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Glaube verbindet

in VIERTEL(ER)LEBEN von
Die Baptistengemeinde Graz setzt sich bereits seit zwölf Jahren für Flüchtlinge ein, die den christlichen Glauben in ihren Heimatländern oft nicht ausleben können. Diese Menschen finden in der Gemeinde Familienanschluss.

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Die Baptistengemeinde in der Idlhofgasse

Zehn Männer und zwei Frauen sitzen um einen großen Tisch, auf dem Kerzen brennen, die eine gemütliche Atmosphäre erzeugen. Jeden zweiten Mittwoch treffen sich diese Menschen zum Jungerwachsenentreff (JET). Die Stimmung ist locker – es wird herzlich gelacht. Diese Menschen bilden eine Gemeinschaft, die spürbar ist. Sie alle verbindet eines – sie haben ihre Heimat hinter sich gelassen und versuchen, in Österreich ein neues Leben aufzubauen. In der Idlhofgasse haben sie einen Zufluchtsort gefunden, an dem sie sich austauschen, über ihre Probleme diskutieren und Fragen stellen können.

Schwerpunkt Flüchtlingsarbeit
Die Baptistengemeinde ist mit 55 Mitgliedern relativ klein. Dass sie Flüchtlingen mit allen möglichen Mitteln hilft, ist für die Gemeinde jedoch selbstverständlich. Der Anteil an Flüchtlingen ist mit einem Drittel auch dementsprechend hoch. Diese Menschen kommen fast ausschließlich aus dem Iran und Afghanistan. „Diese zwei Länder haben sich einfach so ergeben“, meint Pastor Bruno Gasper. Die muslimischen Flüchtlinge sind laut Gasper oft islamkritisch eingestellt und suchen „nach dem Ursprung“. Sie sind offen für das Christentum und erkennen auch Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Religionen.

In ihren Heimatländern haben sie nicht die Wahl, an wen oder was sie glauben. Im Iran und in Afghanistan droht bei Apostasie – dem Abfall vom Islam – lebenslange Haft oder die Todesstrafe. Gasper erzählt, dass sich ChristInnen deshalb in Untergrundkirchen oder kleinen Zirkeln und Hauskreisen treffen. Diese geheimen Treffen sind gefährlich, da die Möglichkeit besteht, dass Spitzel unter den ChristInnen sind. Um dieser Gefahr zu entkommen, flüchten viele IranerInnen und AfghanInnen nach Europa, um ihren Glauben frei ausleben zu können. „Christen sind die größte Religionsgemeinschaft und auch die, die am meisten verfolgt wird – das kriegen wir hier gar nicht mit“, betont Bruno Gasper.

Die Baptistengemeinde im Annenviertel ist laut dem Pastor die Freikirche in Graz, die am intensivsten mit Flüchtlingen arbeitet. Dieses Engagement resultiert aber nicht aus der derzeitigen Fluchtbewegung, sondern ist bereits 2003 entstanden, als der erste afghanische Asylwerber die freikirchliche Gemeinde besuchte. Seitdem hilft die Baptistengemeinde AsylwerberInnen bei alltäglichen Fragen, der Suche nach Schulen und Ausbildungsplätzen und begleitet sie bei Amtswegen. Aber das Wichtigste, das die Freikirche den Flüchtlingen bietet, ist Familienanschluss in der Gemeinde.

Gemütliches Beisammensein mit Tee und Farsi-Bibeln
Alle zwei Wochen findet mittwochabends in der Baptistengemeinde der Jungerwachsenentreff (JET) statt. Farsi-sprachige Flüchtlinge kommen zusammen und lesen aus der Bibel, singen christliche Lieder und sprechen über Alltägliches. Um eine Brücke zwischen Farsi und Deutsch zu bauen, fungiert Alex, ein Iraner, der bereits vier Jahre in Österreich ist und seit sieben Monaten seinen positiven Asylbescheid hat, als Übersetzer. Er betont, dass Integration nur durch Sprache möglich ist und zitiert dabei Sebastian Kurz – „Ich nenne ihn immer Sebastian“. Alex ist nicht nur Dolmetscher beim JET, sondern bietet auch einen Deutschkurs in der Baptistengemeinde an.

