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Regenbogenfahnen im Volksgarten

in VIERTEL(ER)LEBEN von
Homosexualität und Migration gehören zu den meist diskutierten Themen unserer Gesellschaft. Am gestrigen Christopher Street Day im Volksgarten trafen sie dieses Jahr aufeinander – für Liebe und Freiheit für alle.

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Julian richtet sich in seinem Liegestuhl auf. „Es klingt vielleicht pathetisch, aber für mich steht der CSD für Freiheit und dass wir alle das Recht haben zu sein, wer wir sind“, sagt der 22-jährige Festbesucher. Die Wiese hinter ihm ist voller Menschen. Ein paar tragen bunte Blumenkränze, andere haben sich große Regenbögen aufgemalt. Manche Frauen gehen oben ohne, manche Männer tragen aufwendiges Make-Up und schillernde Kleider. Ein Pärchen küsst sich liebevoll. Es sind zwei Frauen. Von der Bühne her tönt „Atemlos“ von Helene Fischer. Überall wehen bunte Fahnen. Ein Hauch Festivalstimmung weht an diesem Samstag durch den Volksgarten.

Wenn Vorurteile verbinden
Der CSD verdankt seinen Namen dem ersten bekannten Aufstand sexueller Minderheiten gegen die Polizeiwillkür 1969 in der Christopher Street in New York. Für die LGBT-Community (Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender-Personen) ist er damit ein Gedenk- und Festtag, aber auch eine Gelegenheit gegen Ausgrenzung und Diskriminierung zu demonstrieren. Neben der Gleichstellung sexueller Identitäten standen dieses Jahr vor allem Toleranz und Respekt für MigrantInnen im Vordergrund. „Als Minderheiten haben wir Gemeinsamkeiten. Wir haben alle mit Vorurteilen zu kämpfen und unsere Themengebiete sind oft ideologiebehaftet“, erklärt Martina Weixler, Obfrau der Rosalila PantherInnen und Mitveranstalterin des Parkfests, die Wahl des „Brennpunktthemas“. Entscheidend sei auch der regelmäßige Kontakt mit MigrantInnen durch das Vereinslokal in der Annenstraße und den Volksgarten als Veranstaltungsort gewesen.

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Der gestrige Tag mit Parade, Parkfest mit rund 3500 BesucherInnen und Aftershowparty in der Postgarage bildete den Abschluss der CSD-Event-Woche. „Am Dienstag fand ein Vortrag zum Thema Homosexualität in islamischen Gesellschaften statt. Am Tag darauf gab es einen Queer-migrantischen Kinoabend mit dem Titel ‚I am gay and muslime’“, berichtet Weixler. Dabei wurde auch die neue Coming-Out-Broschüre der Rosalila PantherInnen in 8 Sprachen präsentiert, darunter Türkisch, Albanisch und Russisch. Der Verein will damit Homosexuelle aus und in anderen Ländern erreichen, in denen es wenig bis keine Toleranz gibt.

„Es gibt noch viel zu tun“
Vor dem Parkfest im Volksgarten startet die Parade der queer-Referate der Hochschülerschaften von Uni und TU um kurz nach eins den gestrigen CSD. Etwa 650 bunt gekleidete Menschen folgten einer riesigen Regenbogenfahne vom Tummelplatz durch die Grazer Innenstadt zum Volksgarten. Auch ein junges Mädchen mit Kopftuch trägt die Flagge mit. „Wenn man als Mensch mit Migrationshintergrund schwul oder lesbisch ist, erfährt man doppelte Diskriminierung. Das muss sich ändern!“, ruft ÖH-Vorsitzende Florian Ungerböck beim Stopp vor dem Kunsthaus ins Mikrophon. Euphorisch fordert er Gleichstellung und eine offene Gesellschaft. Zustimmender Applaus der DemonstrantInnen. Die DJane legt den nächsten Track auf. Die Parade zieht weiter.

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Doch ist es hierzulande überhaupt noch notwendig für LGBT-Rechte auf die Straße zu gehen? Erinnert man sich an den Songcontest vor drei Wochen, präsentierte sich Österreich nach außen doch als äußerst tolerant und liberal. Auf dem CSD-Fest sieht man die Situation kritischer. „Es ist schon sehr viel passiert, aber es gibt immer noch Handlungsbedarf“, sagt Tuntenball- und Parkfestmoderatorin Miss Alexandra Desmond. Das Songcontest-Motto „Building Bridges“ solle außerdem offen als Brückenbauen zwischen verschiedenen Haltungen, Ländern, Konfessionen und Geschlechtsidentitäten verstanden werden.
Auch Weixler sieht noch Verbesserungsbedarf und will vor allem Menschen erreichen und sensibilisieren, die Homosexualität immer noch als „nicht normal“ empfinden.

Ein Viertel voller Vielfalt
Es wird langsam Abend im Volksgarten. An den Ständen werden immer noch unermüdlich Flyer verteilt und Unterschriften gesammelt. Der Duft internationaler Küche liegt in der Luft. Spaziergänger aller Altersgruppen bleiben stehen und sehen sich neugierig um. Man spürt: Jede und jeder ist willkommen. Einen anderen Standort würden sich die Rosalila PantherInnen nicht wünschen: „Wir mögen das Annenviertel gerne, weil es pulsiert und vielfältig ist. Da passen wir gut hinein.“ Das Ziel an diesem Nachmittag ist bei TeilnehmerInnen und Veranstaltern klar: die Veränderung zu einer offenen, freundlichen Gesellschaft für alle.

Fotos: Stefanie Burger

Iris Dorfegger, unser Grazer Sonnenschein, recherchiert stets mit einem Lächeln im Gesicht. Deshalb liest man in den Texten ihre Kreativität und unbändige Motivation heraus. Auch privat ist Iris stets auf Trab: die Dressurreiterin verbringt ihre Freizeit am liebsten bei ihren zwei Pferden.

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