Lesezeit: 3 Minuten, 48 Sekunden

Mit Herz, Humor und hohen Hacken

in KULTUR von
Beim Ersten Grazer Drag Race traten fünf Kandidatinnen mit fulminanten Performances um den Einzug in das Finale der „Miss Tuntenball“-Wahl an. Die Annenpost hat sich ins Getümmel gestürzt. 
DSC_7092
Nach der Kür der Finalistinnen wurde bis in die frühen Morgenstunden gefeiert. Foto: Linda Puster

Bunte Lichtkegel wandern über den Boden der Grazer Postgarage. Von den Silhouetten der Partybesucher heben sich die Konturen großer Grazien auf hohen Schuhen ab. Pailletten, wilde Lockenperücken, hochhackige Plateauschuhe und jede Menge falscher Wimpern. Es ist Freitag, der 22. Jänner, und in wenigen Minuten beginnt das Erste Grazer Drag Race.

Kurz nach Mitternacht betritt Miss Alexandra Desmond die Bühne, um zum Auftakt der Party die letzten Tuntenballkarten zu verlosen. „Hallo Kinder!“, ruft sie und dreht sich mit wehendem Tüllrock im Kreis. „Die Tante hat abgenommen! Jetzt neu und verbessert mit Waldfruchtgeschmack!“

„Ich bin keine Drag Queen – Miss Desmond ist eine Kunstfigur. Eine Figur, die entwickelt wurde, um den Tuntenball nach außen zu repräsentieren und um sowas wie die Mama der Szene zu sein, die Mutti von allen“, erzählt Alex Desmond, die Person hinter der bekannten Miss. „Die Leute sollen das Gefühl haben, dass sie bei einer lieben Tante zu Besuch sind, die möchte, dass sich alle fürchterlich betrinken und Spaß haben.“

IMG_5422
Miss Desmond präsentiert die Tuntenball-Taschen von Tagwerk

Drag für einen guten Zweck    

Miss Desmond moderiert verschiedenste Veranstaltungen, singt live und spielt Theater – zuletzt in einer Produktion des Steirischen Herbst. Seit 2010 moderiert sie den Tuntenball und vertritt als Gastgeberin und „Gesicht des Balls“ den Verein der RosaLila PantherInnen, der die Veranstaltung ausrichtet. Alle Einnahmen aus Tuntenball und Drag Race kommen den „PantherInnen“ zu Gute. Die Organisation ist die Interessensvertretung andersliebender Menschen in der Steiermark und bietet diesen breit gefächerte Beratungs- und Vernetzungsmöglichkeiten. So gibt es beispielsweise eine Beratung für die Eltern homosexueller Kinder und Workshops zu Sexualität und Geschlechteridentität in Schulen. Auch die „Gayvengers“, eine Freizeitgruppe für schwule Männer, oder „L-Ways“, eine Lesbenwandergruppe, gehören zum Angebot der Organisation.

Unterstützt wird die Arbeit des Vereins mit Spenden und den Einnahmen aus den verschiedenen Veranstaltungen. „Der Tuntenball finanziert ein Jahr der Arbeit der RosaLila PantherInnen“, erklärt Roman Schneeberger, der künstlerische Leiter des Events. „Da der Life Ball heuer nicht stattfindet, ist der Tuntenball die größte schwul-lesbische Ballveranstaltung im deutschsprachigen Raum!“, meint er stolz. Ein Höhepunkt der Ballnacht ist die Wahl zur „Miss Tuntenball“, bei der die Kandidatinnen mit Drag-Performances gegeneinander antreten. „Die Miss Tuntenball repräsentiert den Verein und den Ball für ein ganzes Jahr – daher haben wir uns für eine Vorausscheidung entschlossen, bei der die Kandidatinnen auf Herz und Nieren geprüft werden“, erklärt Schneeberger. Dieser Vorentscheid findet nun erstmals als das „Grazer Drag Race“ statt. Vier der Teilnehmerinnen dürfen als Finalistinnen in die Wahl Ende Februar gehen.

