Hör mir zu!

in VIERTEL(ER)LEBEN von

Das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in der Marschallgasse ist ein Platzhirsch im Annenviertel. Inmitten der zahlreichen Gänge und Räumlichkeiten gibt es eine kleine Station, in der fünf Menschen eine wichtige Aufgabe erfüllen: sie sprechen mit jenen, die nicht hören können.

In der Eingangshalle ist es still. Die Ambulanzzeit hat noch nicht begonnen. Zahlreiche Sitzgelegenheiten, eine bunt ausgestattete Kinderecke und die schon bereitgestellten Gläser lassen erahnen, wie voll es hier später werden wird. Dieses Wartezimmer ist kein Raum, in dem bloß nervös und bange dem Gespräch mit dem Arzt entgegengefiebert wird – hier treffen sich gehörlose Menschen aus der ganzen Steiermark, um soziale Kontakte zu pflegen, sich zu unterhalten und um verstanden zu werden.

Seit Jahresbeginn ist das kleine Team der Grazer Gehörlosenambulanz durch die Zusammenschließung der Barmherzigen Brüder Krankenhäuser Graz-Marschallgasse und Graz-Eggenberg für mehr Patienten zuständig als je zuvor. Ob sich das ausgeht? Momentan kommt das fünfköpfige Team der Ambulanz noch ganz gut zurecht: „Ein Ausbau des Personals wird aber frühestens in vier Jahren Thema sein, bis dahin müssen wir auskommen“, meint Dr. David Kaufmann.

Das lautlos wortreiche Team
Das lautlos wortreiche Team

Der leitende Arzt ist Mitglied eines Teams, das die österreichische Gebärdensprache beherrscht. Die österreichische Gebärdensprache ist seit 2005 in der Verfassung verankert, so erzählt er, unterrichtet wird sie jedoch kaum. Dadurch variiert die Sprachkompetenz und der Wortschatz, jede Person gebärdet ein wenig anders, und man muss sich auf jeden Einzelnen einstellen. Darum ist es in der Kommunikation wichtig, auch auf das Mundbild, also die Lippenbewegungen zu achten, und öfter nachzufragen. Auch die Körpersprache spielt eine wichtige Rolle und Unterschiede zwischen den Generationen kommen häufiger vor. So haben sich inzwischen eigene Gebärden für „facebook“ und andere Modewörter etabliert.

Der Allgemeinmediziner, eine Psychologin, eine Sozialarbeiterin, eine Krankenschwester und eine Sekretärin kümmern sich um jegliche Anliegen, die die Patienten haben und begleiten sie auch außerhalb des Krankenhauses. Wie die Mitarbeiter selbst zu der Sprache gekommen sind, ist ebenso unterschiedlich wie ihre Arbeitsbereiche: die Einen haben diese durch den direkten Kontakt mit gehörlosen Menschen auf der Ambulanz erlernt, die Anderen im Rahmen eines Lehrganges am Institut für Translationswissenschaft an der Uni Graz. Gebärdensprache ist für sie – wie jede andere Fremdsprache auch – leichter zu erlernen, wenn man im entsprechenden Umfeld ist und jeden Tag damit in Kontakt kommt. Kaufmann vergleicht die Arbeit in der Ambulanz mit einem Auslandsaufenthalt: „Wenn man die Tür aufmacht und es ist Ambulanzzeit, ist das wie wenn man ein fremdes Land betritt, wo die Menschen eine andere Sprache sprechen.“

Die Säulen der Ambulanz

Menschen, die nicht oder nur schlecht hören können, sind für gewöhnlich auch in ihrer schriftlichen Kompetenz sehr eingeschränkt. Auch Lippenlesen bietet nur einen unzureichenden Ersatz für Gebärdensprache – nur etwa ein Drittel der Laute kann korrekt abgelesen werden. So sind gehörlose Menschen in vielen Lebensbereichen stark benachteiligt, da nicht auf ihre Bedürfnisse eingegangen wird.

 Auf der Ambulanz wird auf eben diese Dinge seit nunmehr sechs Jahren Rücksicht genommen. Im Jänner 2008 ist sie aus dem Bedarf und dem Drängen der steirischen Gehörlosengemeinde, die immerhin aus etwa 1000 Mitgliedern besteht, entstanden. Den Menschen fehlte ein Ort, an dem sie medizinisch ausreichend aufgeklärt wurden, denn auch wenn die meisten Ärzte theoretisch wissen, wie man mit gehörlosen Patienten umgehen sollte – also langsam sprechen und sich vor allem Zeit für sie nehmen – setzen sie das in der Praxis oft nicht um. So kommt es oft vor, dass gehörlose Menschen ihre Diagnose nicht, oder nur unzureichend verstehen.

Medizin, Psychologie, Sozialarbeit
Medizin, Psychologie, Sozialarbeit

Hier setzt das Team der Ambulanz an. Da bei der Kommunikation kein Dolmetscher benötigt wird, trauen sich die Patienten außerdem, viel freier über ihre Probleme zu reden, denn nicht immer sind diese medizinischer Natur. So ist die Ambulanz auf drei Säulen aufgebaut: Medizin, Psychologie und Sozialarbeit. Neben der ärztlichen Betreuung ist in Fällen psychiatrischen Erkrankungen oder Problemen die eigene Psychologin zuständig und eine Sozialarbeiterin bietet Unterstützung bei rechtlichen Anliegen, begleitet die Patienten bei Behördengängen und hilft überall dort, wo schriftliche Kompetenz benötigt wird.

Das Wartezimmer ist nun voller Menschen. Erwachsene sitzen auf den Bänken, ein Kind spielt in der Ecke. Sie warten auf Beratung und Unterstützung ohne Worte. Obwohl der Raum mittlerweile gut gefüllt ist, hört man kaum jemanden sprechen. Die Gehörlosenambulanz ist zwar nicht einfach zu finden, hat man sie aber entdeckt, wird deutlich welch wichtige Funktion sie hat, denn obwohl es ruhig ist im Wartezimmer, wird doch viel kommuniziert.

Als Bücherwurm reist Milla nicht nur durch Mittelerde und Winterfell, die Weltenbummlerin fliegt auch gern von Australien über Europa nach Indien. Das Fernweh gehört zu ihr, wie ihre Waldviertler. Herausforderungen nimmt sie immer gerne an, vor allem wenn es um richtige Belichtungszeiten und spannende Motive geht. Meist mit einer Kamera bewaffnet steht die umweltbewusste Jungjournalistin vor allem ihrer großen Familie zur Seite und versprüht zu (fast) jeder Tageszeit Begeisterung und Freude. Wenn sie nicht gerade Yoga macht, bungeejumpt oder elektronische Musik vom feinsten hört, träumt sie von einer Radio-Karriere in Neuseeland und schneidet und filmt voller Leidenschaft.

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