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Wir Kinder im Annenviertel

in VIERTEL(ER)LEBEN von

Mehrsprachigkeit – durch die Klassifizierung von Sprachen oftmals als Hindernis in der Schule gehandhabt. Aber kann sie nicht auch Chance sein? Wir haben drei Volksschulen im Annenviertel besucht, mit DirektorInnen, LehrerInnen und SchülerInnen gesprochen und uns selbst ein Bild gemacht.

Von den 29.000 Einwohnern im Bezirk Gries ist knapp ein Drittel MigrantInnen. Im Bezirk Lend kommen auf 23.500 Österreicher etwa 9.000 Menschen ohne österreichische Staatsbürgerschaft. In beiden Bezirken stammen die größten Gruppen aus denselben drei Ländern: Kroatien, Bosnien und Herzegowina und der Türkei.

Drei Herkunftsländer – doch es sind weit mehr Nationen, Sprachen und Religionen, die in einer ersten Klasse Volksschule aufeinander treffen. Insgesamt sechs Volksschulen gibt es im Annenviertel, drei davon statten wir in der letzten Schulwoche einen Besuch ab. Überall haben wir die Möglichkeit, sowohl mit LehrerInnen als auch mit SchülerInnen zu sprechen. Schon bei unserem ersten Besuch verlieren wir im Spiel gegen drei Achtjährige, weil wir vergessen, „uno“ zu sagen, als wir unsere vorletzte Karte ablegen. Es herrscht großes Gelächter. In fließendem Deutsch wird uns erklärt, dass wir alles falsch gemacht haben. Im Laufe des Gesprächs erfahren wir, dass die Kinder, mit denen wir spielen, aus drei verschiedenen Ländern stammen, drei verschiedene Muttersprachen haben und mit zwei verschiedenen Religionen aufwachsen. Würde jedes Kind in der Sprache seiner Eltern sprechen, könnten wir nun Albanisch, Arabisch und Türkisch hören.

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Kinder haben selbst keine Vorurteile, das Verhalten prägen die Eltern.

Dass das Zusammenleben so gut funktioniert, ist keine Selbstverständlichkeit. „Es gibt auch muslimische Eltern, die ihren Kindern verbieten, mit ChristInnen zu spielen. Aber das sind Einzelfälle“, erzählt uns etwa eine Lehrerin. Die von uns besuchten Schulen versuchen, den Kindern zu helfen, einander ihre Religionen gegenseitig zu vermitteln und Feste gemeinsam zu feiern, um Vorurteile zu bekämpfen. Auf die Frage, ob es den Kindern helfe, toleranter zu werden, heißt es: „Vielleicht nicht sofort, aber im späteren Leben auf jeden Fall.“

Vorurteile sind leider nicht die einzigen Probleme, mit denen sich die Pädagogen und Pädagoginnen konfrontiert sehen. Viele Kinder werden eingeschult, ohne sich in der deutschen Sprache ausreichend verständigen zu können. „Im ersten Schuljahr arbeitet man manchmal mit Händen und Füßen, weil die Kinder die einfachsten Worte nicht verstehen“, beschreibt ein Lehrer die Umstände. Für zusätzliche Unterstützung sorgen in der Volksschule deshalb sogenannte IKL-LehrerInnen – LehrerInnen für interkulturelles Lernen. Diese besuchen die Klassen jede Woche für einige Stunden, um zum Beispiel besser in Kleingruppen arbeiten zu können. So werden die Schwachen unterstützt und die Begabten gefördert.

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Eine Schülerin hinterlässt ihren Namen als Erinnerung auf Arabisch.

Mit der Einführung des verpflichtenden Kindergartenjahres verbessern sich zwar die Grundkenntnisse der Sprache, oft reicht es aber trotzdem nicht, um dem Unterricht zu folgen. Denn für einige Kinder ist das Umfeld in der Kinderbetreuungsstätte die einzige Konfrontation mit der Fremdsprache. Zuhause wird die Muttersprache gesprochen, deutschsprachige Freunde haben sie durch die sprachlichen Barrieren nicht. Eine Schwierigkeit, die sich in der Schule fortsetzt. Fragt man in einer Klasse, wer von den Kindern Deutsch als Muttersprache hat, heben sich kaum mehr als zwei Hände. Sobald fünf Kinder an einer Schule dieselbe Muttersprache besitzen, wird deshalb auch Unterricht in dieser Sprache angeboten. Die Volksschule bestellt dafür externe Lehrer, die zusätzlichen Nachmittagsunterricht betreuen.