Alle Kandidatinnen kommen aus Graz, wie Miss Desmond betont. Es gibt hier tatsächlich eine kleine, aber feine Drag-Szene. „In Graz ist eben alles sehr, sehr klein, aber man ist ambitioniert und gibt sich Mühe – das merkt man auch beim Drag Race, wo wirklich junge Leute kommen, die dieses alte Gewerbe des Darstellens von Frauen auf der Bühne neu interpretieren“, findet sie.

Inzwischen haben die Juroren des Abends auf der Bühne Platz genommen. Zwei der Punkterichterinnen sind selbst Drag Queens: Ornella De Bakel, ihres Zeichens als „Tuntenball-Patronesse“ Gastgeberin des Finales, und Samantha Gold, die amtierende Miss Tuntenball. Komplettiert wird die Jurorenriege von Thorsten Buhl, dem „Mister Leather Europe“, und, als Überraschungsgast, der Musikerin Jazz Gitti. Letztere fasst kurz und knapp zusammen, auf welche Eigenschaften sie Wert legt: „Singen soll’s können, und ganz deppert soll’s net sein!“

DSC_6833
Die amtierende Miss Tuntenball Samantha Gold legt besonderen Wert auf Glamour. Foto: Linda Puster

Kaugummi, Charleston und Barfußtanz

Den Anfang macht Erika Empire mit einer Tanzperformance in blauem Pailettenkleid und langem Kapuzenmantel. Ihr folgt Chantall Cavalli samt Kaugummi im Mund und eigenem Backgroundtänzer. Postwendende Kritik von Ornella De Bakel: „Eine Kaugummi-Performance geht gar nicht!“ Bubblegum Lecter, die ihr nachfolgt, singt als einzige Kandidatin selbst und nicht zu Playback: Ihre Version des Lieds „Fever“ wird von Jury und Publikum begeistert aufgenommen. Madame Fatalia Fatal Kajal tanzt Charleston und wirft dabei übermütig ihren Schirm ins Publikum, Aura Aurburn entledigt sich nach zwei Stürzen kurzerhand ihrer Schuhe und tanzt barfuß weiter. „Eine Drag Queen zieht sich ihre Schuhe erst aus, wenn sie zuhause ist!“, folgt auch hier ein kritischer Kommentar von Ornella De Bakel.

Nachdem alle Darbietungen vorbei sind, gibt es zweimal Punktegleichstand: auf dem zweiten und dritten und auf dem vierten und fünften Platz. Die drei erstplatzierten Damen – Erika Empire, Bubblegum Lecter und Madame Fatalia Fatal Kajal – dürfen in das Finale einziehen. Zwischen Chantall Cavalli und Aura Auburn kommt es zur Stichwahl – „Lip-sync for your life!“. Zu einem ihnen unbekannten Lied müssen sie zu zweit auf der Bühne performen – schließlich entscheidet Chantall Cavalli das Rennen für sich.

Zum Schluss erhebt sich Jazz Gitti von ihrem Platz am Jurorentisch, nimmt Miss Desmond das Mikrofon aus der Hand und ruft: „I moch des noamal net, oba i sing jetzt unplugged, olso hoits di Gosch’n!“ Dann stimmt sie ihr Lied „Sensation“ an. Abschließend meint sie: „Ich fühle mich in der Schwulen- und Lesben-Szene einfach wohl – da menschelt´s!“

DSC_7084
Jazz Gittis spontanes Ständchen wurde vom Publikum begeistert aufgenommen. Foto: Linda Puster

Miss Desmond erobert das Mikrofon zurück und ruft ins Publikum: „Öffnet die Herzen, herzt die Öffnungen – und habt noch einen schönen Abend!“

[box] Mehr Fotos findet ihr in der Facebookveranstaltung zum Drag Race! [box]

liebt alles mit punkten, knusperkeks-schokolade und die kunst von frida kahlo. redet viel, gern und laut. lacht noch lauter. zeichnet und schreibt aus leidenschaft.

Loading Facebook Comments ...

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

2 − eins =

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Das letzte von

Ganz schön oag!

Anfang Mai öffnete der Kulturverein oag seine Pforten am Grazer Lendplatz. Neben

Klänge der 20er Jahre

Nicht nur klassischer Jazz erfreut sich in Graz derzeit hoher Beliebtheit: Auch
Gehe zu Nach oben