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„Wir sind auch Verkehr“

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Die Critical Mass fordert mehr Gleichberechtigung für Radfahrer im Straßenverkehr.
Die Critical Mass fordert mehr Gleichberechtigung für Radfahrer im Straßenverkehr.
Bei der Critical Mass radeln jeden letzten Freitag im Monat dutzende Grazer durch die Innenstadt. Die Veranstaltung findet weltweit in zahlreichen Städten statt – mit einem gemeinsamem Ziel: Mehr Rechte für die Radfahrer im Straßenverkehr.

Es ist Freitag, der 27. März 2015, 17:00 Uhr: Der Wind pfeift durch die Annenstraße, der Himmel über Graz wirkt als würde er jeden Moment seine Schleusen öffnen, aber der Stimmung am Südtirolerplatz tut das keinen Abbruch. Rund 50 Radfahrer haben sich eingefunden, um ihre Leidenschaft fürs Radeln mit einer friedlichen, aber eindrucksvollen Demo für mehr Gerechtigkeit im Straßenverkehr zu verbinden. „Wir sind auch Verkehr“ ist auf einem Transparent zu lesen.

Zwei Radfahrer vorübergehend festgenommen

Alles wartet auf die schon längst fällige Abfahrt, als plötzlich der Grund für die Verzögerung bekannt wird: Zwei Radfahrer, die ursprünglich an der Critical Mass teilnehmen wollten, wurden in der Schießstattgasse von der Polizei aufgehalten. Weil sie nicht angeben konnten, woher sie ihr Freak-Tandem hatten, bestand der dringende Verdacht auf Diebstahl und die beiden Radfahrer wurden auf das Polizeirevier in der Conrad-von-Hötzendorf-Straße mitgenommen. Die Teilnehmer der Critical Mass wussten, dass es aus der Fahrradküche in der Schießstattgasse stammte und änderten im Kampf um Gerechtigkeit für Fahrradfahrer kurzerhand ihre Route in Richtung Polizeirevier. Dort wurden die beiden Radfahrer nach Aufklärung der näheren Umstände zwar wieder freigelassen, es ist aber nicht der erste Vorfall, in dem es Radler im Rahmen der Critical Mass mit der Polizei zu tun bekommen haben. Bei der letzten Critical Mass wurde der uniformierte Begleitschutz von den Radfahrern absichtlich in enge Sackgassen geführt.

Die Critical Mass hat keinen richtigen Veranstalter – eine offizielle Genehmigung gäbe es nur dann, wenn es eine Demo wäre (dann wäre die Polizei zuständig) oder wenn die Veranstaltung als solche gemeldet wäre (wie z.B. das CityRadeln, hierfür ist die Stadt zuständig). Weil es das aber nicht gibt, kann niemand wirklich verantwortlich gemacht werden – was der Polizei ein Dorn im Auge ist. Die Musik als Lärmbelästigung während der Fahrt und die offensichtliche Behinderung des Straßenverkehrs haben auch diesmal wieder zum Einschreiten der Polizei geführt.

In der Conrad-von-Hötzendorf-Straße machte die Critical Mass ein Weiterkommen für Autos und Bim zeitweise unmöglich.
In der Conrad-von-Hötzendorf-Straße machte die Critical Mass ein Weiterkommen für Autos und Bim zeitweise unmöglich.

„Keine Demo, sondern normaler Verkehr“

Offiziell ist die Critical Mass keine Protestbewegung, obwohl sie das fixierte Datum jeden Monat wie eine wirken lässt. „Wir sind keine Demo, wir sind normaler Verkehr“, sagt ein Teilnehmer. Sie nutzen dabei ihr Dasein als geschlossener Verband und dürfen deshalb laut Paragraph 29, Abs. 1 der StVO nur von Lenkern von Einsatzfahrzeugen in ihrer Fortbewegung behindert werden. Das bedeutet konkret: Sie dürfen zu zweit nebeneinander in einer Kolonne fahren – vorausgesetzt, sie halten alle gültigen Verkehrsregeln ein. In Graz verläuft die Route vom Südtirolerplatz quer durch die Innenstadt, eine fixe Strecke gibt es jedoch nicht.

Die Critical Mass möchte in Erfahrung bringen, wem der öffentliche Raum eigentlich gehört. Ihrer Meinung nach diskriminiert die aktuelle Verkehrspolitik die Fußgänger und Radfahrer. Sie fordert mehr Rechte für Radfahrer. Grüne Radwege, mehr Rücksicht auf den Straßen, weniger Lärm und Abgase sowie autofreie Städte stehen ebenfalls auf ihrer sportlichen Agenda.

