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Wahnsinn oder Chance?

in KULTUR von

 

Kultur in Graz (KiG) expandiert auf drei Stockwerke. Die Kulturinitiative feiert auf der Baustelle ihr offenes Kulturhaus, während hinter verschlossenen Türen der Sparstift die steirische Kulturlandschaft zeichnet. Ein Gespräch mit Anita Hofer, KiG-Gründerin und Vorstandsvorsitzende der IG Kultur Steiermark.

 

Geht beinahe ins Surreale: Ein Plantschbecken über den Dächern vom Gries.
Geht beinahe ins Surreale: Ein Plantschbecken über den Dächern vom Gries.

 

Annenpost: Kultur in Graz hat neue Räumlichkeiten. Was habt ihr damit vor?

Anita Hofer: Wir sind seit zwei Jahren im Parterre in der Lagergasse, der Rest ist uns in die Hände gefallen. Das Institut für Kind und Familie, das vorher die zwei oberen Stockwerke gemietet hat, ist ausgezogen. Da mussten wir zuschlagen. Kultur in Graz ist jetzt Hauptmieterin von 500 m². Wir versuchen ein offenes Kulturhaus daraus zu machen. Die kleineren Räume sind an Künstler und andere Kulturschaffende vergeben. Bis dato sind es alles Menschen, die sich für ein anderes Miteinander interessieren, als für das, das momentan Mainstream ist.

Was ist ‚momentan Mainstream‘?

Dass jeder sein eigenes Ding macht. Hier ist jetzt aber schon trotz Baustelle etwas im Entstehen, das auf Kooperation statt Konkurrenz baut. Die Leute fangen an mitzudenken, was man hier noch brauchen könnte und was jeder beitragen kann. Auch vor dem Fest waren irrsinnig viele Menschen da, die mitgeholfen haben, dass wir das heute überhaupt machen können.

Also werden Kulturschaffende hier in Zukunft gemeinsam arbeiten?

Genau. Ich träume schon über 20 Jahre davon und habe auch schon mehrmals versucht, so etwas in die Wege zu leiten. Die einzelnen Räume kann man fix oder interimistisch mieten, und die zwei großen können für Veranstaltungen angemietet werden. Es entsteht auch eine Gemeinschaftsküche. Einige Menschen wollen hier Coworking Plätze machen.

 

Anita Hofer gründete KiG und ist Vorstandsmitglied in der IG Kultur Steiermark.
Anita Hofer gründete KiG und ist Vorstandsmitglied in der IG Kultur Steiermark.

 

Wie habt ihr die Investition finanziert? Momentan wird in der Kultur stark eingespart, ist das offene Kulturhaus kein Risiko?

Wir leben im Moment auf Pump, aber ohne Risiko kommt man nicht weiter im Leben, dann herrscht nur Stillstand. Ohne Veränderung gibt es keine Entwicklung, gesellschaftlich nicht und individuell auch nicht. Das ist sicher bei der kulturpolitischen Situation ein bisschen ein Wahnsinn, auf der anderen Seite sind die gemeinsamen Räumlichkeiten eine Möglichkeit, aus einem geringen Budget gemeinsam durch Tauschen mehr zu machen. Numavi beispielsweise hat viel musikalisches Equipment und Technik.

Wer ist sonst noch fix mit im Boot?

Eine Malerin, ein paar Musiker und ein junger Architekt, der sich für soziale Projekte interessiert. Anfragen gibt es von einer Yoga-Lehrerin, einem Chor und einer Therapeutin, die hier einmal in der Woche Kinderbewegungstherapien abhalten will. Es wird auch eine Künstlerwohnung geben. Das ist eine temporäre Geschichte für Leute, die für einen Auftrag nach Graz kommen. Wenn rotor zum Beispiel Künstler aus Serbien einlädt, hätten sie hier eine Unterkunft. So wären sie auch gleich in ein Netzwerk eingebunden.

Du hast vorhin die kulturpolitische Situation angesprochen. Wie sieht die deiner Meinung nach in der Steiermark aus?

