Lesezeit: 4 Minuten, 2 Sekunden

Gesundheit hat Bleiberecht

in Allgemein von
Gerald Ressi ist seit beinahe 15 Jahren in der Sozialpsychiatrie tätig. Der Facharzt für Neurologie und Psychiatrie kann zwar keine Tabletten für ein positives Asylverfahren verschreiben, erzählt der Annenpost allerdings, wie er Menschen dabei unterstützt, ihre Vergangenheit zu bewältigen.
Psychiater Gerald Ressi besucht Asylquartiere und Notschlafstellen und betreut Personen mit besonderen psychischen Bedürfnissen.
Psychiater Gerald Ressi besucht Asylquartiere und Notschlafstellen und betreut Personen mit besonderen psychischen Bedürfnissen.

Sie arbeiten bei Omega, im Ressidorf, in der Karlau und der Marienambulanz mit Menschen, die an psychischen Krankheiten, Kriegstraumata oder einer Suchtkrankheit leiden. Was fällt unter Ihren Aufgabenbereich?

Ich behandle die Umgebung dieser Menschen. Viele Patienten reden den ganzen Tag Unsinn, sind jedoch nicht gefährlich. Darauf müssen die anderen Rücksicht nehmen. Das passiert in Form von Einzelgesprächen mit Bewohnern und Betreuern. Oft handelt es sich um eine Hilfestellung während des Wartens auf eine Behandlung, die nur in einer Krise passiert. Solange der Klient keinen anderen oder sich selbst gefährdet, gibt es keine Zwangsbehandlung. Bis jetzt war noch niemand böse, als wir ihn ins Spital gebracht haben.

Sie behandeln auch Flüchtlinge mit Kriegstraumata. Wie bewältigen jene Menschen ihr Leben, die für uns unvorstellbar Grauenhaftes erlebt haben?

Das hängt von den äußeren Umständen ab. Flieht ein Mensch aus einer berechenbaren Gesellschaft, fällt es ihm leichter zu einer Grundstruktur im Alltag zurückzukehren. Dafür muss er nicht automatisch in einer Demokratie aufgewachsen sein. Es kann jemand in Syrien Schreckliches erlebt haben und trotzdem ein allgemeines Vertrauen in Strukturen haben. Manche Menschen haben nie die Erfahrung gemacht, dass etwas funktioniert und mussten alles, was sie besitzen, andauernd festhalten – aus Angst, es am Tag darauf bereits wieder zu verlieren. Die finden sich nur schwer in unserer Gesellschaft zurecht, auch wenn ihre Erlebnisse gar nicht so dramatisch waren. Begriffe wie Autorität oder Kompromiss sind neu. Struktur erfahren sie erst nachdem sie länger in Europa sind. Ihr Weg dorthin ist aber umso anarchischer: Über das Meer oder Länder wie Türkei, Bulgarien, Serbien, Ungarn bis nach Österreich, wo die Menschen oft kein Bett zum Schlafen haben.

Teil Ihrer Arbeit ist es also, Menschen auf ihrem Weg zu einem strukturierten Alltag zu begleiten?

Ja, denn dieser Weg ist voller Erinnerungen an die Vergangenheit. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit diesen umzugehen: saufen und randalieren, Sport treiben oder Tabletten schlucken. Es führt allerdings kein Weg daran vorbei, sich mit den Erinnerungen solange auseinanderzusetzen, bis man mit ihnen leben kann. Schlussendlich bleiben sie immer ein Teil von dir, du kannst nicht nicht erinnern. Auch wenn du oft nichts dafür kannst, was dir passiert ist, liegt es an dir, wie du damit umgehst.

Wie helfen Sie Patienten dabei Erlebnisse aufzuarbeiten?

Ich bringe sie beispielsweise zum Lachen, auch wenn es danach ernst weiter geht. Viele Patienten sind stark auf das Negative fokussiert und brauchen nur eine Möglichkeit, das aufgestaute Lachen loszuwerden. In dieser Woche hat eine weinende Frau so herzhaft gelacht, dass der Chef aus dem Nachbarzimmer herübergekommen ist. Manche Patienten sind aber auch irritiert, wenn ich zum Beispiel Dinge wörtlich nehme, aber dann habe ich meinen Spaß. Vielleicht hätte ich auch Clown werden sollen. Ich kann nur helfen das auszuhalten. Ich gebe keine Tablette gegen Schulden oder für ein positives Asylverfahren.

