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Mit Nachhaltigkeit zurück in den Arbeitsmarkt

in VIERTEL(ER)LEBEN von

Das re.use in der Annenstraße gibt psychisch beeinträchtigten Menschen neue Perspektiven und versucht, sie wieder „jobfit“ zu machen. In Werkstätten, die ganz dem Prinzip der Nachhaltigkeit verschrieben sind.

Auf den ersten Blick wirkt das re.use wie ein gewöhnliches Sportgeschäft. Unzählige Fahrräder stehen aneinandergereiht im Verkaufsraum, aus den Lautsprechern tönt Popmusik und von der Kassa kommt ein freundliches „Grüß Gott!“. Aber wer genauer schaut, entdeckt hier außer Rädern auch noch eine Vielzahl weiterer Produkte: Wickelröcke, die aus alten Hemdsärmeln geschneidert wurden, Stofftiere, Pölster, Tragetaschen in unterschiedlichen Größen, kleine Geschenksbeutel, Armbänder aus Knöpfen, die von alten Hemden, Blusen oder Hosen abgetrennt wurden. Kein beliebiger Zubehör-Shop zur Fitness-Optimierung also – das re.use ist mehr.

„Wir geben Menschen, die aufgrund ihrer psychischen Beeinträchtigung nicht mehr im Berufsleben stehen können, wieder eine Perspektive“, erklärt Bettina Vögl, Fachtrainerin bei re.use, das vom Verein pro mente vor eineinhalb Jahren eröffnet wurde. Für 12 bis 18 Monate können diese hauptsächlich jungen Leute hier ein Trainingsprogramm absolvieren, um sich – wie es im Sozialjargon heißt – beruflich zu „rehabilitieren“. Es gibt ihnen die Möglichkeit, wieder zu sich selbst zu finden, ihre eigenen Stärken und Schwächen zu erkennen, Eigenverantwortung und Selbstorganisation zu lernen, soziale Kompetenzen und Selbstbewusstsein zu erlangen sowie Struktur in ihr Leben zu bringen. Dabei liegt es den Trainern besonders am Herzen, diese wichtigen Skills Schritt für Schritt aufzubauen.

Fachtrainerin Bettina Vögl betreut einen Teilnehmer in der Modewerkstatt.
Fachtrainerin Bettina Vögl betreut einen Teilnehmer in der Modewerkstatt.

Zu jedem Bereich – bei re.use gibt es eine Mode-, eine Siebdruck- und eine Fahrradwerkstatt – sind je ein Fach- und ein Sozialtrainer angestellt. Am Ende des Programms sollen die Teilnehmer in der Lage sein, selbstständig einen Job zu finden. Falls ihnen dies nicht auf Anhieb gelingt, können sie auch fortführende Weiterbildungen besuchen, die ihnen langfristig den Schritt ins Berufsleben erleichtern sollen. Welcher Weg letztendlich eingeschlagen wird, hängt vom persönlichen Interesse der Teilnehmer ab. Ein Teilnehmer hat etwa gleich nach Projektende den Weg zurück in den Arbeitsmarkt geschafft und arbeitet zurzeit im Bildungsbereich, zwei weitere haben einen beruflichen Neustart gewagt und machen nun Ausbildungen im Gesundheitsbereich.

Dennoch erweist sich der Einstieg ins Berufsleben nicht für alle derart leicht. „Die Arbeitslosenzahlen sprechen für sich. Wie schwer dann erst Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung einen Job finden, liegt auf der Hand“, sagt Bettina Vögl. Wichtig ist den Fachtrainern bei der beruflichen Rehabilitation, dass diese nicht als Beschäftigungstherapie angesehen wird, sondern als wirkliche Arbeit. Die Teilnehmer sollen bestmöglich auf den Arbeitsmarkt vorbereitet werden und arbeiten daher Vollzeit. Außerdem lernen sie den professionellen Umgang mit Industriemaschinen und bekommen Aufträge, die sie selbstständig umsetzen. So lassen sich immer wieder Gemeinden, Verbände aus dem Gesundheits- und Sozialwesen, Sportvereine, junge Designer und Künstler aber auch Privatpersonen von den Teilnehmern in der Siebwerkstatt ihre T-Shirts, Poloshirts, Pölster oder Stofftaschen bedrucken.