Grundsätzlich gilt es, den Zusammenhalt zu stärken. „In der Volksschule orientieren sich die Kinder noch an den guten Schülern, da motivieren sie sich gegenseitig“, bemerkt eine Lehrerin. „Außerdem sind muslimische Kinder oft strenger erzogen – wenn man Ruhe sagt, ist wirklich Ruhe“, erklärt sie weiters. Wenig später sehen wir aber auch eine andere Perspektive: „Es gibt Kinder, die werden zuhause geschlagen. Die haben dann keinen Respekt, weil sie wissen, dass der Lehrer sie nicht angreifen darf. Das passiert, unabhängig von der Herkunft.“

Man erzählt uns von Eltern, die nicht lesen und schreiben können, von Kindern, die nicht wissen, wie man ein Buch hält. Aber auch davon, wie schön es ist, zu sehen, wie sich die Schüler weiterentwickeln: „Eigentlich ist es ein kleines Wunder, wie manche Kinder die Schule verlassen.“

Den jungen Menschen etwas beizubringen, gestaltet sich oft sehr aufwendig und geht nur sehr langsam voran. Umso wichtiger ist es, Selbstvertrauen zu schaffen und die Kinder zu motivieren. Musikalische Projekte bieten sich sehr gut an. „Meine Schüler singen in 14 Sprachen. Sie haben gelernt, sich zu präsentieren, sind selbstbewusster geworden und verstehen sich untereinander jetzt auch viel besser. Ich bin sehr stolz“, berichtet eine Lehrerin. „Es ist sehr schwierig, einen Siebenjährigen zu motivieren, der zuhause gesagt bekommt, er wird sowieso nie einen Job haben – aber so schafft man es dann doch.“

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Englisch und Deutsch singen die Kinder dieser dritten Klasse.

Auch wir bekommen ein zweisprachiges Lied dargeboten – von insgesamt elf Nationen. Und wenn die Kinder bereits so vielsprachig sind, wie sehen dann Elternabende aus? „Wir laden meistens Dolmetscher ein, manchmal übersetzen auch die Kinder selbst.“ Viele Eltern möchten ihren Kindern gerne helfen, können es aber nicht. „Manchmal stößt man als Lehrer schon an seine Grenzen, aber da muss man eben kreativ werden.“ Kreativ werden heißt konkret, Eltern zu bitten, in die Schule zu kommen, um etwas mit der Klasse zu basteln oder Fotos von Uhren in das Elternheft kleben zu lassen, um zu zeigen, dass die Kinder pünktlich in die Schule kommen müssen.

Schlussendlich bekommen wir ein Theaterstück zu sehen. „Schade, dass Sie später nicht mehr da sind. Da sprechen alle Kinder in ihrer Muttersprache“, wird uns gesagt. Wir sehen uns gemeinsam die Fotos an, die wir gemacht haben. „Ihr werdet schon besser“, lobt indes eine Schülerin unsere Spielkünste. Zum Abschied werden wir gefragt, ob wir denn wiederkommen würden. Wir müssen leider verneinen – und blicken in traurige Kindergesichter, in denen sich dank der Aussicht auf die Sommerferien aber bald wieder ein Lächeln abzeichnet. Viele Kinder reisen in ihre Heimatländer.

Die interkulturelle Arbeit, die an diesen Schulen geleistet wird, ist bestimmt nicht immer einfach. Doch die Kinder wirken neugierig, weltoffen und wissbegierig – somit kann das Engagement funktionieren.

Neben dem Schreiben hat die Südsteirerin auch noch andere Interessen, wie etwa die Musik. Klavierspielen und Gesangsstunden gehören seit Jahren zu ihrem Alltag. Auch Fußball ist ein Thema - zusehen und darüber schreiben, versteht sich. Das aber mit Leidenschaft. Eine besondere Verbundenheit gibt es außerdem zum Nachbarland Slowenien, das zumindest genetisch zu fünf Achteln ihre Heimat ist. Obwohl die Sprachenkenntnisse die Fähigkeit, die Speisekarte zu übersetzen, nicht übersteigen, werden Sprachen in jeder möglichen Form aufgenommen. So lautet auch das nächste Wunsch-Reiseziel: Australien!

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