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Wer braucht schon Call Shops?

Der unauffällige Call Shop „Reynabe“ in der Idlhofgasse ist voll. Geschätzte 10 Männer befinden sich in dem kleinen Geschäft, unterhalten sich und trinken Kaffee. Niemand telefoniert. Niemand verwendet die Computer.

„Keiner kommt mehr, um zu telefonieren. Nur noch Guthaben, für ihre Handys, holen sich die Leute“, erklärt der Betreiber Dilaver Daslein. Um eine Stunde lang das Internet zu verwenden, bezahlt man hier 1,40 Euro, doch auch dieses Angebot nehmen mittlerweile nur mehr wenige an.

Ursprünglich sollten Geschäfte wie diese Menschen ermöglichen, günstig ins Ausland zu telefonieren, oder auf den zu Verfügung stehenden Computern im Internet zu surfen. Doch das ist heute nur mehr Nebensache. Geht es nach dem Betreiber, sind große Handyanbieter wie A1 am Kundenschwund schuld. „Jeder hat schon Internet zu Hause und für 1000 Freiminuten muss man nur mehr 15 Euro bezahlen. Da braucht man keinen Call Shop mehr“, ist sich Daslein sicher.

Kurti und Emre kommen um zu reden, nicht um zu chatten.
Kurti und Emre kommen um zu reden, nicht um zu chatten.

Stammkunden gibt es trotzdem. Man kennt sich hier untereinander. Es sind täglich dieselben Gesichter, die in das Geschäft kommen. Man trifft sich, um zu reden, Kaffee zu trinken oder Dart zu spielen. Auch einen Fernseher mit Xbox gibt es. Der Shop wird mehr als Treffpunkt mit Unterhaltungsangebot wahrgenommen. Kurti ist einer der Stammgäste. Der türkischstämmige Mann ist arbeitslos und verbringt seine Zeit täglich im Call Shop. Es sei besser als alleine zu sein und man könne sich mit Freunden austauschen, meint er.

Geld verdienen lässt sich hier mittlerweile nur noch mit Geldtransfers ins Ausland. Daslein geht regelmäßig Kooperationen mit Western Union ein, einem Anbieter für weltweiten Bargeldtransfer. Dieser verlangt für eine Überweisung von 200 Euro in die Türkei Spesen von 5,50 Euro. Obwohl große Banken ihre Filialen nur wenige hundert Meter von dem kleinen Shop entfernt haben, bevorzugen es Dasleins Kunden, ihr Geld zu einem höheren Preis in seinem Geschäft transferieren zu lassen.

Kurti telefoniert im Shop nicht, er bevorzugt sein eigenes  Handy.
Kurti telefoniert im Shop nicht, er bevorzugt sein eigenes Handy.

Die Kundentreue kann dieser sich selbst nicht genau erklären: „Es liegt womöglich daran, dass viele kein Deutsch können. Andere vertrauen den großen Banken einfach nicht.“ Trotz dieser Geldgeschäfte muss Daslein um sein wirtschaftliches Überleben kämpfen. Auch der Konkurrenzdruck untereinander sorgt bei den Call-Shop-Betreibern für Probleme.

Esen Vakkas betreibt einen Shop mit dem Namen „Carsi“, ebenfalls in der Idlhofgasse. Auch hier spürt man die schwindende Kundenzahl: „Vor einem Jahr hatten wir noch zwölf Computer, jetzt sind es nur noch sechs.“ Telefone werden ebenfalls kaum noch benutzt. Die Computer mit Sichtschutz würden hauptsächlich von verheirateten Männern zum chatten verwendet, meint der Betreiber augenzwinkernd. Ein paar Mal im Monat kommen Rumänen vorbei, um mit ihren Familien zu skypen, bleiben jedoch nie länger als 30 Minuten. „Nicht genug, um davon zu leben“, meint Vakkas, der schon mit dem Gedanken spielt, auf eine Pizzeria umzusatteln.

Gähnende Leere. Eine Pizzeria wäre vermutlich rentabler.
Gähnende Leere. Eine Pizzeria wäre vermutlich rentabler.

Der Betreiber spielt auch hier mit dem Gedanken, eine Kooperation mit Western Union einzugehen. Es stimme zwar, dass sich mit Geldtransfers etwas verdienen ließe, jedoch verlange die Firma knapp 3000 Euro Kaution, um überhaupt erst in den Call Shop zu kommen. Angesichts des mäßigen Gewinns, den die Kooperation abwerfen würde, ist das für Vakkas nicht sonderlich rentabel.

Direkt im der Annenstraße hat der „Internationale Telefon Diskonter“ seinen Hauptsitz. Hier herrscht eine ganz andere Atmosphäre als in den Shops in der Idlhofgasse. Nichts Familiäres, fast schon steril. An der Eingangstür befindet sich ein Aufkleber mit der Aufschrift Western Union.

„Wir haben viele Stammkunden. Die kommen täglich, machen ihre Sachen und gehen dann wieder.“ Die Angestellte des Diskonters weiß um das familiäre Klima in den anderen Shops Beschied. Das sei der Grund, warum diese sich nicht halten würden. Leute kämen nur mehr, um sich zu treffen und das eigentliche Angebot der Call Shops würde nicht mehr angenommen. Der Diskonter lässt eine solche Kaffeehausatmosphäre nicht zu. Den Kunden werden keine Getränke angeboten. Selbst Stammkunden, die täglich hierher kommen, bleiben nicht länger als eine halbe Stunde.

1000 Freiminuten um 19 Euro, 1GB um 4 Euro,... Guthaben wird in jedem Shop angeboten.
1000 Freiminuten um 19 Euro, 1GB um 4 Euro,… Guthaben wird in jedem Shop angeboten.

Aber auch hier wird stark auf den Geldtransfer gesetzt. Western Union ist jedem ein Begriff. Überweisungen werden täglich getätigt. Viele, die sich dafür an den Shop wenden, haben kein eigenes Konto und können somit zu keiner Bank. „Außerdem dauert der Geldtransfer bei uns keinen Tag. Bei den großen Banken musst du schon fast eine Woche warten.“ Aus welchen Ecken der Welt die Kunden des Call Shops kommen, weiß nicht einmal die Angestellte genau. Von überall her kämen sie. Selbst Touristen nützten das Angebot des Shops . Lediglich Österreicher finde man so gut wie nie.

Über den Autor

Theresa Hartlauer
Theresa Hartlauer
Geboren in Österreich. Aufgewachsen in Kenia. Wahlheimat: Teneriffa. Ich reise leidenschaftlich gerne und könnte nicht ohne Musik und Kaffee in den Tag starten. Wenn ich gestresst bin, fange ich an zu backen, was mich vor allem in den Prüfungszeiten bei meinen Kollegen sehr beliebt macht.
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