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Familie Lerch will nicht gehen

in VIERTEL(ER)LEBEN von
Hermine Lerch: „Na, den Arm legst sicher net um mich, sonst denken die noch, wir sind ein Ehepaar“
Das betagte Geschwisterpaar Lerch hätte diesen Montag aus ihrer Wohnung am Entenplatz delogiert werden sollen – in der es schon seit seiner Kindheit lebt. In letzter Minute  wurde das noch verhindert. Die Räumungsklage ist das Resultat eines erbitterten Streits mit dem Vermieter. Doch wie so oft, hat auch diese Geschichte zwei Seiten.

Es herrscht nervöse Betriebsamkeit in der Wohnung am Entenplatz. Die Habseligkeiten von Ernst und Hermine Lerch liegen verstreut in den Zimmern, Aufbruchsstimmung liegt in der Luft. Die Nichte der beiden, Ulrike Lerch, ist zur Unterstützung gekommen. Auch ihre Mutter lebte in der Wohnung, bis sie vorletztes Jahr verstarb. „Entschuldigen Sie das Chaos, aber wir haben damit gerechnet, heute aus der Wohnung herausgeworfen zu werden“, erklärt sie.

„Wir sehen uns auf der Straße“

Hinnehmen wollte das Geschwisterpaar die gerichtliche Entscheidung, dass sie die Wohnung räumen müssen, jedoch nicht. „Tee, Jause und Sitzpolster mitnehmen – wir sehen uns auf der Straße“, so wurde von Sympathisanten der Familie Lerch via Facebook zur Verhinderung der Räumung aufgerufen. Doch unerwartet ist es dann doch noch zu einer Wendung in der Geschichte gekommen. „Weil sich ein Anwalt bereit erklärt hat, sich die Sachen noch einmal anzusehen “, erzählt Ulrike Lerch aufgeregt.

Aber wahrscheinlich wird auch der vorläufige Triumph für die Pensionisten nur zu einer Verzögerung der Räumung führen. Bis zum Obersten Gerichtshof ging der Fall Lerch bereits, schon vor einem Jahr wurde die Räumung gerichtlich angeordnet. Doch bis jetzt wurde sie immer wieder verhindert. Seit mittlerweile sieben Jahren liefert sich Familie Lerch einen erbitterten Streit mit dem Vermieter der Wohnung, dem Grazer Rechtsanwalt Peter Benda. Und beide Seiten sehen sich im Recht.

Die Wand vor der Wohnung wurde mit Beschimpfungen beschmiert

Von der Nazibude zum trauten Familienheim

Seit mittlerweile 70 Jahren leben Ernst und Hermine Lerch in dem roten Haus am Entenplatz Nummer 9. Während des zweiten Weltkrieges war die Hitlerjugend im Gebäude untergebracht. Wie damals üblich, wurde Leuten, deren Häuser ausgebombt wurden, neue Bleiben zugeteilt: So mussten die Jungnazis ausziehen und Ernst und Hermine Lerch zogen mit ihren Eltern und den vier Geschwistern während des Krieges in das Haus, das sie seitdem nicht mehr verlassen haben.

Die Familie hatte vorerst das ganze Parterre für sich alleine.  „Der Hausherr, hat‘s geheißen, ist in Übersee. Da hat niemand so recht gewusst, wem das Haus gehört“, erklärt Herr Lerch. Die Familie hielt das Haus in Stand – auch während des Krieges.  Als eine Bombe im Nachbarhaus einschlug, wurde auch ihr Zuhause durch die Explosion zur Hälfte niedergerissen. Eigenhändig begannen die Eltern damals das Haus wieder aufzubauen.

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Blick aus dem Fenster der Wohnung

„Wissens, wie schirch das war?“

Ungern erinnert sich Ernst Lerch an die Kriegsjahre:  „Wir haben ka Nachtmahl, ka Frühstück, nichts zum Zudecken gehabt – wir haben nix gehabt als den nackaten Bombenhagel! Wissen´s, wie traurig und schirch das war?“ Schlafen musste die Familie am Boden. Die einzige Möglichkeit, trocken durch die Nacht zu kommen, war, einen Regenschirm über dem Schlafplatz aufzuspannen.

