Das Roseggerhaus während seiner Blütezeit.
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Eine lange Tradition am Ende?

in KULTUR von
Das Roseggerhaus ist eines der bedeutendsten Gebäude der Annenstraße mit einer langen Geschichte. Seit dem Auszug des SEWA-Billigladens Ende Jänner stehen die traditionsreichen Geschäftsräume wieder leer.

Seit dem Bau hat sich das Gebäude kaum verändert - nur die Fassade im Erdgeschoss. Foto: K. A. Kubinzky
Seit dem Bau hat sich das Gebäude kaum verändert – nur die Fassade im Erdgeschoss. Foto: K. A. Kubinzky

„Wie lange sind Sie noch hier?“, fragt eine ältere Kundin den geschäftigen Angestellten hinter der Kasse. Rasch antwortet er, dass sie noch bis Freitag im Laden seien, dann hätten sie hier aber endgültig geschlossen. Wenige Tage später ist es soweit und im ersten und zweiten Stock des Roseggerhauses sind alle Spiegel, Textilien, Deko-Artikel und sonstiger „Krims-Krams“ aufgekauft. Nur etwa 70 Schritte weiter eröffnete SEWA am 27. Jänner seinen neuen Laden in der alten Crocs-Filiale. „Der Hauptgrund waren die geringeren Kosten“, meint die Filialleiterin Elisabeth Rumpl, die seit zwei Jahren für diesen Standort zuständig ist. Was mit den alten Geschäftsräumen passiert, weiß sie nicht. Aber das ist ohnehin nicht wichtig für sie, „ihr“ Laden läuft ein Stück näher an der Innenstadt genauso weiter wie der alte.

Traditionsreiche Geschichte und berühmte Gäste
Neben SEWA sind auch das Backwerk und eine Billafiliale im Roseggerhaus eingemietet. Über den Geschäftsräumen befinden sich Wohnungen und Büros, ebenso das der zuständigen Hausverwaltung. Wohnungen gab es in den oberen Stockwerken des ehrwürdigen Hauses schon immer, die BesitzerInnen und MieterInnen im Erdgeschoss und im ersten Stock wechselten aber regelmäßig. Begonnen hat die Geschichte des Roseggerhauses, nachdem das Vorgänger Gebäude – der Stadthof des Stifts Neuberg in Bruck-Mürzzuschlag – aufgelassen wurde und das Militär seine Soldaten einquartierte, um sie für Sammeltransporte an einem Ort zu haben. Karl Albrecht Kubinzky, Grazer Stadthistoriker und Geograph, erzählt die Geschichte des Hauses, als würde er sein Lebtag nichts anderes machen. „Das Gebäude hatte damals einen schlechten Ruf“, erklärt Kubinzky, warum die Offiziere damals nicht im selben Gebäude wie die einfachen Soldaten sondern im benachbarten Hotel übernachteten. Im unruhigen Jahr 1848, während der österreichischen Revolution, bekam die Hausecke des Gebäudes Mauern und Zinnen.

Ursprüngliches Gebäude mit Mauer und Zinnen an der Hausecke.
In dieser Form hatte das Gebäude bis 1913 Bestand. Foto: K. A. Kubinzky

1913 wurde dann anstelle des Militär-Gebäudes das Roseggerhaus in seiner heutigen Form errichtet. Kubinzky beschreibt es als einen sezessionistischen Monumentalbau, der den damaligen Vorstellungen von Modernität entsprach und mit seinem Repräsentationswert zur Urbanisierung der Annenstraße beitrug. Nicht nur die Fassade, auch das Innenleben des Gebäudes war recht dekorativ gestaltet. Möglicherweise könne man diese Verzierungen heute noch unter den nachträglich eingebauten Decken finden, meint Kubinzky, der behauptet, die größte Fotosammlung des Roseggerhauses in Graz zu besitzen.

Zu Beginn beherbergte das Roseggerhaus auf zwei Etagen das Café Rosegger, das damals einzige Café in Graz, das über zwei Stockwerke verteilt war. Ab dem Jahr 1918 wurden dort unter anderem Revuen und Shows aufgeführt, in denen laut Kubinzky auch der legendäre  Schauspieler und Kabarettist Karl Farkas auftrat. Im Nationalsozialismus wurde das Café umbenannt, erhielt eine Hitlerbüste und den Namen Rheingold verpasst, der bis zur Schließung des Cafés erhalten blieb. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurden im Café Kabaretts aufgeführt, ein wichtiger Nährboden für Gesellschaftskritik, die damals wieder möglich war. „Die Grazer waren begeistert darüber und haben nicht gewusst, dass die Texte eigentlich für ein Wiener Kabarett geschrieben und nur inhaltlich für Graz abgeändert wurden“, hat Kubinzky von Fritz Muliar erfahren, der damals selbst neben Sepp Trummer und Emmi Bergmann in dem Café aufgetreten ist. Nachdem dann noch längere Zeit ein Kaffeehaus in den Räumlichkeiten betrieben wurde, folgten das Autohaus Opel, das Elektronikgeschäft Quelle, Kleider Bauer und schließlich der SEWA.

Name „Roseggerhaus“ als Trostpreis
Im Jahr der Errichtung des Gebäudes erhielt der steirische Heimatdichter Peter Rosegger fast den Nopelpreis für Literatur – aber eben nur fast. Man vermutet, dass er ihn auf Grund seiner Deutschstümelei am  Ende nicht verliehen bekam. „Die Namensgebung war eine Art Trostpreis der Grazer Bevölkerung, weil ‚ihr‘ Peter den Preis nicht erhielt“, interpretiert Kubinzky. „Deshalb haben sie dieses dekorative Gebäude nach ihm benannt.“ Er glaubt aber, dass der Typus des Gebäudes, modern und großräumig, nicht unbedingt den Vorstellungen des Namenspatrons entsprochen hätten. Rosegger sei eher ein kleinräumig denkender und heimatverbundener Mensch gewesen.

Karl Albrecht Kubinzky in seinem Büro.
Karl Albrecht Kubinzky scheint jede Kleinigkeit über die Geschichte des Roseggerhauses zu wissen.

Der nächste Leerstand in der Annenstraße?
Der Besitzer des gesamten Gebäudes und somit Betreiber des Einkaufszentrums im Roseggerhaus, Gottfried Insam, scheint noch keine neuen MieterInnen für die Geschäftsräume gefunden zu haben. Kein Wunder bei der großen Fläche der Räume. „Auch SEWA hat seine Kubatur im alten Laden schon wesentlich verkleinert, nachdem er die Stockwerke nur mehr teilweise genutzt hat“, erklärt Kubinzky. Genauere Informationen über die zukünftige Planung wollte die zuständige Immobilienverwaltung Lesser – mit Sitz im Roseggerhaus – auf Anfrage nicht preisgeben.

Trägt das Herz auf der Zunge, Reden ist eine ihrer größten Leidenschaften. Die Exilkärntnerin verliebt sich jeden Tag aufs Neue in ihre aktuelle Heimatstadt. Von der Wanderlust getrieben, findet man die Perfektionistin jedoch regelmäßig auf "ihren" Kärntner Bergen und allen interessanten Orten dieser Welt.

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