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Die Bestatter der Grazer Fahrradleichen

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Kaputte und vergessene Räder wurden bis zum Vorjahr größtenteils recycelt und wiederverwertet. Nun hat sich die Stadt für eine neue Vorgangsweise entschieden: Die meisten Räder wandern jetzt nach kurzer Zwischenlagerung in die Schrottpresse.
Fahrradleichen finden sich immer wieder in der Grazer Innenstadt.
Fahrradleichen finden sich immer wieder in der Grazer Innenstadt.

„Ich habe den Namen Rebikel geträumt und mir in der Nacht Notizen gemacht, damit ich es nicht vergesse.“ Im hinteren Teil der kleinen Radwerkstatt in der Keplerstraße sitze ich einem Mann mit gelber Brille, angegrautem Haar und wachen Augen gegenüber. Wir haben auf einfachen Sesseln inmitten von Schrauben und Fahrradreifen Platz genommen. Sogar um den Hals hat er sich ein paar Stahlfelgen gelegt – ein Anblick, der in Erinnerung bleibt, doch ihm scheint es nicht einmal aufzufallen. Ich spreche mit Hans Pauer, dem Gründer des Vereins Rebikel.

2004 übernahm der Verein Rebikel das Einsammeln und Entsorgen der „Fahrradleichen“ in Graz. Damit sind Räder gemeint, die nicht mehr verkehrstüchtig sind, denen beispielsweise ein Sattel fehlt, oder die einfach vergessen wurden und nun vor sich hin rosten und so Stellplätze blockieren. Helmut Spinka zufolge, Radverkehrsbeauftragter der Stadt Graz, übernahm diese Aufgabe danach die Firma pro mente steiermark und seit vergangenem Jahr nimmt sich wieder die Abschleppfirma Wuthe der vergessenen Drahtesel an. Genau wie vor zwölf Jahren, bevor sie diese Aufgabe an Hans Pauer abtrat.

Der Architekt kann sich eine unökologische Lebensweise heute nicht mehr vorstellen.
Der Architekt kann sich eine unökologische Lebensweise heute nicht mehr vorstellen.

In seiner Werkstatt erzählt Hans Pauer, dass er den Verein Rebikel 2004 gegründet hat, mehr aufgrund eines Zufalls als aus lebenslanger ökologischer Überzeugung. „Ich war eigentlich ein Autofreak und bin vor jede Haustür mit dem Auto gefahren“, sagt Pauer. Zufällig landete er in einem Künstlerprojekt, das Leihräder herstellte, welche vom Kunstverein Rotor verkauft wurden. Die Nachfrage nach recycelten Rädern stieg und so kam das Rad für den Architekten Pauer ins Rollen. 2004 schloss er schließlich einen Vertrag mit dem Straßenamt ab, um Schrotträder einsammeln und weiterverwerten zu dürfen. Die Firma Wuthe erklärte sich damit einverstanden. Franz Wuthe begründet die damalige Entscheidung heute trocken: „Weil ich die Caritas bin.“

Im Gegensatz zur Firma Wuthe legte Rebikel sehr viel Wert auf die Weiterverwendung der abgeschleppten Räder. Laut Pauer wurde in den letzten Jahren kein einziges Rad einfach verschrottet. Ein Drittel aller bei der Straßensammlung abgeschleppten Räder habe sein Team wieder fahrtauglich gemacht und weiterverkauft, ein weiteres Drittel als Ersatzteillager genutzt und ausgeweidet. Der Rest der Räder sei möglichst kostengünstig in den Osten weitergeleitet worden, um dort Menschen mit billigen Transportmitteln zu versorgen. Die restaurierten Räder waren bei Rebikel um circa 50 oder 60 Prozent des ursprünglichen Verkaufspreises zu erwerben. Lukrativ sei das Geschäft nicht gewesen, gibt Pauer zu. Eher das Gegenteil sei der Fall. Manchmal wünsche er sich, den Traum von Rebikel nie gehabt zu haben. Doch andererseits kann er sich auch nicht von seiner Leidenschaft lösen: „Das ist mein Lebenswerk. Ich will auch, dass ich daran beteiligt bin, dass die Welt würdevoll zu Grunde geht.“