In der Siebdruckwerkstatt können die Teilnehmer ihrer Kreativität freien Lauf lassen.
In der Siebdruckwerkstatt können die Teilnehmer ihrer Kreativität freien Lauf lassen.

Bei „re.use bike“ reparieren sie alte Räder, so dass diese wieder den Verkehrsvorschriften entsprechen. Diese Räder werden dann verkauft oder vermietet. In der Modewerkstatt werden aus gebrauchter Kleidung Röcke, Taschen, Polster, Duftsackerl, Stofftiere und Armbänder hergestellt.

In der Radwerkstatt dürfen die Teilnehmer selbst Hand anlegen.
In der Radwerkstatt dürfen die Teilnehmer selbst Hand anlegen.

Leitendes Prinzip aller Werkstätten ist das der Wiederverwertung. Damit passt das Projekt auch gut ins Viertel, in dem es bereits verwandte Initiativen oder „sozialökonomische Betriebe“ wie BAN, Tagwerk, Carla oder Heidenspass gibt. Die Mitarbeiter von re.use sammeln Material, Geräte und Stoffe, die nicht mehr gebraucht werden, und geben ihnen neuen Wert. Auch dieser Gedanke, nichts ohne Grund wegzuwerfen, soll den Teilnehmern im Rahmen der beruflichen Rehabilitation mitgegeben werden.

Ein Aspekt, über den wir alle nachdenken sollten, wie Vögl findet. Etwa nach dem Motto: Bevor man sein kaputtes Rad auf den Müllplatz bringt, soll man es doch bei re.use reparieren lassen. Und wer etwas gar nicht mehr braucht und daher auch nicht mehr repariert haben möchte? „Wir freuen uns über jegliche Spenden. Am meisten profitieren wir von Hemden, Blusen, Stoffen, Vorhängen oder Knöpfen, die nicht mehr benötigt werden. Unsere Teilnehmer können diese dann sinnvoll weiterverarbeiten.“

Gewissermaßen das Motto von re.use.
Gewissermaßen das Motto von re.use.

Re.use ist ein Betrieb, der sich laufend weiterentwickeln muss, um für potenzielle Teilnehmer interessant zu bleiben. Deshalb ist der Standort im letzten Jahr um den Bereich re.use – fashion und damit einem zusätzlichen Betätigungsfeld für Teilnehmer erweitert worden.

Was die Fach- und Sozialtrainer bisher aus dem Projekt gelernt haben? „Jeder Tag ist eine neue Herausforderung“, erklärt Bettina Vögl. „Allerdings eine positive“, fügt sie schmunzelnd hinzu. „Es wird viel gelacht in der Werkstatt, der Zusammenhalt massiv gestärkt. Aber natürlich ist es nicht immer einfach.“

Ob sie in ihrer Arbeit auch manchmal an ihre Grenzen stößt? „Wir Fach- und Sozialtrainer versuchen so gut es geht, unsere Teilnehmer in ihrer beruflichen Rehabilitation zu unterstützen, aber die Motivation und das Interesse müssen stets von ihnen ausgehen. Nur dann können wir ihnen auch wirklich helfen. Der Wille zählt – dann steht ihnen die Arbeitswelt offen.“

[box]Kontakt re.use:
Annenstraße 34
8020 Graz
+43 (5) 0441-333
re.use@promentesteiermark.at

Öffnungszeiten:
Mo, Di, Do, Fr 09:00-17:00 Uhr
Mi 09:00-13:30 Uhr[/box]

Ein riesengroßer Radiofreak, der über die Meteorologie in den Journalismus gestolpert ist. Kommuniziert bis zum Umfallen. Am liebsten über's Mikrofon, aber gerne auch hier über die Annenpost. Weiß auch, wie das Wetter wird und liegt damit immer richtig. Naja, fast immer.

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