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Es „spleent“ im Annenviertel

in KULTUR von
spleen*“, das internationale Theaterfestival für junges Publikum, treibt von 4. bis 8. Februar wieder sein Unwesen in Graz. Ungewöhnliche Orte werden zur Bühne und das Publikum wird zum Akteur.

Das Publikum sitzt am Klo und hört sich die Geschichten anderer an.
Das Publikum sitzt am Klo und hört sich die Geschichten anderer an.

Theater machen SchauspielerInnen und RegisseurInnen. Theater macht man auf der Bühne, also drinnen, und das Publikum schaut zu. All das gibt es alle zwei Jahre bei „spleen*“ zwar auch, aber der „spleen*trieb“, die junge Kunstschiene des Festivals hat dieses Jahr ein anderes Ziel. Das Festival feiert bereits sein 10- jähriges Jubiläum. Mit dem Thema „Rein oder raus?“ als Leitfaden beschäftigt sich der spleen*trieb mit strukturellen, räumlichen und individuellen Grenzen. Das Theater am Ortweinplatz (TaO!), das Mezzanin Theater, die Improgruppe allerDings, Poetry Slammer aus der Steiermark, das Bohemian Soul Team und weitere selbstständige KünstlerInnen gestalten insgesamt zehn verschiedene schauspielerische Aktionen im ganzen Annenviertel verteilt. Das Theater im Bahnhof bietet die Zentrale des Festivals, weitere Standorte sind das Haus der Architektur, das Bad zur Sonne, der Griesplatz, das Orpheum oder ganz einfach die Straßen des Viertels.

Theater auf engsten Raum
„Klogeschichten“ sind intim. In dieser 15 minütigen Inszenierung im Haus der Architektur aber keineswegs. allerDings lässt ihr Publikum am Klo sitzend die Gespräche der anderen WC-Besucher belauschen. Außer der Klotür gibt’s wenig zu sehen; einmal rollt ein Lippenstift unter der Klotür durch, einmal wischt der Mob einer Putzfrau vorbei. Zu hören aber sind Streitereien, verliebtes Knutschen, sogar Kotzgeräusche. Die Darstellung ist eine gemeinsam entwickelte Performance ohne RegisseurIn. „Wir haben uns gegenseitig zugehört und improvisiert, am Anfang war der Ort klar, dann kamen die Geschichten“, meint Dominik Jöbstl von allerDings.

Reiseziel Endlosigkeit
Szenenwechsel:  Von der engen Klokabine geht’s mit dem Raumschiff „Spleenacy“ raus ins All. An Bord gibt es eine Regel: Die Passagiere vertrauen den PerformerInnen des end.los.marsch“ wortwörtlich blind. Ausgerüstet mit spacigen Brillen, durch die man nichts durchsieht, und mit Plastikmänteln als Uniform beginnt nun die „Reise ohne Ende“. Alle Passagiere halten sich am Vordermann fest, als eine Gruppe bewegt sich das Publikum durch die Räume des Theater im Bahnhof. Die Performerin und Schauspielerin Viktoria Fux führt als Reiseleiterin durch die Inszenierung, die sie gemeinsam mit Philipp Streicher konzipiert hat. Sie sind eines der Künstlerkollektive, die am „spleen*trieb“ teilnehmen. Da das Publikum nichts sieht, wird die Geschichte hauptsächlich über die Musik erzählt. Drei Sängerknaben der Barmherzigen Kirche und die selbst komponierte Musik gestalten die Klangatmosphäre, die die Reise ins All leitet.
Obwohl kein Blickkontakt zwischen KünstlerInnen und Publikum entstehen kann, steht Interaktion im Zentrum: „Die Leute reagieren, auch wenn sie nichts sehen. Sie lachen, oder eben auch nicht. Ich find´s schön, sie durchzuführen und zu sehen, wie sie langsam in die Geschichte hineinfallen“, meint Viktoria.
Eigentlich sollte die Reise im öffentlichen Raum, in den Straßen des Annenviertels stattfinden, doch Komplikationen mit dem Straßenamt führten dazu, dass es nun im Theater im Bahnhof stattfindet.

Blindes Vertrauen: Die Reiseleiterin des Raumschiffs führt durch die Musikalische Reise ohne Ende.
Blindes Vertrauen: Die Reiseleiterin des Raumschiffs führt durch die musikalische Reise ohne Ende.

Die Fenster anderer Leute
Zurück vom Ausflug ins Universum findet man Theater auch in der heimeligen Wohnung. Während für das „spleen*“ Künstlergruppen, die sich mit Performances, Theater oder Tanz beschäftigen, aus Belgien, der Schweiz oder Deutschland anreisen, sind es beim „spleen*trieb“ die lokalen KünstlerInnen, die zu Wort kommen. Vom „TaO!“ selbst zeigt eine Jugendtheatergruppe mit ihrer Performance „Acht Fenster“, wie sie das Thema „Rein oder Raus?“ umsetzen. Sie bespielen die Fenster einer Wohnung und machen sie zu ihrer Bühne. Geheime Szenen aus der behaglichen Umgebung plötzlich ganz öffentlich zum Zuschauen: die Freundin mit Liebeskummer, der Streit des Pärchens und die Feierlaune der StudentInnen. Das Publikum steht auf der Straße und beobachtet die Fenster: jedes bietet ein eigenes kleines Schauspiel. Nicht nur zusehen kann das Publikum, sondern auch via Radioempfang und verschiedenen Sendern zwischen den Szenen wechseln und sie belauschen.
„Während unseres Projekts mussten wir versuchen, in die Wohnung fremder Leute zu kommen. Mit Wahrheit oder eben Lügen. Ich hab´s mit Lügen geschafft und hab mich als jemand anderes ausgegeben. Das war interessant. Nach meiner Erklärung, warum ich wirklich hier bin, hat die Bewohnerin gelacht „, erzählt Anselm Eitelbös, einer der jungen Schauspieler, von einem Experiment während der Proben. Zwischen 17 und 19 Jahre alt sind die Akteure, die teilweise schon sehr lange im TaO! aktiv sind. Sie beschäftigten sich intensiv mit der Frage, wo die Grenzen der Privatsphäre heutzutage liegen. In der eigenen Wohnung fühlt man sich sicher, doch mit ihrem Stück wollen sie zeigen, wie viel Einblick ins Private dennoch möglich ist. Durch den Blick ins Fenster oder über´s Internet.

Das Publikum steht auf der Straße. Via Radio kann man die verschiedenen Szenen in den Fenstern belauschen.
Das Publikum steht auf der Straße. Via Radio kann man die verschiedenen Szenen in den Fenstern belauschen.

Neben den genannten Produktionen gibt es noch weitere im Programm, die sich alle im Viertel ihre eigenen Bühnen bauen. Am Griesplatz findet sich zum Beispiel ein großer roter Knopf und nur wer ihn drückt, erfährt, was passiert. Mit der Performance „Lieber Nicht“ wird das Bad zur Sonne zur Spielstätte und bei „Dinner for One“ diniert man möglicherweise selbst mit.
Ein wenig Mut braucht man jedenfalls für diese Produktionen. Wer nur zusehen will, ist fehl am Platz.

[box] Info: Programm  spleen*trieb [/box]

Ist kritische Optimistin mit unerschöpflicher Reiselust. Mag Veränderungen und Polaroids. Schreibt, liest, übt Yoga und fotografiert. Schätzt gutes Essen und zwar sehr!

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