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Über Nacht erwachsen

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Vor einem Jahr hatten Grazer Lokalmedien ein privates Heim für minderjährige Flüchtlinge in der Keplerstraße ins Visier genommen. Zum Jahreswechsel mussten die Jugendlichen nun ausziehen. Wie es dazu kam und was er von der Kritik hält, erklärt Heimleiter Shqipri Hajrizi im Gespräch mit der Annenpost.

Die Altbauten in der Keplerstraße mit den Hausnummern 75 und 77 scheinen verlassen. Auf der Fassade prangt ein Graffiti mit dem Wortlaut „Es geht bergauf“. Mit der Wirklichkeit hat das wenig zu tun, musste doch eines der beiden Gebäude, das bisher von minderjährigen Flüchtlingen, die ohne ihre Eltern nach Österreich gekommen sind, bewohnt wurde, kürzlich geschlossen werden.

Vorangegangen war der Schließung Kritik von verschiedenen Seiten. NGOs hielten die Einhaltung der Mindeststandards für nicht gewährleistet, und die FPÖ übte im Landtag Druck aus, um die Flüchtlingszuweisung zu vermindern. Lokalmedien warfen den Jugendlichen nach einer Messerstecherei im August 2013 erhöhte Gewaltbereitschaft vor. Nach einer Beschwerde einiger Heimbewohner musste ein Jugendlicher ausziehen. Dessen Freunde gerieten in weiterer Folge mit den verbliebenen Heimbewohnern aneinander und eine Diskussion endete für einen der Beteiligten mit Schnittverletzungen im Gesicht.

Heimbewohner
Zwei Bewohner der Keplerstraße 75: „Wir sind keine Kriminellen“

Heinz Fronek von der Asylkoordination in Wien erklärt die Schließung mit einem deutlichen Rückgang der Zahl von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen im Jahr 2013, weswegen viele Plätze nicht mehr nachbesetzt werden könnten. Dazu kommt, dass viele Jugendliche  von der Asylbehörde ein fiktives Geburtsdatum ­– in der Regel ist das der 1. Jänner – zugewiesen bekommen, wenn das tatsächliche nicht bekannt ist. Darum werden zum Jahreswechsel viele Flüchtlinge volljährig und müssen dann auf einmal die Einrichtung verlassen. Und schließlich wurde auch das Aufnahmekontingent in anderen Bundesländern erhöht. „Aus meiner Sicht ist es in dieser Situation durchaus positiv, dass gerade jene Einrichtungen geschlossen werden, die sich in der Vergangenheit als problematisch erwiesen haben“, meint Fronek.

Das private Asylheim wurde in der Vergangenheit auch vom Menschenrechtsbeirat kritisiert. Die Schließung von privaten Heimen, empfindet dieser aber nicht als befriedigende Lösung, so Elke Lujansky-Lammer, Vorsitzende des Beirats. Viel mehr empfiehlt sie dem Land zu intervenieren und die Standards klar zu regeln. Für Asylwerber müssten die gleich hohen Richtlinien gelten, wie für die Jugendwohlfahrt. Diese richtet sich zwar hauptsächlich an inländische Jugendliche, das dürfte sich aber nicht auf die Standards auswirken.

Bis vor kurzem beherbergte das Asylheim, das Amir Demiri gehört, der auch ein privates Heim am Lendplatz besitzt, in zwei Häusern minderjährige Flüchtlinge aus Afghanistan. Mehr als 100 Jugendliche waren in der Keplerstraße vergangenes Jahr untergebracht. Heute wohnen in der Keplerstraße 77 nur mehr 33 Minderjährige. Nach der Schließung steht das Haus allerdings nicht leer, sondern wird von erwachsenen Asylwerbern bewohnt und nach wie vor vom gebürtigen Kosovaren Shqipri Hajrizi geführt. Um zu erklären, wie es zu den Veränderungen kam, und um seine Seite der Geschichte zu erklären, hat sich die Annenpost zu einem Gespräch mit dem Heimleiter, der seit Oktober 2011 für die Jugendlichen zuständig ist, getroffen.

Shqipri Hajrizi verteidigt "seine Jungs"
Shqipri Hajrizi verteidigt „seine Jungs“

AP: Herr Hajrizi, das Heim in der Keplerstraße wurde geschlossen. Was passiert mit den Jugendlichen?

Hajrizi: Es heißt immer die werden weggegeben, aber das stimmt so nicht, sie kommen einfach nur nach nebenan. Wenn die Jungs volljährig sind, dürfen sie nicht mehr hier wohnen, dann kommen sie in das andere Haus. Noch dazu gibt es jetzt generell weniger Bewohner. Tirol und Kärnten nehmen mehr Flüchtlinge, und der Steiermark werden deshalb weniger zugeteilt. Außerdem sind bei uns an die 45 Minderjährige über Silvester erwachsen geworden – an nur einem Tag! Was mach´ ich mit denen? Einfach auf die Straße stellen? Nein! Ich bin da für die Jungs, egal was kommt. Ich werde sie immer betreuen.

AP: Private Asylheime wie Ihres wurden in der Vergangenheit wiederholt kritisiert. Ihnen wurde vorgeworfen, nicht den Standards gerecht zu werden und nicht mit Heimen von NGOs mithalten zu können.

Hajrizi: Es heißt immer: „Die sind Trottel, die haben keine Ahnung, nur die NGO’s sind super.“ Aber wir kümmern uns genauso gut um die Jungs wie die NGOs. Im Gegensatz zu denen sind wir halt sehr klein. Ich war damals, als ich aus dem Kosovo geflohen bin – damals herrschte Krieg und ich bin völlig alleine nach Österreich gekommen – auch in einem privaten Asylheim. Das war furchtbar, wir hatten gar nichts. Diese seelischen Narben, die dadurch bei mir entstanden sind, versuche ich jetzt zu heilen, indem ich den Jungs helfe. Außerdem werden wir ein bis zwei Mal im Monat unangemeldet kontrolliert. Die Jungs werden alleine befragt. Alles wird genau angeschaut. Die Betreuer sind auch verpflichtet zu kontrollieren, ob um 22 Uhr alle anwesend sind. Die Einhaltung der Standards ist also gewährleistet.