Wie gefährlich der Grazer Verkehr für Radfahrer tatsächlich ist, verdeutlichen einige sogenannte Ghostbikes. Sie machen auf Stellen aufmerksam, an denen ein tödlicher Unfall mit Auto und Fahrrad passiert ist, wie zum Beispiel am Ferdinand Porsche Platz, an der Kreuzung Zweiglgasse – Lagergasse oder an der Riesstraße, Kreuzung Hilmteichstraße.

Die Ghostbikes erinnern an die Radler, die bei Kollisionen mit Autofahrern ums Leben gekommen sind.
Die Ghostbikes erinnern an die Radler, die bei Kollisionen mit Autofahrern ums Leben gekommen sind.

„Radwegsituation nicht ideal“

Mit Argus hat Graz seine eigene Fahrradlobby, die sich für die Rechte der Radfahrer stark macht, Projekte wie „die Steiermark radelt zur Arbeit“ für RadpendlerInnen forciert und regelmäßig Radkontrollen gemeinsam mit der Polizei durchführt. Ein ehemaliger Obmann von Argus zur Critical Mass: „Wir hegen Sympathie für dieses glückliche, ziellose Happening. Weil es in hunderten Städten die Dominanz der Autos in den Städten hinterfragt. Aber wir rufen nicht zu Verstößen gegen die Straßenverkehrsordnung auf.“

[box]Die Geschichte des Fahrrads in Graz geht auf die Gründung der Puch-Werke im Jahr 1899 zurück, das Grundnetz für die Radfahrer wurde in den 1980er-Jahren errichtet. Seitdem wird fleißig geradelt. Laut Radfahrerstatistik für Graz im Jahr 2014 wurden an allen vier Dauermessstellen deutlich mehr Radfahrer als zuvor gemessen. Die Keplerstraße ist traditionell am meisten befahren. Über das Jahr verteilt radelten hier täglich rund 4800, im Oktober sogar 7000 Radler. Das ergibt ein Plus von 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Dennoch waren 2014 in Graz insgesamt etwas weniger Radler unterwegs als im vergangenen Jahr. Das ist laut Argus vor allem darauf zurückzuführen, dass die Messstationen fast ausschließlich in der Innenstadt liegen und es hier logischerweise mehr Radfahrer gebe. Zugezogene, die sich am Stadtrand niederlassen, würden eher mit dem Autos oder den Öffis in die Innenstadt fahren.

Tatsächlich sind im Oktober 2014 rund 7000 Radfahrer über die Keplerbrücke geradelt.
Tatsächlich sind im Oktober 2014 rund 7000 Radfahrer über die Keplerbrücke geradelt.
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Das Annenviertel als Radviertel? Laut Argus nur schwer umsetzbar. „Dort, wo es Radwege gibt, z. B. in der Annenstraße, sind diese logischerweise auch stärker frequentiert, aber nicht ideal, weil sie unmittelbar an den Bim-Haltestellen vorbeiführen. Aussteigende Fußgänger und auch das ständige Achten auf die Bimgleise, das ist vielen Radfahrern einfach unangenehm. Auch die Parkmöglichkeiten für Fahrräder müsste man noch verbessern“, so ein Teilnehmer der Critical Mass.

Nichtsdestotrotz haben sich viele Fahrradwerkstätten bei uns im Viertel angesiedelt, so z. B. das Rebikel in der Keplerstraße oder das re.use in der Annenstraße. Auch mit Lemur in der Griesgasse und dem Bike City Guide in der Kinkgasse haben sich erfolgreiche Start-Ups im Annenviertel auf die Reparatur von Fahrrädern spezialisiert, letzteres entwickelt aber auch spezielle Handyhalterungen fürs Rad und maßgeschneiderte Fahrradapps.

Die nächste Critical Mass findet wieder am letzten Freitag des kommenden Monats statt – ganz nach dem Motto „same time, same station“. Um 16:30 Uhr werden sich am Südtirolerplatz wieder zahlreiche Radfahrer versammeln, um für mehr Gleichberechtigung im Straßenverkehr zu radeln – mit dem gemeinsamen Ziel, „Straßen nicht zu Friedhöfen werden zu lassen“.

[box]Infos zur Critical Mass:
Treffpunkt jeden letzten Freitag im Monat um 16:30 Uhr am Südtirolerplatz
http://www.criticalmass.at/category/graz
graz@criticalmass.at[/box]

Ein riesengroßer Radiofreak, der über die Meteorologie in den Journalismus gestolpert ist. Kommuniziert bis zum Umfallen. Am liebsten über's Mikrofon, aber gerne auch hier über die Annenpost. Weiß auch, wie das Wetter wird und liegt damit immer richtig. Naja, fast immer.

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