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„So krass werden, wäre cool“

in LENDWIRBEL von
Yannick Steinkellner slammt sich mit seinen Texten durch ganz Graz und über Österreich hinaus. Wir haben den Poeten in der Lendwirbel-Woche zum Interview getroffen.

Yannick Steinkellner (rechts) mit Slam-Kollege Robin Reithmayr (links). Foto: Clemens Istel
Yannick Steinkellner (rechts) mit Slam-Kollege Robin Reithmayr (links). Foto: Clemens Istel

Noch bevor wir die erste Frage stellen, stößt ein Teil seiner „Slamily“, wie sich die Slam-Familie nennt, dazu. Robin Reithmayr, bekannt als Mriri, reiste aus Wien an, um mit seinem Freund und Slam-Kollegen Yannick am Abend im Lotte Literaturfenster zu performen. Ein Gespräch über die Slam-Bühnen, das Texten und wie es sich mit Volksschulkindern slammt.

Annenpost: Wie sieht es mit der Slam-Szene in Österreich aus?

Yannick Steinkellner: Die österreichische Slam-Szene ist eine gut vernetzte Szene mit einem Haufen Leute, die gerne auftreten. Man tauscht sich ständig aus. Es ist oft einmal ein Wiener oder Innsbrucker in Graz. Auch ich bin oft wo anders, auch in Deutschland. Die Szene war lange im Aufbau und in Graz haben wir, glaube ich, unser Veranstaltungsmaximum erreicht. Und jetzt gilt es, das zu halten. Wir haben ein sehr gutes Stammpublikum. Aber wir würden uns natürlich freuen, wenn wir es schaffen, auch Leute, die noch nie bei Slams waren, zu erreichen.

Wir möchten jetzt auch auf die Slam-Bühne. Können wir einfach beginnen oder gibt es ein zu spät, zu alt?

Yannick: Zu spät gibt es in dem Fall, wenn du deinen ersten Auftritt machen willst und du kommst zu knapp zum Slam-Beginn. Dann bist du zu spät und musst beim nächsten Mal wieder kommen. Aber Slam ist ein offenes Format: vom Volk fürs Volk. Mario Tomic hat einmal gesagt: „Poetry-Slam ist Podium für das Volk.“ Wer mitmachen will, kann mitmachen. Es gibt natürlich Veranstaltungen, bei denen es keine offene Liste gibt, aber das ist dann kein herkömmlicher Poetry-Slam.

Du bist ja steirisch-kärntnerischer Poetry-Slam-Landesmeister. Wo soll die Reise hingehen? Hast du konkrete Ziele?

Yannick Steinkellner gründete mit Mario Tomic den Verein PLuS Foto: Clemens Istel
Yannick Steinkellner gründete mit Mario Tomic den Verein PLuS Foto: Clemens Istel

Yannick: So ein Titel ist für mich nicht so spannend. Im Endeffekt ist er in der Szene relativ wurscht. In der Szene gibt es genau einen Titel, der die Leute interessiert. Das ist der deutschsprachige Meistertitel, und den zu gewinnen, wäre natürlich geil. Aber da fehlt halt ein bisschen was. Das sind dann wirklich krasse Leute, die das gewonnen haben. So krass werden, wäre natürlich cool.

Das ist also das Ziel.

Yannick: Ja, aber „The points are not the point, the point is the poetry” ist dieser ausgelutschte Satz. Es geht um das, was man macht und nicht, ob es erfolgreich ist. Der Wettbewerb ist für das Publikum und nicht für uns. Man freut sich natürlich, wenn man Zuspruch vom Publikum bekommt. Aber ich kann das auch machen, ohne dass ich die ganze Zeit gewinne. Das ist es nicht, was mich antreibt.

Wie ergeben sich deine Texte?

Yannick: Meistens habe ich eine Idee, die spinne ich dann im Kopf weiter. Und wenn sie interessant genug ist, fange ich an zu schreiben. Robin geht ganz anders auf Texte zu.

Robin Reithmayr: Man muss immer dazu sagen, dass es keine Formel gibt, wie du so einen Text schreibst. Es ist nicht so, dass du ein mathematisches Problem hast und du denkst jetzt „Daumen mal Pi und das ist jetzt mein Text“. Bei mir ist es immer so, dass ich einen Moment habe, in dem es auf einmal Klick macht. Das kann zum Beispiel unter der Dusche oder beim Kochen sein. Daraus entwickelt sich dann etwas.