Im Jahr 2012 hätte durch eine Zusammenarbeit mit pro mente gemeinsam mit Rebikel ein neuer, gemeinsamer Trägerverein entstehen sollen. Aufgrund von internen Streitigkeiten kam es im Oktober 2013 jedoch zum Ausstieg Pauers. Das Abschleppen und Recycling der Fahrradleichen wurde von da an von re.use/pro mente übernommen. Auch dieser Verein legte Wert auf ein sozio-ökologisches Arbeitsmodell, konkret die Verbindung von umweltfreundlichem Arbeiten und die Beschäftigung von Personen mit psychischen oder psychosozialen Problemen.

Seit 2015 ist nun wieder die Firma Wuthe für die Entsorgung der Räder verantwortlich. Auch Franz Wuthe spricht von Recycling, meint damit aber vor allem Altmetallverwertung. Ein aufwendigeres Recycling ist für Wuthe wirtschaftlich nicht tragbar. Am Telefon erklärt er eindringlich: „Und wissen Sie, warum ich gerade selber in der Firma bin? Aus Kostengründen.“

Potentielle Fahrradleichen werden mit einer Schleife gekennzeichnet. Kümmert sich weiterhin niemand um das Rad, wird es abgeschleppt.
Potentielle Fahrradleichen werden mit einer Schleife gekennzeichnet. Kümmert sich weiterhin niemand um das Rad, wird es abgeschleppt.

Gründe für die erneute Zusammenarbeit des Straßenamts mit der Firma Wuthe sind schwer zu finden. Neben den Kostengründen, die Wuthe nennt, verweist Bernd Kovacic vom Grazer Straßenamt darauf, dass es auch darum gehe, eine Behörde die Abschleppungen organisieren zu lassen. So soll es zu möglichst wenigen Streitigkeiten kommen, was die Definition einer Fahrradleiche und deren Abschleppung betrifft. Konkretere Gründe, warum die Zusammenarbeit mit re.use gekündigt wurde, kann er nicht nennen. Am Griesplatz habe die Zusammenarbeit mit Wuthe laut Kovacic aber schon Früchte getragen. „Der Griesplatz war schon ein bisschen ein Brandherd“, meint er, da dort auffallend viele Fahrradleichen beseitigt werden mussten. Mittlerweile habe man das aber gut in den Griff bekommen.

Die Radlobby ARGUS Steiermark bedauert den Wechsel in der Schrottradentsorgung, da so auf ein ökologisch sinnvolles System verzichtet wird: „Wir geben einer Wiederverwertung von brauchbaren Rädern bzw. Bestandteilen gegenüber der Verschrottung natürlich den Vorzug und halten es für sinnvoll, wenn ein sozialökonomisches Fahrrad-Projekt (wie in der Vergangenheit) von der Stadt mit Entsorgung und Recycling beauftragt wird.“

Als sich mein Besuch bei Rebikel dem Ende zuneigt, frage ich noch nach, ob sich Pauer vorstellen könnte, künftig wieder das Einsammeln und Verwerten von Rosträdern zu übernehmen. Hans Pauers designierter Nachfolger, Raimund Blaser, bejaht dies, knüpft das aber an drei Voraussetzungen – dass es räumlich, personell und kostendeckend möglich wäre. Derzeit würden diese Bedingungen nicht erfüllt. Erstrebenswert wären beispielsweise Sonderregelungen und öffentliche Gelder, wenn Menschen mit Beeinträchtigungen im Rahmen eines sozio-ökonomischen Projekts beschäftigt werden.

lebensfrohe teilzeit-perfektionistin mit einer schwäche für nutella. lacht gerne und schätzt menschen, die dieses hobby mit ihr teilen. oft vor tasten anzutreffen, manchmal tippend manchmal klimpernd am klavier.

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