Diesen Mittwoch findet der letzte JET in diesem Jahr statt. Eine Frau meldet sich, um aus der Bibel auf Farsi vorzulesen. Danach spricht Pastor Bruno Gasper mit den Flüchtlingen über die Bibelstelle und sie singen gemeinsam lautstark das Vater unser. In den JETs werden auch immer die Probleme und Sorgen der Gemeindemitglieder angesprochen. So auch diesen Mittwoch. Ein Gemeindemitglied wurde von einem Beauftragten des Bundesministeriums für Asyl über drei Stunden interviewt. Der Pastor betont, wie wichtig es ist, sich für diese Interviews nicht nur gut vorzubereiten, sondern auch Gottvertrauen zu haben und zu beten. Das betroffene Gemeindemitglied ist zuversichtlich:

„Ich warte auf mein Positiv oder Negativ – aber ich weiß, mein Positiv kommt.“

Die JET-Runde
Die JET-Runde

Der Pastor spricht auch die Taufe an. Alle Flüchtlinge, die schon ein Jahr in der Gemeinde sind, können sich nach absolviertem Taufseminar taufen lassen. Diese „Kennenlernphase“ gibt es laut Gasper deshalb, weil es schon Fälle gab, dass sich Flüchtlinge taufen ließen, „um hier in Österreich eine bessere Chance zu haben, um anzukommen.“ Dass die Flüchtlinge aus Überzeugung zum christlichen Glauben konvertieren wird aber sehr begrüßt:

„Wir helfen gerne und erzählen auch gerne über unseren Glauben – das ist typisch für Freikirchen, das Missionarische“.

Das schließt jedoch nicht aus, dass auch MuslimInnen geholfen wird.

Wie neugeboren
Hadi ist seit einem Jahr in Österreich. Er hat von seiner Tante, die als Christin in Deutschland wohnt, vom Christentum gehört, den Glauben aber erst in der Gemeinde in Graz erfahren, da es in seinem Heimatland keine Möglichkeit dazu gab. Hadi war Kameramann im Iran und ist mit einem Schlepper nach Armenien gekommen. Sein Ziel war Deutschland, gelandet ist er in Österreich. Das Hemd mit der Deutschlandflagge am linken Arm, dass er an diesem Abend trägt, ist wie ein Sinnbild für sein ursprüngliches Ziel. Er erzählt, dass er manchmal Hass verspürt, wenn er an den Iran denkt, der kein freies Land ist: „Manchmal denke ich, ich muss aufstehen und etwas dagegen machen und bin enttäuscht, dass ich nichts machen kann.“

Für Hadi ist das Heimweh schwer zu ertragen: „Das schlechte Gefühl bleibt ewig, trotz gutem Gefühl von Freiheit, das ich hier habe.“ Hadi erzählt auch vom schwierigen Neuanfang:

„Es ist schwer, als 35-Jähriger von Null anzufangen – Kultur neu, Sprache neu, Menschen um mich herum neu, das ist nicht nachzuempfinden – ich bin neugeboren hier.“

Alex übersetzt aus dem Farsi und erklärt, was Hadi damit meint und betont damit die Unmündigkeit von Flüchtlingen: Das Gefühl als Flüchtling ist wie ein Kind – „außer, dass ich essen, Klo gehen, Einkaufen gehen und duschen kann.“

Mittlerweile fühlt sich Hadi in Österreich wohl: „Ich habe Kontakt mit Menschen, die in christlicher Liebe aufgewachsen sind und ich fühle hier Menschenrechte.“ Hadi betont, dass man lange braucht, bis man an diesem Punkt ist:

„Hinter mir ist keine Brücke, manchmal bin ich enttäuscht, manchmal ermutigt – aber ich laufe in eine Zukunft.“

Schon von klein auf davon überzeugt, dass sie auch übers Wasser gehen kann, wenn sie nur will. Sieht alles sehr realistisch und findet Entspannung bei Kochsendungen und Backen.

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