Doch als der Krieg vorbei und das Haus wieder aufgebaut war, begannen langsam bessere Zeiten für Familie Lerch. Die Großmutter und ein paar Katzen zogen zur Familie, vor dem Haus begann es im Garten zu blühen, die Kinder pflückten Äpfel, Zwetschgen und Birnen.  Die Augen der beiden beginnen zu leuchten, als sie von alten Zeiten erzählen. Obwohl das Haus im Zentrum von Graz steht, fühlten sich die Geschwister damals wie mitten am Land. „I hab schon g‘scheat zum reden ang´fangen, weil‘s so schön da war“, lacht der 80-jährige Ernst Lerch.

Wo früher Obstbäume blühten, liegen heute Schutt und Müll

Das „Mobbing“ des Vermieters

Doch nun fühlen sich die beiden Rentner bedroht, aus dem Haus, voll ihrer Erinnerungen, geworfen zu werden. Angeblich soll der neue Besitzer des Gebäudes versucht haben, die letzten Mieter durch fragwürdige Methoden zu vertreiben. Laut der beiden Rentner hätte er neue Mieter in das Haus geholt, die systematische Lärmbelästigung betrieben und  das Haus verschmutzt hätten. Außerdem soll er den Geschwistern mehrmals die Wasserversorgung abgedreht haben.

Zahlreiche Medien berichteten schon von dem Mietstreit, unter anderem auch die  ORF-Sendung „Am Schauplatz Gericht“. Der „Grazer“ berichtete ebenfalls mehrmals von den „hochbetagten Grazern die aus ihrer Wohnung vertrieben werden“.  Ganz so unschuldig sollen die Rentner an der Räumungsklage laut dem Anwalt des Vermieters, Franz Unterasinger, aber dann doch nicht sein.

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„Die nennen mi schwule Sau, dabei hob i ja vier Kinder“, ärgert sich Herr Lerch über den Vandalismus.

Oder doch „Fehlverhalten“ der Mieter? 

Erst durch das „Fehlverhalten der Mieter“ sei es, so Unterasinger, zur Kündigung gekommen. „Unleidliches Verhalten“ sei in diesem Fall ein zutreffender Kündigungsgrund, der auch in drei Instanzen bestätig wurde. Die Mietervereinigung hat der Familie bereits gekündigt. Acht Mal wurden die Geschwister Lerch mittlerweile vom Vermieter angezeigt. Konkret gehe es dabei unter anderem um Beschimpfung und die Zutrittsverweigerung durch Verbarrikadieren der Eingangstüre. In einem Fall der Beschimpfung wurde Herr Lerch bereits verurteilt. Die Verfahrenskosten gehen mittlerweile in die Tausende, tragen müssen sie die beiden Mindestpensionisten. Anonyme Briefe mit wüsten Beschimpfungen sollen an Peter Benda, so wie seinen Anwalt gesendet worden sein.

Problematisch sei es heute ebenfalls, dass es damals üblich war, den ausgebombten Familien Wohnungen zuzuteilen: Die Familie habe nun laut Unterasinger keinen schriftlichen Mietvertrag. Doch die Lerchs bestehen auf ihr „lebenslanges Wohnrecht“. „Ich will keine unmenschlichen Töne anschlagen, und ich verstehe, dass so eine Räumung besonders im hohen Alter eine schwierige Sache ist. Aber mein Mandant ist nicht versorgungspflichtig für die Mieter“, sagt Franz Unterasinger. Ob das Haus abgerissen oder saniert werden wird, ist noch unklar.

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Das umkämpfte Haus am Entenplatz

Müde sehen die beiden Geschwister aus. Ihren weiteren Lebensabend werden die beiden Pensionisten wohl nicht mehr in der Wohnung am Entenplatz verbringen. Vorraussichtlich wird laut Unterasinger, die endgültige Räumung in spätestens 2 Monaten vollzogen. „Wir haben schon so viel mitgemacht. Ich weiß nicht, warum das jetzt noch sein muss“, seufzt Frau Lerch. Das Angebot, in eine zur Verfügung gestellte Ersatzwohnung zu ziehen, haben die Geschwister abgelehnt. Denn Familie Lerch will nicht gehen.

Wenn Eva nicht gerade im Annenviertel recherchiert, steckt sie ihre Nasen am liebsten in Bücher, geht ins Theater oder verreist. In ein paar Jahren wahrscheinlich in Berlin anzutreffen.

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