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Die Party zur Stadt machen

in VIERTEL(ER)LEBEN von
Junge GrazerInnen tanzen anders - und überall
Junge GrazerInnen tanzen anders – und überall
„Ich bin hier, weil ich mehr Freiraum in der Stadt möchte“, ruft ein Mädchen über den drummenden Bass hinweg. Sie wiegt ihren Kopf lächelnd zur Musik. Um sie herum haben sich rund 400 andere TeilnehmerInnen am letzten Mittwochnachmittag vor der Karl-Franzens-Universität versammelt. Sie alle wollen mit dem Protestzug „Junge GrazerInnen tanzen anders“ – einer Parade für das „Recht auf freie Klubkultur“ – Richtung Innenstadt ziehen.

Daniel Huber und Uwe Gallaun, die Organisatoren, wirken leicht nervös, als wir sie rund eine Stunde vor dem Event beim Spritzerstand der ÖH treffen. Warum die beiden ein solches Projekt gestartet haben, ist schnell erklärt. Vor allem die Einschränkungen, die die „Kombüse“ erfahren hat, „haben für uns das Fass zum Überlaufen gebracht“, erzählt Huber. In dem beliebten und für seine Konzerte bekannten Stadtparklokal dürfen sich seit Februar maximal 40 Personen bei Hintergrundmusik aufhalten, da die Betriebsstättengenehmigung das Lokal nur als Imbissstube ausweist. Seitdem ist es leise geworden in der „Kombüse“. Das Eingreifen der Bau- und Anlagenbehörde in das traditionsreiche Geschehen der Szene und des Lokals hat nicht nur Huber und Gallaun, sondern zahlreiche Anhänger und Fans verärgert.

Mehr Platz für Vielfalt

Mit der „Partyparade“ wollen Huber und Gallaun vor allem Aufmerksamkeit erreichen, um „überhaupt einmal wahrgenommen zu werden“. „Es gibt auch ein anderes Publikum in Graz, das etwas machen will – nicht nur ‚Aufsteirern‘ und Red Bull-Events“, sagt Gallaun. Die Vision der beiden: Eine Stadt, in der für alle Platz ist. Für ihre Parade einigten sie sich deshalb mit den Behörden darauf, einen Fahrstreifen der Elisabethstraße für den Verkehr freizulassen. Für die Veranstalter hat das eine symbolische Bedeutung. „Man sieht gleich mal, dass Verkehr neben einer Parade funktioniert, genauso wie kulturelles Programm im Mainstreambereich neben Alternativem Platz haben soll und auch muss“, erklärt Gallaun.

Parade 1
Für eine freie Klubkultur: Veranstalter Daniel Huber und Uwe Gallaun

Es ist kurz nach fünf Uhr. Die Parade setzt sich in Bewegung. Ein paar TeilnehmerInnen wippen beim Gehen im Takt der Musik, andere schieben ihre Räder neben sich her. Manche tanzen. Die Stimmung ist entspannt, die TeilnehmerInnen wirken motiviert. Bunte Peace-Fahnen wehen in der Luft und Seifenblasen steigen auf. Neben den drei DJ-Wägen ist auch eine Brass-Band gekommen, die den Protestmarsch anführt. Auf dem Weg schließen sich immer wieder spontan weitere Menschen an. Mittlerweile sind bis zu 400 Protestierende dabei. Man kann einen Hauch Festival-Feeling spüren. Es ist eine Party auf der Straße.

Mainstream vs. Alternativ

Eine Feier haben Huber und Gallaun auch schon eine Woche zuvor beim „Lendwirbel“ veranstaltet: die Solidaritätsparty. Nach eigenen Angaben sind etwa 800 Leute ihrem Ruf gefolgt und haben rund 1000 Euro gespendet. Ob das zur Event-Finanzierung reicht, wissen die Veranstalter noch nicht. Auf Sponsoren und Fördergelder verzichten sie allerdings aus Prinzip. „Wir sind wie Berlin. Arm, aber nicht sexy“, scherzt Gallaun. Die Budgetaufteilung der Stadt für Kunst und Kultur sehen sie kritisch. „Es gibt zum Beispiel kaum Förderung für den Lendwirbel. Während das Aufsteirern 108.000 Euro bekommt, wird der Lendwirbel mit 10.000 abgespeist“, sagt Huber. Von diesem Geld fließe dann außerdem noch viel zurück an die Stadt, beispielsweise durch Abgaben für Polizei und Security. Beide bestätigen aber, dass sich die Zusammenarbeit zwischen Behörden, Einsatzkräften und „Wirblern“ in den letzten Jahren stark verbessert hat.

Neben Problemen mit offiziellen Stellen haben laut Huber auch die AnrainerInnen oft wenig Verständnis für neue Initiativen und alternative Szenen. Beispielsweise wird laute Musik vor allem in der Nacht auch im Stadtzentrum nur bedingt akzeptiert. „Davon auszugehen, am Jakominiplatz im Sommer mit offenem Fenster schlafen zu können, geht einfach nicht. Das gibt es in keiner Stadt“, sagt Gallaun.

Drei DJ-Wägen sorgten für Stimmung
Laut und mit viel Bass – drei DJ-Wägen begleiteten die Parade

Die Stadt als kultureller Spielplatz

Und wie sehen die Veranstalter die Situation im Annenviertel? „Im Lend wird ein bisschen die alternative Kunst rausgedrängt. Das Viertel ist aber das beste Beispiel dafür, dass die von der Stadt so hochgelobte Aufwertung über alternative kulturelle Projekte funktionieren kann.“ Jedoch sei nun ein Punkt erreicht, wo viele Projekte weiterziehen müssten, weil sie sich die steigenden Standortkosten im Bezirk nicht mehr leisten könnten. Damit der Lend seine Attraktivität nicht verliert, müsste die Stadt laut Huber der Mietpreiserhöhung entgegenwirken.
Den Gries sehen beide als ungenutzten Raum mit vielen Entfaltungsmöglichkeiten. Huber geht davon aus, dass viele junge Menschen den Bezirk bald nutzen werden, da es „am Lend langsam eng wird“.

Nach über zwei Stunden ist die Parade über Jakominiplatz, Eisenes Tor, durch die Herrengasse und über den Hauptplatz gezogen und fast an ihrem Ziel, dem Karmeliterplatz, angekommen. Während am Himmel erste dunkle Wolken aufziehen, steigt die Stimmung am Boden von Beat zu Beat. Auf dem vordersten, bunt geschmückten DJ-Wagen schwingt ein Mann unermüdlich einen farbenfrohen Guru-Stab mit der Aufschrift „Freude“. „Es ist so geil!“, jubelt ein Teilnehmer. Am Karmeliterplatz geht nicht nur die Party, sondern bald auch ein Wolkenbruch richtig los. Doch die jungen GrazerInnen tanzen nicht nur anders – sondern auch im Regen einfach weiter.

 

Von Iris Dorfegger und Simon Gruber

Iris Dorfegger, unser Grazer Sonnenschein, recherchiert stets mit einem Lächeln im Gesicht. Deshalb liest man in den Texten ihre Kreativität und unbändige Motivation heraus. Auch privat ist Iris stets auf Trab: die Dressurreiterin verbringt ihre Freizeit am liebsten bei ihren zwei Pferden.

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