbetrieben (KMUs) via Online-Umfrage wissen, was diese Betriebe mit maximal 250 Angestellten brauchen, um leichter mit internationalen Qualifikationen von MigrantInnen umgehen zu können. Dass Betriebe zögern, ausgebildete MigrantInnen anzustellen, liege meistens daran, dass das Anerkennungssystem für Betriebe selbst unverständlich sei, meint Edith Zitz. Sie ist eine von zwei Fachleuten aus dem Bildungsbereich im Team. Zusammen mit einer Juristin und einem Soziologen arbeitet sie seit drei Monaten an einer Umfrage. Finanziert wird das Projekt vom Integrationsministerium BMEIA und dem Integrationsreferat der Stadt Graz.

Edith Zitz von inspire-thinking
„Literatur oder vergleichbare Studien sind kaum da“, so Editz Zitz zu ihrer Umfrage.

Laut Edith Zitz seien KMUs weit weniger darüber informiert, wie sie internationale Ausbildungen
anerkennen können als transnationale Großunternehmen. „Wegen der komplexen Anerkennungssysteme ist es oft einfach leichter, jemanden aus dem Inland anzustellen“, so Edith Zitz. Schon allein die verschiedenen Arten der Anerkennung (Nostrifikation, Nostrifizierung und Gleichhaltung), die alle verschiedene Anerkennungverfahren benötigen, stellen für viele Betriebe eine Hürde dar. Ein unglaublicher „brain-waste“ finde hier statt, der hauptsächlich auf strukturelle Barrieren zurückzuführen sei, meint Edith Zitz dazu.

 

Keine Musterfragen zum Vergleich

Baris Koc, der Soziologe im Team von inspire thinking
Die online Umfrage ohne Fachbegriffe zu gestalten sei nicht einfach, so Koç

Baris Koç ist der Soziologe im Team und zuständig für die Aufstellung des Fragebogens. Er fragt etwa ab, welche Erfahrungen Betriebe mit MigrantInnen bereits gemacht haben, wie sie davon  profitiert haben und wo es Schwierigkeiten gegeben hat. Maximal 25 Fragen kommen auf Betriebe zu. Viele Filterfragen grenzen den Multiple-Choice-Fragenkatalog ein. „Eine besonders heikle Frage war die, in der wir die These abfragen, dass Qualifikationen aus südlichen Länder, Asien oder dem Balkan intuitiv als weniger wert betrachtet werden“, erzählt Baris Koç . Diese wird in der Online-Umfrage mit einer Skala für persönliche Einstellung zu beantworten sein und zeigt, dass die Bewertung der Berufsausbildung auch mit Intuition und Vertrauen in das Herkunftsland zusammenhängt.

Fachlich arbeitet inspire thinking hier mit der Wirtschaftskammer (WKO) und dem Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB) zusammen, die immer wieder rückmelden, was für Betriebe wichtig sei. „Es kam immer das Feedback, dass die Fragen so einfach wie möglich gestaltet sein sollen“, meint Baris Koç . Im Gegensatz zu transnational geführten Großbetrieben, hätten KMUs keine eigenen Personalabteilungen, die sich intensiver damit beschäftigen könnten. Darum muss die Umfrage einfach und für Betriebe leicht verständlich sein. Die Schwierigkeiten dabei seien, dass es keine vergleichbaren Studien und somit keine Musterfragen in dem Bereich gebe. 4000 bis 5000 Unternehmen sollen mit Start in der dritten Septemberwoche befragt werden, wovon das Team sich 10-15-prozentige Teilnahme erhofft, um repräsentative Ergebnisse liefern zu können.

Erfolg setzt Teilnahme voraus

Was die Online-Umfrage im Endeffekt am Arbeitsmarkt verändern kann, ist wohl noch unsicher, immerhin müssen die KMUs, die inspire thinking direkt per Mail zur Befragung einlädt, auch teilnehmen. Die Ergebnisse sollen nach der Auswertung öffentlich sein und in berufsspezifische Anerkennungsstellen eingeschleust werden. „Das Anerkennungssystem ist ein Dschungel und es ist unser Job, ihn begehbarer zu machen“, sagt Edith Zitz.

 

 

Ist kritische Optimistin mit unerschöpflicher Reiselust. Mag Veränderungen und Polaroids. Schreibt, liest, übt Yoga und fotografiert. Schätzt gutes Essen und zwar sehr!

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