Und wer sagt uns, ob unser Text gut oder schlecht ist? Alles eine Frage des Geschmacks?

Yannick: Das Bewerten macht das Publikum, bei ihnen löst es etwas aus. Ob das jetzt Abneigung oder Wohlgefühl ist – das ist unterschiedlich. Poetry-Slam ist vollkommen subjektiv und es ist vollkommen egal, ob das nach irgendeiner objektiven Richtlinie hohe Literatur ist oder nicht. Wenn das Publikum das scheiße findet, dann ist es scheiße. Und wenn das Publikum das gut findet, ist es gut.

Anfang April hast du mit Volksschulkindern geslammt. Können Kinder so etwas lernen?

Yannick: Wenn Kinder schreiben können, dann können Kinder schreiben. Es war sehr aufregend, weil es mein erster Volksschulkurs war. Es war direkt nach den Osterferien und die Kinder haben mir erzählt: „Ich habe das und das und das gemacht.“ Ich habe in die Runde gefragt, wen das interessiert hat. Die Kinder sagten: „Eigentlich war das voll langweilig.“ Dann habe ich gesagt: „Gut, dann erzählst du das nochmal und baust einfach so viele Lügen ein, bis es spannend ist.“
Am Schluss hatten wir Geschichten, die wir uns dann gegenseitig vorgetragen haben.
Den Poetry-Slam-Aspekt – Jurytafel, Publikumsbewertung – würde ich bei Volksschulkindern weglassen, weil wir eh schon eine Wettbewerbsgesellschaft sind. Das kommt eh noch auf die Kinder zu. Aber sonst funktioniert das teilweise besser als mit Älteren.

Gibt es eine bestimmte Altersgrenze, ab der man erst bei Poetry-Slams auftreten sollte?

Yannick: Es gibt keine Beschränkung, aber Sprechen sollte man können, Schreiben ist von Vorteil. Ich würde sagen, bei U-20-Bewerben ist es egal, wenn wer elf ist oder so. Aber ab dem Teenager-Alter wird es interessanter und ab 16 slammt man bei den Erwachsenen.

Robin: Kinder können aber wirklich geiles Zeug schreiben. Aber ich halte die Umgebung von einem Slam nicht wirklich für passend für ein Kind, weil das Kind selbst vieles von den Texten nicht versteht. Das Zielpublikum von einem typischen Slam-Text ist schon eher 17 aufwärts.

Wann habt ihr mit dem Texten angefangen?

Yannick: Robin und ich haben beide Anfang 2013 begonnen. Ich habe meinen ersten Auftritt in den Minoriten am 1.3.2013 gehabt. Und ich glaube, schon zwei Wochen später habe ich dann Robin in Wien getroffen.

Gebt ihr mit euren Texten auch viel Persönliches preis oder meidet ihr Privates?

Yannick: Es ist unterschiedlich. Ein Slam-Text funktioniert dann, wenn er authentisch ist. Wenn ich irgendwas mache, das nicht zu mir passt, dann wird es auch nicht gut ankommen. Aber der Zugang ist unterschiedlich. Ich schreibe Sachen, die teilweise persönlich sind und dann schreibe ich Sachen, die überhaupt nichts mit mir zu tun haben.

Robin: Es ist nicht so, dass beim Slam deine halbe Verwandtschaft im Publikum sitzt. Das heißt, für mich hat es ein bisschen den Charakter, dass ich auf die Bühne gehe und mich eh keine Sau privat kennt. Von daher kannst du jeden Scheiß machen.

Yannick: Voll, man kann jeden Scheiß machen. Mein moralischer Kompass ist: Wenn meine Mama im Publikum sitzen würde, muss es vertretbar sein für mich.

Robin: Hätte ich auf das geachtet, dann hätte die Hälfte meiner Texte nicht stattgefunden. Aber das Slammen hat oft mal was Therapierendes. Ich habe das schon erlebt, dass Leute auf die Bühne kommen und ihren Text vortragen, und du merkst: Da haben sie in den letzten paar Tagen ihre Seele reingesteckt.

[box] Am Freitag, 6. Mai, findet um 18.00 Uhr der Kombüsen-Slam am Mariahilferplatz statt.
„Wer mitmachen will, meldet sich eine halbe Stunde vor Beginn beim Moderator“, so Yannick über das offene Format.[/box]

Vertieft in die Medienwelt. Verrückt nach Musik. Mag Sprachen und Reisen. Bevorzugt Vegetarisches und liebt Kaffee.

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