 

Ob in der Bäckerei am Griesplatz oder in seiner Ordination, Gerald Ressi liebt Fremdsprachen und verschiedene Kulturen, darum hat er Serbokroatisch und Russisch im Selbststudium erlernt.
Gerald Ressi liebt Fremdsprachen, darum hat er Serbokroatisch und Russisch im Selbststudium erlernt. Das kommt ihm nicht nur in seiner Ordination bei Omega, sondern auch beim Bäcker um die Ecke zugute.

Viele Menschen verbannen alle schmerzhaften Erinnerungen an ihr vorheriges Leben. Kann das eine Lösung sein?

Das ist eine Illusion, weil Erinnerungen nichts Physisches sind, sie kommen aus deinem Kopf. Es kann zum Beispiel passieren, dass du plötzlich den Duft von Brot riechst und dir dann die Bäckerei einfällt, neben der eine Bombe eingeschlagen hat. Dich damit auseinanderzusetzen benötigt Mut, Ausdauer und mindestens die durchschnittliche Aufnahmefähigkeit, um eine Psychotherapie zu machen. Diese Behandlung ist in Österreich aber immer noch den Reichen vorbehalten. Posttraumatische Störungen sind am furchtbarsten ohne strukturierten Alltag. Nur so hast du neue Erlebnisse und Erinnerungen werden weniger wichtig. Wenn du zum Beispiel auf Montage fährst, musst du überlegen was du einpacken sollst.

Menschen, die in Österreich um Asyl ansuchen, dürfen hier aber nicht arbeiten. Verordnen Sie ‚Schwarzarbeit‘?

Vom gesundheitlichen Standpunkt aus betrachtet ist es manchmal besser, Gesetze nicht einzuhalten. Asylwerber können aber gegen ein geringes Entgelt für gemeinnützige und kommunale Einrichtungen arbeiten. Parkbänke streichen ist zum Beispiel sehr begehrt. Als Arzt bin ich für solche Maßnahmen, obwohl durch billige Arbeitskräfte andere Menschen ihren Job verlieren. Geht es aber nicht um die Schwächsten der Gesellschaft, schützt sich Österreich gut vor Konkurrenz, indem keine Einwanderungspolitik betrieben wird. Dass Einwanderung Positives beitragen kann, wird ausgelassen. Eine Patientin hat gesagt, es sei Wahnsinn, wie lange alles in Europa dauert und ist nach Kanada gegangen. Es ist ein natürlicher Vorgang, dass Menschen in ein Land mit Wohlstand einwandern. Bei uns muss jeder politisch verfolgt werden und am besten krank sein, um bleiben zu dürfen.

Dass traumatisierte Flüchtlinge Aufenthaltsrecht bekommen, ist Voraussetzung für Ihre Arbeit. Hat Gesundheit Bleiberecht?

Als Arzt bin ich unbedingt dafür, dass Krankheit berücksichtigt wird. Momentan haben wir aber die Situation, dass dein Leben umso sicherer ist je kränker du bist – das ist ein falsches Signal. Davon wird niemand gesund. Im Gegenteil, du hast Angst davor, ohne Rückenschmerzen aufzuwachen, denn dann wirst du abgeschoben. Du musst ständig zeigen, wie schlecht es dir geht, bis es tatsächlich wirkt. Irgendwann kommst du nicht mehr raus aus dem Teufelskreis. Du bist zu krank um zu arbeiten, hast aber keinen Zugang zu Maßnahmen nach dem Behindertengesetz.

Und was kommt nach dem Bleiberecht?

Ich bin sehr optimistisch was die Anpassungsfähigkeit von Menschen an neue Situationen und Herausforderungen betrifft. Hilfreich ist eine etablierte Community, denn wenn alle neu sind, kann keiner von keinem lernen. Es gibt nur Einzelfälle, wo Anpassung nicht gelingt, deshalb mache ich die Arbeit auch gerne.

Rasende Reporterin. Konsequent kritisch. Liest. Schreibt. Koffein in den Adern. Buchstabensalat im Kopf. @saplanot

Loading Facebook Comments ...

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*