Hajrizi „Wir sind keine Trottel."
Hajrizi: „Wir sind keine Trottel!“

AP: Was sagen Sie zu den Vorwürfen, dass sich die Betreiber privater Asylheime nur bereichern und Profit machen wollten?

Hajrizi: Das stimmt nicht. Ich mache das hier um zu helfen. Ich glaube, kein Außenstehender hat erlebt, was ich und die Jungs erlebt haben. Ich hab das alles selbst  durchgemacht. Wenn ich das sehe, dann denke ich an mich. Ich weiß was sie durchmachen. Wenn einer sagt, dass er seine Familie vermisst, dann kann ich das nachempfinden. Ich weiß wovon er redet. Ich hatte damals meine Mutter nicht, meinen Vater nicht, meine Geschwister nicht, und ich wusste auch nicht, wo sie sind. Wenn die Jungs sagen, ich weiß nicht, wo meine Familie ist, dann kann ich mit ihrem Schmerz mitfühlen. Ich glaube nicht, dass jemand, der so etwas nicht erlebt hat, das verstehen kann. Und letztlich hat mir das Landesflüchtlingsbüro diese Aufgabe auch zugetraut.

AP: Wenn die Jungs angeblich keine Probleme machen, wozu lassen Sie dann den Eingangsbereich mit einer Kamera überwachen?

Hajrizi: Die Kamera ist da, um die Kriminalität einzuschränken. Es kommt öfter vor, dass Unbefugte das Heim betreten. Einmal wurden den Jungs die Schuhe gestohlen, und ein anderes Mal kamen Islamisten, die die Jugendlichen von ihrer Religion überzeugen wollten. Die Kameras sind also nicht zur Überwachung der Jungs. Wir wollen vorbeugen. Das wird auch von der Polizei sehr positiv aufgenommen. Einmal war eine Prügelei vor der Tür, da wollten sie von uns die Aufnahmen haben, weil die Kamera auch die Eingangstür im Bild hat.

AP: In den Medien wird Asylwerbern häufig unterstellt, sie seien gewalttätig und kriminell. Was sagen Sie dazu?

Hajrizi: Früher gab es manchmal Schubser oder Schlägereien unter den Jungs. Wenn die Betreuer da eingreifen, ist das aber schnell vorbei. Die geben sich dann die Hände und verzeihen einander. Wenn Afghanen sich die Hand geben, gibt’s kein Nachtragen mehr. Ich hab Vertrauen in die Jungs. Sie sollen auch nicht in den Volksgarten gehen, sonst heißt es gleich wieder, die dealen mit Drogen. Wenn die Polizei aber einen Jungen erwischt, weil er Drogen verkauft, hat er bei mir keinen Platz mehr. Wenn einer abhängig ist, kann man darüber reden, da gibt’s Anlaufstellen. Aber Drogendealer dulden wir hier nicht, da geht’s nur um Profit. Ich bin der Erste, der das bei der Polizei anzeigt. Ich bin da für Menschen, die Integration wollen, nicht für Kriminelle. Wenn einer von 90 kriminell ist, dann heißt das nicht, dass alle kriminell sind. Dann ist es tatsächlich nur einer!

Kriminalität wird in seinem Heim nicht akzeptiert.
Kriminalität wird in „seinem Heim“ nicht akzeptiert.

AP: Welche Chance haben Jugendliche, die aus Afghanistan nach Graz kommen?

Hajriz: Hierher kommen die Jungs mit Ambitionen und überzogenen Vorstellungen, die schon in Afghanistan geweckt wurden. Wenn sie hierher kommen, müssen wir ihnen sagen: So ist das nicht! Oft fangen wir ganz von vorne mit ihnen an. Zum Beispiel: Wie trenne ich Müll? Wie halte ich Ordnung? Was ist gut und was ist schlecht? Man glaubt es nicht, aber wenn die Jungs zu uns kommen, dann wissen sie das alles nicht. Wir haben hier auch ein Klassenzimmer wo die Jungs Deutschunterricht bekommen. Sie  sprechen alle sehr gut Deutsch, weil auch die Lehrerin sehr gut ist. Wir haben insgesamt 15 Schüler,   der Rest wird vom AMS beschäftigt. Es heißt immer, „die tun nix’“, aber das stimmt so nicht.

AP: Würden Sie also behaupten, dass Ihr System der Integration funktioniert?

Hajrizi: Ja, auf jeden Fall. Die sind wie eigene Kinder. Es geht darum, dass sie selbstständig werden. Wir begleiten sie so lange, bis sie alles alleine schaffen. Wir haben auch einen Jugendlichen, der jetzt im Weitzer arbeitet. Der bedient mich, wenn ich rein gehe, der bedient die anderen Gäste, der bedient die Österreicher. Das macht schon stolz, wenn man bedenkt, dass manche Einheimische schon Schwierigkeiten haben, da rein zu kommen.

Von Marion Kirbis und Theresa Hartlauer

Geboren in Österreich. Aufgewachsen in Kenia. Wahlheimat: Teneriffa. Ich reise leidenschaftlich gerne und könnte nicht ohne Musik und Kaffee in den Tag starten. Wenn ich gestresst bin, fange ich an zu backen, was mich vor allem in den Prüfungszeiten bei meinen Kollegen sehr beliebt macht.

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