Das Kulturkuratorium – in Wahrheit nichts anderes als ein Beirat – hat jetzt über mehrjährige Förderverträge entschieden und dabei gab es einen ziemlichen Kahlschlag. Von insgesamt 147 Kulturinitiativen wurde bei 77 extrem gekürzt und 21 auf Null gestellt. 14 von diesen 21 sind Initiativen am Land, wo es sowieso besonders schwer ist zu überleben. Es gibt aber auch Gewinnerinnen: 15 haben mehr Geld bekommen, bei fünf davon sitzen die Betreiber selbst im Kuratorium. Letztes Jahr hat das Kuratorium einen Einreichungstermin für Projektförderungen einfach abgesagt. Alle Förderungsanfragen, die bis dahin eingegangen sind, wurden einfach nicht vom Land bearbeitet. Manche haben über ein halbes Jahr auf ihren Bescheid gewartet, andere ein Jahr auf ihr Fördergeld. Das ist existenzgefährdend. Initiativen haben eine Infrastruktur, die finanziert werden muss. Es ist eine Frechheit, wie wir behandelt werden. Keiner redet mit uns, es wird nur ‚drübergefahren‘ und Privatmeinungen von Menschen aus dem Kuratorium werden zu Bewertungskriterien.

 

Der Rauch kam nicht aus dem Schornstein, sondern von der veganen Grillerei auf Sparflamme.
Der Rauch kam nicht aus dem Schornstein, sondern von der veganen Grillerei auf Sparflamme.

 

Nach welchen Kriterien vergibt das Land offiziell Gelder an Kulturinitiativen?

Es wird nicht mitgeteilt, warum etwas wie beurteilt worden ist. Alles geschieht hinter verschlossenen Türen. Als IG Kultur, das ist die Interessenvertretung für Kulturinitiativen, fordern wir, dass die Bewertungen offen gelegt werden. Das Kuratorium sollte durch ein funktionierendes Beiratssystem ersetzt werden.

Wie reagiert die Politik auf eure Forderungen?

Nach massivem Widerstand gibt es immerhin einen Gesprächstermin. Letzte Woche haben mehreren Kulturinitiativen eine gemeinsame Pressekonferenz am Südtirolerplatz abgehalten. Das ist das erste Mal, seitdem ich Kulturschaffende bin – und das ist schon ziemlich lange (lacht) -, dass sich so viele große und kleine Initiativen zusammentun. Es sind auch einige dabei, die nicht von den Kürzungen betroffen sind.

Worauf führst du die Entwicklungen in der Kulturpolitik zurück?

Für mich ist das ein deutliches Zeichen, wie weit wir mit der Entdemokratisierung sind. Die IG beobachtet die Entwicklungen, seitdem die ÖVP das Kulturressort übernommen hat. Es war nur mehr eine Frage der Zeit, bis es nach dem Sozialbereich auch den Kulturbereich trifft. Die Kürzungen kamen also nicht überraschend. Es ist auch ein Schritt in Richtung restaurativer Kulturpolitik – zurück ins 19. Jahrhundert, wo sich nur mehr die Bildungselite Kultur leisten kann. Gerade die, die sich mit zeitgenössischen Themen auseinandersetzen, neue Formate ausprobieren und nicht jene, die traditionelle Kunst machen, sind gekürzt worden. Die Styriarte bekommt beispielsweise 60.000 Euro mehr. Beim Straßenbau und der Sicherheit wird auch nicht gekürzt. Es gibt neue Straßenlaternen, obwohl die alten noch funktionieren.

 

Voodoo Jürgens (am Bild) erheiterte mit dunklen Wiener Liedern und seinem noch dunkleren Humor, Jayden rockte mit Emo-NoisePop und von Alex Connaughton  gab's amerikanischen Folk vom Feinsten.
Voodoo Jürgens (am Bild) hellt mit dunklen Wiener Liedern und seinem noch dunkleren Humor die Stimmung auf. Davor rockte Jayden mit seinem Emo-NoisePop und von Alex Connaughton gab’s amerikanischen Folk vom Feinsten.

 

 

Sara Noémie Plassnig

 

Rasende Reporterin. Konsequent kritisch. Liest. Schreibt. Koffein in den Adern. Buchstabensalat im Kopf. @saplanot

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